Projekte

Psychische Gesundheit von Studierenden und Hochschulbeschäftigten
Rosa Freiheit, Lara Anabell Thiesen, Anika Küchenhoff, Stefanie M. Helmer
Knapp 18 Millionen Erwachsene in Deutschland sind jährlich von psychischen Erkrankungen betroffen, das sind fast 28 % der Bevölkerung (1). Hochschulen gelten dabei als Orte, an denen sowohl Mitarbeitende (2) als auch Studierende (3) mit vielfältigen Belastungen konfrontiert sind. Laut DAK-Gesundheitsreport 2022 sind 19 % aller Arbeitsunfähigkeitstage psychisch bedingt (4). Hochschulangestellte arbeiten unter erheblichem Stress (2) und kognitive Erschöpfungssymptome sowie Zeitdruck nahmen insbesondere bei wissenschaftlichen Mitarbeitenden in den letzten Jahren zu (5).
Für Studierende stellt das Studium häufig eine Umbruchsphase dar, in der sie sich neuen Anforderungen stellen müssen, z.B. dem eigenverantwortlichen Lernen und dem selbstständigen Zeitmanagement (6). Verschiedene nationale und internationale Studien belegen, dass psychische Belastungen unter Studierenden in den letzten Jahren zugenommen haben (7,8). Laut der deutschen Studie „COVID-19 German Student Well-being Study“ lagen die Prävalenzen während der COVID-19-Pandemie bei 29 % für depressive Störungen und 32 % für Angstzustände (9). Ein Zusammenhang besteht zudem zwischen depressiven Symptomen und weniger Leistungsvermögen im Studium sowie erhöhter Studienabbruchgefahr (9).
Die Erhebung der psychischen Belastungssituation an Hochschulen bei Beschäftigten und Studierenden ist demnach sehr wichtig. Zudem ist die psychische Gefährdungsbeurteilung, d.h. die Erfassung psychischer Belastungen und Ressourcen auf Basis theoretisch fundierter und erprobter Instrumente, für Beschäftigte gemäß § 5 ArbSchG und für Studierende gemäß DGUV Vorschrift 1 (Grundsätze der Prävention) gesetzlich vorgegeben. Hierfür wurde für Beschäftigte der „Bielefelder Fragebogen zu Arbeitsbedingungen (BiFrA)“ und für Studierende der „Bielefelder Fragebogen zu Studienbedingungen (StudiBiFra)“ entwickelt (5,10). Beide Fragebögen basieren auf dem Sozialkapitalansatz nach Badura, wonach Vertrauen, Zusammenarbeit und gemeinsame Werte zentrale Voraussetzungen für Gesundheit und Leistungsfähigkeit in Organisationen darstellen (11).
An der Universität Bremen wurde 2018 mithilfe des BiFra bereits eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen bei Beschäftigten durchgeführt. Eine vergleichbare Maßnahme für Studierende steht noch aus. Im Sommersemester 2026 sollen nun sowohl Beschäftigte erneut als auch Studierende erstmals systematisch befragt werden. Die Befragungen erfolgen online über LimeSurvey und dauern je nach Adressat*innengruppe zwischen 20 und 30 Minuten. Die Teilnahme ist freiwillig und anonym. Die Fragebögen adressieren in zwei Abschnitten die Themen „strukturelle Bedingungen (z. B. Arbeits-/Studienbedingungen, Führung, Zusammenarbeit)“ und „Auswirkungen auf Gesundheit und Leistung“ (12). Ergänzend wird der subjektive Handlungsbedarf abgefragt, der eine direkte Priorisierung von Maßnahmen durch die Befragten ermöglicht (5).
Ziel des Projekts ist es, gesundheitsgefährdende Belastungen und förderliche Ressourcen sowohl bei Studierenden als auch bei Beschäftigten der Universität Bremen sichtbar zu machen. Für die Beschäftigten ergibt sich die Möglichkeit, Entwicklungen im Vergleich zur Befragung von 2018 nachzuvollziehen. Für beide Zielgruppen können darüber hinaus hochschulübergreifende Vergleiche erfolgen, da die eingesetzten Instrumente deutschlandweit erprobt sind (13). Langfristig sollen gesundheitsförderliche Studien- und Arbeitsbedingungen weiterentwickelt und eine Hochschulkultur gestärkt werden, die auf psychisches Wohlbefinden, Anerkennung, Beteiligung und gute Rahmenbedingungen achtet.
Mit dem Projekt geht die Universität Bremen einen wichtigen Schritt: Belastungen und Ressourcen werden systematisch erfasst, um gezielt Maßnahmen entwickeln zu können. Das Projekt wird durch Sondermittel der Universität Bremen gefördert.
Rosa Freiheit, B.A.; Lara Anabell Thiesen, B.A.; Anika Küchenhoff, BSc; Dr. Stefanie M. Helmer
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP | AG Evidence Based Public Health
Literatur
1. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). [Zitiert 9. Juli 2025]. Psyche und Pandemie. Verfügbar unter: www.dgppn.de/schwerpunkte/corona/psyche-und-pandemie.html
2. Mátó V, Tarkó K, Lippai L, Nagymajtényi L, Paulik E. Psychosocial Work Environment Risk Factors Among University Employees – A Cross-sectional Study in Hungary. Slov J Public Health. 2020;60(1):10.
3. Depressive Symptoms Among Higher Education Students in Germany-A Systematic Review and Meta-Analysis - PubMed. [Zitiert 15. September 2025]. Verfügbar unter: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38978768/
4. Schumann M, Marschall J, Hildebrandt S, Nolting HD. Gesundheitsreport 2022: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Risiko Psyche: Wie Depressionen, Ängste und Stress das Herz belasten. 1. Auflage. Storm A, Herausgeber. Heidelberg: medhochzwei Verlag; 2022. 1 S.
5. Burian J, Radtke JS, Schulte J. Stress und Zeitdruck – Situation von wissenschaftlichen Mitarbeitenden seit COVID-19. DGUV Forum – Fachmedium Für Prävent Rehabil Versicherungsrecht Forsch. 2022 [zitiert 11. Juli 2025];2022(7). Verfügbar unter: pub.uni-bielefeld.de/record/2966296
6. Hofmann FH, Sperth M, Holm-Hadulla RM. Psychotherapie | Psychische Belastungen und Probleme Studierender | springermedizin.de. 2017;395.
7. Gusy B, Lesener T, Opper F, Wolter C. Was wissen wir über die psychische Gesundheit von Studierenden in Deutschland? Public Health Forum. 1. Juni 2024;32(2):80–2.
8. Kählke F, Küchler AM, Baumeister H, Ebert DD. StudiCare erfolgreich und gesund studieren – ein umfassendes deutsches und internationales Projekt zur Förderung der psychischen Gesundheit von Studierenden. 1816;
9. Heumann E, Helmer SM, Busse H, Negash S, Horn J, Pischke CR, u. a. Depressive and anxiety symptoms among university students during the later stages of the COVID-19 pandemic in Germany - Results from the COVID 19 German Student Well-being Study (C19 GSWS). Front Public Health. 2024;12:1459501.
10. Lehnchen J, Helmer SM, Heinrichs K, Burian J, Deptolla Z, Heumann E, u. a. Assessment of study conditions, needs for action and students’ mental health in Germany – results from the cross-sectional StudiBiFra study. J Public Health Berl. 2025;
11. Badura B, Greiner W, Rixgens P, Ueberle M, Behr M. Sozialkapital: Grundlagen von Gesundheit und Unternehmenserfolg. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; 2013 [zitiert 13. Juli 2025]. Verfügbar unter: link.springer.com/10.1007/978-3-642-36913-1
12. Bielefelder Fragebogen - Universität Bielefeld. [Zitiert 1. September 2025]. Verfügbar unter: www.uni-bielefeld.de/verwaltung/dezernat-p-o/gesundheitsmanagement/bielefelder-fragebogen/
13. Burian J, Psych M. Arbeitsbedingungen und psychische Gesundheit an Hochschulen: Aktuelle Erkenntnisse aus Befragungen mit dem Bielefelder Fragebogen. Fachtagung „Psychische Gesundheit am Arbeits- und Studienplatz Hochschule“; 2022.
Zitierweise
Freiheit R, Thiesen LA, Küchenhoff A, Helmer SM. Psychische Gesundheit von Studierenden und Hochschulbeschäftigten. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):29. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

