Projekte

Forschungscluster Gesunde Stadt Bremen – interprofessionell, digital, nachhaltig
Julita Skodra
Seit Mitte bzw. Ende 2022 wurden in sechs Teilprojekten von fünf Doktorand*innen und einer PostDoc an wissenschaftsbasierten Lösungsvorschlägen für die aktuellen Herausforderungen der gesundheitlichen und sozialen Ungleichheiten im Land Bremen zur Etablierung einer gesunden Stadt aus einer gesundheitswissenschaftlichen Perspektive gearbeitet. Jedes Teilprojekt wurde von Teams aus Forscher*innen von mindestens zwei Hochschulen im Land Bremen betreut (für Details siehe https://gesundheitscampusbremen.de/forschungscluster/).
Fiona Harms, Abteilung Gesundheit und Gesellschaft des IPP
Gesundheitliche Risiken bei Jugendlichen: Differenzen in Selbst- und Fremdwahrnehmung für die lokale Präventionspraxis partizipativ nutzbar machen
Das Forschungsprojekt „Gesundheitliche Risiken bei Jugendlichen: Differenzen in Selbst- und Fremdwahrnehmung für die lokale Präventionspraxis partizipativ nutzbar machen“ untersucht, wie Jugendliche selbst gesundheitliche Risiken wahrnehmen und inwiefern diese Sichtweisen mit den Einschätzungen von Präventionsfachkräften übereinstimmen. Anlass sind aktuelle Herausforderungen wie exzessive Mediennutzung, Cannabis-Konsum, psychische Belastungen seit der Coronakrise, Gewalt an Schulen sowie der Gebrauch von E-Zigaretten.
Während Expert:innen Risiken meist von außen definieren, richtet das Projekt den Blick auf die Perspektiven der Jugendlichen in Bremen – erhoben durch Fokusgruppen, problemzentrierte Interviews und Exper:tinnengespräche. Erste Ergebnisse zeigen: Jugendliche sehen besonders in Medien- und Suchtverhalten Handlungsbedarf, benennen aber auch Essstörungen und Glücksspiel. Auffällig ist zudem die starke Belastung durch Schule, die sie mit Stress, Schlafproblemen und gesundheitlichen Beschwerden verbinden – Aspekte, die von Fachkräften häufig unterschätzt werden.
Die Jugendlichen kritisieren bestehende Maßnahmen als unzureichend und fordern mehr Unterstützung an Schulen sowie eine stärkere Beteiligung „auf Augenhöhe“ bei der Entwicklung von Präventionsstrategien.
Lydia Wendt, Abteilung Versorgungsforschung des IPP
Stadtteilbezogene Versorgung rund um die Geburt - eine Evaluation der Bremer Hebammenzentren
Dieses Projektevaluiert die Hebammenzentren, die vom Land Bremen in unterversorgte Stadtteile implementiert wurden. Organisiert von der Hans-Wendt-Stiftung Bremen arbeiten hier freiberufliche Hebammen im Team, unterstützt durch eine Koordination und eine Teamassistenz. Die Evaluation erfolgt in diesem Promotionsprojekt für drei Hebammenzentren durch die Auswertung von Versorgungsdaten und eines quantitativen Fragebogens sowie durch Fokusgruppen mit Nutzerinnen und qualitative Interviews mit den Fachkräften der Hebammenzentren.
Aus der Auswertung der qualitativen Daten geht hervor, dass Ort, Ausstattung und die offenen Angebote sowie Kurse besonders positiv bewertet werden. Vorteile der Versorgung im Team sind für die Hebammen z. B. die festen Arbeitszeiten und der Austausch untereinander und für die Frauen die verschiedenen Perspektiven und Wechselmöglichkeiten. Unterschiedliche Meinungen, Informationsverluste und organisatorische Prozesse können auch hinderlich für den Versorgungsprozess sein.
Die qualitativen Daten zeigen, dass die Hebammenzentren von den Frauen gut angenommen werden. Diese Ergebnisse werden im nächsten Schritt durch die Auswertung der quantitativen Daten ergänzt, um erweiterte Aussagen über den Zugang, die Versorgung und die Zufriedenheit der Frauen zu treffen.
Janine Moser, Abteilung Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung des IPP
Digitale Technologien zur Förderung der sozialen Interaktion und Teilhabe für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf im ambulanten Bereich
Digitale Technologien rücken vor dem Hintergrund sozialer Isolation und Einsamkeit von ambulant versorgten Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf zunehmend in den Fokus. Sie haben das Potenzial, Herausforderungen bei der Anbahnung, Ausgestaltung und Aufrechterhaltung der sozialen Interaktion und Teilhabe von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf zu überwinden und soziale Interaktionen durch virtuelle und ortsunabhängige Aktivitäten zu erleichtern.
Die vorläufigen Ergebnisse aus Reviews und Expert*inneninterviews dieses Forschungsprojekts zeigen, dass die in der Forschung am meisten vorkommenden Technologien aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Robotik stammen und hauptsächlich für ältere Menschen entwickelt werden. In der Versorgung von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf in Deutschland scheinen jedoch wenig Innovationen anzukommen. Aus den Interviews lassen sich insbesondere strukturelle Hemmnisse identifizieren: Neben fehlenden oder unzureichenden Digitalkompetenzen mangelt es häufig an personeller Unterstützung und finanziellen Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass digitale Technologien bislang möglicherweise noch nicht als ausreichend effektiv oder effizient wahrgenommen werden.
Damit digitale Technologien ihr Potenzial zur Verbesserung der sozialen Teilhabe tatsächlich entfalten können, bedarf es eines umfassenden Ansatzes, der sowohl den Ausbau von Digitalkompetenzen als auch die Schaffung struktureller Voraussetzungen gezielt fördert.
Ellen Dunker, Abteilung Pflegewissenschaftliche Evaluations- und Implementierungsforschung des IPP
Präventive Hausbesuche für ältere Menschen: Formative Evaluation im Mixed-Methods-Design des Modellprojekts im Bundesland Bremen
Präventive Hausbesuche (PHB) für ältere Menschen sind aufsuchende, anlassunabhängige Besuche zur Vorbeugung von Pflegebedürftigkeit und sozialer Isolation sowie zur Gesundheitsförderung im häuslichen Umfeld. Im Land Bremen wurden PHB in einem Modellprojekt erprobt und begleitend in einem Mixed-Methods-Design evaluiert, um Wirkmechanismen und Erfolgsfaktoren zu identifizieren. Hierfür wurden Interviews mit der Zielgruppe und Projektverantwortlichen durchgeführt und der Dokumentationsfragebogen quantitativ ausgewertet. Parallel wurde basierend auf einem Realist Review und Expert*inneninterviews eine Programmtheorie entwickelt.
Im Evaluationszeitraum (03/2023-01/2025) resultierten aus 1.253 Einladungen 125 PHB in Bremen (19,3%) und 139 in Bremerhaven (23,0%). Zusätzlich meldeten sich 17 bzw. 74 Personen eigeninitiativ. Die erreichte Zielgruppe war überwiegend weiblich und in Deutschland geboren, Selbstmeldende waren häufiger gesundheitlich und sozial beeinträchtigt.
Die Interviews verdeutlichten, dass lokale Angebote oft unbekannt waren und PHB das Gefühl vermittelten, wahrgenommen zu werden. Für den Projekterfolg erwiesen sich ein verbindliches Konzept, gemeinsames Zielverständnis, gesicherte Finanzierung und eine systematische Zielgruppenansprache als zentral. Die Programmtheorie zeigte, dass eine vertrauensvolle Beziehung zur Besuchskraft und deren Fachkompetenz entscheidend für die Bedarfserfassung und Auswahl geeigneter Maßnahmen sind.
Die gewonnenen Erkenntnisse können zur Optimierung bestehender PHB-Programme beitragen und eine Implementierung in anderen Regionen begünstigen.
Mattis Keil, Janina Martens, Abteilung Management im Gesundheitswesen des IPP
Klimafreundlichkeit von Gesundheitseinrichtungen in Bremen
Das Vorhaben des Teilprojektes „Gesunde Stadt Bremen aus der Sichtweise Planetarer Gesundheit“ bestand aus vier Arbeitspaketen (AP):
AP 1 sollte ursprünglich eigene Indikatoren zur Klimaanpassung von Gesundheitssystemen entwickeln. Dieses Vorhaben wurde nach Veröffentlichung entsprechender WHO-Leitlinien aufgegeben, da dort bereits ein umfassendes Set international abgestimmter Indikatoren vorliegt.
In AP 2 wurde ein ausgabenbasierter Ansatz zur THG-Bilanzierung entwickelt und an einem gemeinnützigen Bremer Krankenhaus exemplarisch erprobt. Grundlage bilden standardisierte Finanzbuchhaltungsdaten, die mit spezifischen Emissionsfaktoren verknüpft werden, um eine vollständige Bilanzierung entlang der drei Bereiche des Greenhouse Gas Protocols (Scopes 1–3) erstellen zu können.
AP 3 diente der methodischen Weiterentwicklung sowie der Anwendung des Ansatzes in Kooperation mit mehreren Krankenhäusern. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die entwickelte Methodik in unterschiedlichen organisatorischen Kontexten umsetzen lässt und welche Bezugsgrößen für Vergleiche zwischen Einrichtungen geeignet erscheinen. Ergänzend fand eine Bottom-Up-Berechnung der Emissionsfaktoren anstelle der Top-Down-Berechnung des vorherigen Teilprojektes statt, um die methodische Basis zu erweitern.
AP 4 befindet sich in Planung. Durch eine Gruppendiskussion mit Nachhaltigkeitsverantwortlichen sollen Chancen, Hürden und praxisnahe Optimierungsansätze identifiziert werden, um Klimaschutz im Klinikalltag gezielt zu stärken.
Dr.-Ing. Julita Skodra, Abteilung Sozialepidemiologie des IPP
Entwicklung und Erprobung eines Konzeptes für ein integriertes kleinräumiges Monitoring zur Entscheidungsunterstützung für eine nachhaltige und gesundheitsfördernde Stadtentwicklung
Städtische Umgebungen stellen unterschiedliche Herausforderungen dar, bieten aber gleichzeitig auch Chancen für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Stadtbewohner*innen. Soziale, politische und wirtschaftliche Determinanten der Gesundheit wie die Qualität von Wohnraum und Einzelhandel, Möglichkeiten für hochwertige Beschäftigung und Bildung sowie aktive Mobilität und eine gesundheitsfördernde Umgebung sind innerhalb der Stadt nicht gleichmäßig verteilt. Ein kleinräumiges Monitoring von Determinanten urbaner Gesundheit ermöglicht1) die Identifizierung kritischer und kumulativer Aspekte innerhalb von Städten, die gesundheitliche Ungleichheiten verursachen, und 2) die Überwachung der Auswirkungen entwickelter Strategien und Maßnahmen, die diese verringern können.
In diesem Projekt entwickeln wir ein integriertes kleinräumiges Monitoring als Informations- und Entscheidungsgrundlage für eine nachhaltige und gesundheitsfördernde Stadtentwicklung. Neben den bestehenden Monitoring-Konzepten und Indikatoren-Sets aus einem systematischen Review hat dieses Monitoring-Projekt lokale Akteur*innen einbezogen, um Indikatoren zu identifizieren, die für das Land Bremen relevant sind. Darüber hinaus wurden während der Tagung „Gesunde Stadt“ 2024 mit einem interdisziplinären Publikum aus Wissenschaft und Praxis mögliche Implikationen der Erfahrungen aus der Stadt Berlin mit der Entwicklung des Umweltgerechtigkeitsatlas für das Land Bremen diskutiert.
Für das Land Bremen wurde Potenzial gesehen, bestehende Monitoringstrukturen weiterzuentwickeln, zugleich aber auf Herausforderungen wie fragmentierte Datenlagen hingewiesen. In der nächsten Phase erprobt dieses Monitoring-Projekt die sektorenübergreifende Datenintegration und stellt definierte Indikatoren räumlich mittels eines geografischen Informationssystems dar. In der letzten Phase wird die konkrete Umsetzbarkeit des Monitoring-Konzepts untersucht und auswertet.

Dr.-Ing. Julita Skodra, Wissenschaftliche Koordinatorin des Forschungsclusters Gesunde Stadt Bremen
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP | Abt. Sozialepidemiologie
Zitierweise
Skodra J. Forschungscluster Gesunde Stadt Bremen - interprofessionell, digital, nachhaltig. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):30-31. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

