Projekte

Die Wohnumgebung und aktive Mobilität älterer Erwachsener – Ergebnisse aus intersektionalitätsinformierten Analysen von Daten aus dem AFOOT-Forschungsprojekt
Sophie Horstmann, Sabine Baumgart, Gabriele Bolte
Körperliche Aktivität ist bedeutend für ein gesundes und aktives Altern. Insbesondere die aktive Mobilität, das heißt das Zufußgehen und Radfahren zu Alltagszielen, stellt hierbei eine einfache Möglichkeit dar, um körperliche Aktivität in das tägliche Leben zu integrieren (Nguyen and Mertens, 2021). Studien konnten die Gestaltung der Wohnumgebung als wichtigen Einflussfaktor identifizieren, der sich darauf auswirkt, ob und in welchem Umfang ältere Menschen aktiv mobil sind (Brüchert et al., 2020; Nguyen and Mertens, 2021). Innerhalb dieser Studien werden ältere Menschen allerdings meistens als homogene Gruppe mit einheitlichen Bedürfnissen behandelt. Diesem Ansatz steht entgegen, dass das Altern ein heterogener Prozess ist. Jede Person altert und bringt ihre individuelle Kombination aus physischen and psychischen Eigenschaften, soziodemographischen Charakteristika und Lebenslagen sowie gesammelten Erfahrungen ein. Als Resultat entsteht eine große Heterogenität innerhalb der Gruppe älterer Erwachsener (Weßel, 2022), die sich auch in Bezug auf Bewegungsmuster, die genutzten Fortbewegungsmethoden und Präferenzen in Bezug auf die Gestaltung der Wohnumgebung zeigt (Oxley and Whelan, 2008). Die Gestaltung von alternsgerechten und bewegungsfördernden Wohnumgebungen macht somit zunächst die Identifikation dieser unterschiedlichen Bedarfe erforderlich.
Von 2015 bis 2022 wurde in Zusammenarbeit der Abteilung für Sozialepidemiologie des Instituts für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen und der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund das Forschungsprojekt AFOOT - Alternd zu Fuß oder mit Fahrrad: urban mobil ohne Stress durchgeführt. Das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Forschungsprojekt hatte zum Ziel strategische Verbindungen zwischen räumlicher Planung und Public Health zu knüpfen, um körperliche Aktivität als eine Form von Alltagsmobilität im Alter zu fördern. Hierbei wurden unter anderem im Rahmen einer Querschnittserhebung ältere Erwachsene aus Klein- und Mittelstädten der Metropolregion Bremen-Oldenburg zum Zufußgehen, Radfahren und zu ihrer Wohnumgebung befragt (Brüchert et al., 2020). Die Daten von 2148 Teilnehmenden - 47% Frauen und 53% Männer im Alter von 65 bis 99 Jahren - wurden nun aus einer intersektionalen Perspektive heraus für weitergehende Analysen herangezogen. Ziel der aktuellen Untersuchung war es, in der Gruppe älterer Erwachsener unterschiedliche Subgruppen in Bezug auf die Nutzung verschiedener Transportmöglichkeiten zu identifizieren und im Anschluss für jede dieser Gruppen die Bedarfe an die Gestaltung der Wohnumgebung und Gründe für die Wahl der Fortbewegungsmethode zu ermitteln.
Durch die Verwendung von Entscheidungsbäumen konnten in der statistischen Analyse insgesamt acht unterschiedliche Subgruppen identifiziert werden, die sich deutlich in Bezug auf die Häufigkeit unterscheiden, mit der sie verschiedene Transportmöglichkeiten nutzen. Als wichtige Variablen zur Bildung der Subgruppen zeigten sich hierbei neben der Vielfalt von Alltagszielen in der Wohnumgebung Mobilitätseinschränkungen, der Gesundheitszustand und das Geschlecht der Teilnehmenden. Der Vergleich der Einschätzung der Bedeutung verschiedener Eigenschaften der Wohnumgebung sowie der Gründe, die Teilnehmende in der Wahl ihrer Fortbewegungsmethode beeinflussen, machte Unterschiede zwischen den identifizierten Subgruppen sichtbar. So wiesen Frauen mit Mobilitätseinschränkungen einen großen Bedarf nach Sicherheit in Bezug auf Verkehr, Kriminalität und vor Stürzen auf. Auch bewerteten sowohl Männer als auch Frauen mit Einschränkungen in ihrer Mobilität eine kurze und vorhersehbare Dauer zur Bewältigung der Strecken als wichtig für die Wahl der Fortbewegungsmethode.
Unsere Ergebnisse verdeutlichen die Unterschiede in der Verwendung verschiedener Transportmöglichkeiten und in den Bedarfen hinsichtlich der Wohnumgebung innerhalb der Gruppe älterer Erwachsener. Eine intersektionale Perspektive bietet die Möglichkeit, frühzeitig subgruppenspezifische Anforderungen an die Gestaltung der Wohnumgebung zu ermitteln und eine altersfreundlichere und bewegungsfördernde Stadtplanung zu unterstützen.
Die Ergebnisse der Untersuchungen erscheinen als Beitrag in einer wissenschaftlichen Zeitschrift (Horstmann et al., 2025).
Weitere Informationen zu dem Projekt AFOOT, der Arbeitshilfe und Toolbox „Aktive Mobilität im Alter fördern“ unter https://www.uni-bremen.de/afoot.
Sophie Horstmann MSc1, Prof. Dr.-Ing. Sabine Baumgart1,2, Prof. Dr. Gabriele Bolte1
1Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP) | Abt. Sozialepidemiologie
2BPW Stadtplanung, Bremen
Literatur
Brüchert, T., Hasselder, P., Quentin, P., Bolte, G., 2020. Walking for Transport among Older Adults: A Cross-Sectional Study on the Role of the Built Environment in Less Densely Populated Areas in Northern Germany. Int. J. Environ. Res. Public. Health 17, 9479. doi.org/10.3390/ijerph17249479
Horstmann, S., Baumgart, S., Bolte, G., 2025. Older adults’ active mobility choices and their specific preferences and needs for their living environment: an intersectional approach. BMC Public Health (revised resubmitted)
Nguyen, L.M., Mertens, L., 2021. Psychosocial and Social Environmental Factors as Moderators in the Relation between the Objective Environment and Older Adults’ Active Transport. Int. J. Environ. Res. Public. Health 18, 2647. doi.org/10.3390/ijerph18052647
Oxley, J., Whelan, M., 2008. It Cannot Be All about Safety: The Benefits of Prolonged Mobility. Traffic Inj. Prev. 9, 367–378. doi.org/10.1080/15389580801895285
Weßel, M., 2022. Feminist approach to geriatric care: comprehensive geriatric assessment, diversity and intersectionality. Med. Health Care Philos. 25, 87–97. doi.org/10.1007/s11019-021-10052-1
Zitierweise
Horstmann S, Baumgart S, Bolte G. Die Wohnumgebung und aktive Mobilität Erwachsener - Ergebnisse aus intersektionalitätsinformierten Analysen von Daten aus dem AFOOT-Forschungsprojekt. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):21-22. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

