Projekte

Peer-gestützte Krisenintervention zur Vermeidung von Zwangseinweisungen („PeerIntervent“)
Lena Oeltjen, Ansgar Gerhardus
Menschen in akuten psychischen Krisen können unter bestimmten Umständen zwangsweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Solche Zwangseinweisungen bedeuten einen schwerwiegenden Eingriff in die Grundrechte und werden von Betroffenen häufig als diskriminierend, stigmatisierend und traumatisierend erlebt [1]. Daher sollten Zwangseinweisungen nur im äußersten Notfall und nach Ausschöpfung aller anderen Möglichkeiten zur Gefahrenabwehr erfolgen [2]. Die Anzahl an Zwangseinweisungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern zeigt eine steigende Tendenz [3]. Auch in Bremen ist die Zahl über die letzten 15 Jahre um über 60 % gestiegen (878 im Jahr 2009; 1.413 im Jahr 2024) [4].
In Bremen ist u.a. der Sozialpsychiatrische Dienst (SpsD) als Teil des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) für akute, psychiatrische Krisen zuständig. Die Kontaktaufnahme mit dem SpsD erfolgt telefonisch, z. B. durch Polizei, Einrichtungen, Angehörige oder Betroffene selbst. Wird eine telefonische Klärung nicht als ausreichend eingeschätzt, erfolgen aufsuchende Einsätze oder eine kurzfristige Einladung zu einem Krisengespräch in die Beratungsstelle.
Vor diesem Hintergrund wurde das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Projekt „PeerIntervent“ unter Leitung von Prof. Dr. Ansgar Gerhardus initiiert (Laufzeit: September 2021 bis August 2024). Ziel war es, den Anteil an Zwangseinweisungen bei Menschen in akuten psychischen Krisen in Bremen zu senken. Dafür wurden Genesungsbegleitende in die Krisenversorgung des SpsD eingebunden. Genesungsbegleitende sind Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Krisen, die auf dieser Grundlage andere Betroffene unterstützen. Genesungsbegleitung kann durch geteilte Erfahrung Vertrauen stärken, Hoffnung vermitteln und individuelle Ressourcen von Betroffenen stärken [5;6]. Außerdem kann sie dazu beitragen Zwangsmaßnahmen und Stigmatisierung zu verringern [7-10].
„PeerIntervent“ folgte einem Mixed-Methods-Ansatz. Die Veränderungen bei den Zwangseinweisungen wurde im Rahmen einer explorativen, cluster-randomisierten Studie untersucht, in der über den Zeitraum eines Jahres in zwei von fünf Teams des SpSD Genesungsbegleitende implementiert wurden. Zusätzlich erhielten Polizist:innen Schulungen zum Umgang mit Menschen in psychischen Krisen. Zur qualitativen Prozessevaluation wurden qualitative Interviews, Fokusgruppen und eine standardisierte Fragebogenerhebung durchgeführt.
Die zentralen Forschungsfragen waren:
(1) Reduziert der Einsatz von Genesungsbegleitenden in Akutsituationen im Rahmen des Bremer SpsD Zwangseinweisungen?
(2) Wie nehmen Menschen mit psychischen Erkrankungen in Krisensituationen die Arbeit des SpsD wahr?
(3) Wie nehmen Genesungsbegleitende ihre eigene Rolle in Kriseninterventionen wahr?
(4) Wie wird der Einsatz von Genesungsbegleitenden im Rahmen akuter Kriseneinsätze des SpsD von Mitarbeitenden des SpsD und der Polizei wahrgenommen?
(5) Wie wird die Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Gesundheitsdienst (ÖGD), Wissenschaft und Praxis erlebt?
Die Ergebnisse der cluster-randomisierten Studie zeigen insgesamt einen Rückgang der Zwangseinweisungen in beiden Untersuchungsregionen – in den Interventionsregionen mit Genesungsbegleitung war der Rückgang etwas stärker. Betrachtet man jedoch nur die Einsätze, an denen Genesungsbegleitende aktiv beteiligt waren, lag der Anteil der Zwangseinweisungen leicht über dem der Einsätze ohne Genesungsbegleitung. Für verlässliche Aussagen sind die Zahlen in dieser explorativen Studie allerdings zu klein.
Insgesamt wurden 27 Einzelinterviews mit Betroffenen von psychiatrischen Kriseneinsätzen, zwei Fokusgruppen mit Mitarbeitenden des SpsD sowie Einzelinterviews mit den eingesetzten Genesungsbegleitenden geführt. Zusätzlich wurden Polizist:innen mittels Interviews und Fragebogen befragt. Die Zusammenarbeit zwischen ÖGD, Wissenschaft und Praxis wurden zum Projektabschluss in einer gemeinsamen Fokusgruppe reflektiert.
In den qualitativen Interviews wurde deutlich, dass die Arbeit der Genesungsbegleitenden von vielen Betroffenen als hilfreich erlebt wurde. Gleichzeitig gab es Unsicherheiten bezüglich ihrer Rolle und Qualifikation. Auch die Genesungsbegleitenden selbst berichteten von Herausforderungen, insbesondere beim Verständnis ihrer Rolle. Mitarbeitende des SpsD begegneten dem Einsatz der Genesungsbegleitenden zunächst teils mit Skepsis, beschrieben aber im Projektverlauf eine wachsende Offenheit und zunehmendes Vertrauen. Polizist:innen berichteten von einem Wissenszuwachs im Umgang mit psychischen Krisen sowie einer Reduktion von Vorurteilen.
Die Zusammenarbeit zwischen Praxis, Wissenschaft und ÖGD wurde insgesamt als konstruktiv bewertet. Als Verbesserungspotenzial wurde eine frühzeitigere Einbindung der operativen Praxisebene genannt, um tragfähige Strukturen und eine breitere Akzeptanz zu sichern.
Die Ergebnisse und Erfahrungen aus „PeerIntervent“ fließen aktuell in die Weiterentwicklung der psychiatrischen Krisenversorgung in Bremen ein. Für zukünftige, auf Wirksamkeit angelegte Studien wird empfohlen, ausreichende Vorbereitungszeit einzuplanen und beteiligte Akteur:innen frühzeitig einzubinden.
Lena Oeltjen, Prof. Dr. Ansgar Gerhardus
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP | Abt. Versorgungsforschung
Literatur
1. Meise, U., & Frajo-Apor, B. (2011). Die „subjektive Seite“ von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. Psychiatrische Praxis, 38, 161–162.
2. Müller, S. (2018). Einfluss der UN-Behindertenrechtskonvention auf die deutsche Rechtsprechung und Gesetzgebung zu Zwangsmaßnahmen. Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie, 86, 485–492.
3. Sheridan Rains, L., Zenina, T., Dias, M. C., Jones, R., Jeffreys, S., Branthonne Foster, S., Lloyd Evans, B., & Johnson, S. (2019). Variations in patterns of involuntary hospitalisation and in legal frameworks: an international comparative study. The Lancet Psychiatry, 6(5), 403–417. https://doi.org/10.1016/S2215-0366%2819%2930090-2
4. Ordnungsamt Bremen. (o. J.). Unveröffentlichtes Dokument.
5. Mahlke, C., Priebe, S., Heumann, K., Daubmann, A., Wegscheider, K., & Bock, T. (2017). Effectiveness of one-to-one peer support for patients with severe mental illness: A randomised controlled trial. European Psychiatry, 42, 103–110.
6. Ashcraft, L. (2012). The development and implementation of “No Force First” as a best practice. Psychiatric Services, 63(5), 415–417.
7. White, S., Foster, R., Marks, J., Morshead, R., Goldsmith, L., Barlow, S., Sin, J., & Gillard, S. (2020). The effectiveness of one-to-one peer support in mental health services: A systematic review and meta-analysis. BMC Psychiatry, 20, 534. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02923-3
8. Ash, D., Suetani, S., Nair, J., & Halpin, M. (2015). Recovery-based services in a psychiatric intensive care unit: The consumer perspective. Australasian Psychiatry, 23(5), 524–527.
9. Badouin, J., Bechdolf, A., Bermpohl, F., Baumgardt, J., & Weinmann, S. (2023). Preventing, reducing, and attenuating restraint: A prospective controlled trial of the implementation of peer support in acute psychiatry. Frontiers in Psychiatry, 14, 1089484. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1089484
10. Heumann, K., Stückle, L., Jung, A., Bock, T., Mahlke, C., & Lincoln, T. (2020). Mildere Mittel zur Zwangsvermeidung: Bekommen Psychiatrieerfahrene die Angebote, die sie als hilfreich bewerten? Psychiatrische Praxis.
Zitierweise
Oeltjen L, Gerhardus A. Peer-gestützte Krisenintervention zur Vermeidung von Zwangseinweisungen ("PeerIntervent"). IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):23-24. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

