Dienstag, 28. April 2026, 12:30 Uhr, Theatersaal, Eintritt frei
Konkrete Abstraktionen

Juan María Solare/Klavier & Komposition und Jan-Hendrik von Stemm, Stimme/Rezitation (als Gast)

Programm

Das Oxymoron Konkrete Abstraktionen – eine Anspielung auf Werk und Ästhetik von Mauricio Kagel – bedarf einer kurzen Erläuterung.

Es ist naheliegend, Musik grundsätzlich als abstrakte Kunst zu begreifen. In diesem Kontext jedoch ist mit „abstrakter Musik“ etwas Spezifischeres gemeint: abstrakt im Sinne der nicht-figurativen Malerei, wenn sie sich nicht auf eine äußere Wirklichkeit bezieht, sondern sich aus ihren eigenen Mitteln heraus konstituiert – Gleichgewicht und Kontraste von Form, Farbe und Textur – anstatt Gegenstände darzustellen. Malerei ist abstrakt, wenn sie sich auf sich selbst bezieht und eine von der natürlichen Welt verschiedene Realität hervorbringt.

Analog dazu bedeutet abstrakte Musik eine Verschiebung des Fokus hin zum rein Klanglichen: Struktur, Rhythmus, Dichte, Artikulation. Ein verwandter Begriff ist der der „absoluten Musik“, also Musik, die weder erzählen noch etwas Außermusikalisches illustrieren will. Am entgegengesetzten Pol stehen jene Musikformen, die explizit auf etwas anderes verweisen. Das deutlichste Beispiel ist Filmmusik, eine in gewissem Sinne „transparente“ Kunst, deren Aufgabe es ist, das Geschehen auf der Leinwand zu unterstützen, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch steht dem „Abstrakten“ das „Konkrete“ gegenüber: abstrakt meint das Begriffliche, das Nicht-Greifbare; konkret das Wahrnehmbare, das Materielle. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet sich jedoch ein Kontinuum von Abstufungen: Grade der Abstraktion (wobei das Konkrete als Grad Null gedacht werden kann). Jedes Werk dieses Programms lässt sich an einem bestimmten Punkt innerhalb dieses Spannungsfeldes verorten.

Vereinfacht gesagt verlangt abstraktere Musik in der Regel ein vertieftes Hören, während „konkretere“ Musik unmittelbarer zugänglich ist.

(An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Begriff „musique concrète“ historisch etwas völlig anderes bezeichnet: die in Frankreich seit den 1940er Jahren entwickelte Praxis der Organisation von aufgenommenen Klängen. In diesem Sinne wird der Begriff hier ausdrücklich nicht verwendet.)

Die Dramaturgie des heutigen Konzerts beginnt in relativ vertrauten Klangräumen, führt allmählich in Bereiche höherer Abstraktion und kehrt schließlich wieder zurück.

Torniamo dentro arbeitet mit bewusst konventionellen, „angenehmen“ Klanglichkeiten. Der italienische Titel („Gehen wir wieder hinein“) erlaubt eine doppelte Lesart: eine wörtliche und eine introspektive. Ästhetisch bewegt sich das Stück in einem neoklassischen Umfeld; Hörerinnen und Hörer, die Erik Satie oder Michael Nyman schätzen, werden hier Anknüpfungspunkte finden.

Ira (Zorn) von Iván Kevorkián (argentinischer Komponist armenischer Herkunft) verwendet ebenfalls eine vertraute, tonale Klangsprache, jedoch bereits mit kantigeren Spannungen – das Vertraute beginnt sich zu verformen. Die Musik artikuliert sehr spezifische, beinahe körperliche Emotionen.

Prisma partiendo la luz (Prisma, das das Licht bricht) basiert auf der Überlagerung zweier konventioneller Klangschichten, deren Kombination eine deutlich instabilere Gesamtwirkung erzeugt. Die verwendete Technik (Bitonalität) entspricht der im Titel evozierten Vorstellung eines sich brechenden Lichtstrahls.

Breve toccatina alla breve (Kurze Toccatina im Alla-breve-Takt) ist eine energische Miniatur, in der die Klangsprache weniger konventionell wird, während die rhythmische Organisation als strukturierendes Element wirkt.

Das Lachen, mit einem Text von Jan-Hendrik von Stemm, vom Autor selbst gesprochen, eröffnet eine andere Dimension. Das Gedicht  entwirft  ein  surreal  anmutendes Szenario in  der  Nähe des lateinamerikanischen magischen Realismus: Eine alltä-gliche Situation (das Lachen) gewinnt plötzlich Eigenschaften, die weder vollständig der realen Welt angehören noch reine Abstraktion darstellen.

Metaxis (Das Dazwischen). Wenn zwischen Konkretem und Abstraktem ein Kontinuum besteht, so siedelt sich dieses Werk genau in dessen Zwischenraum an. Der griechische Begriff „Metaxis“ bezeichnet das „Dazwischen“, die Zone, in der zwei gegensätzliche Bereiche gleichzeitig präsent sind. In der neuplatonischen Tradition verweist er auf die menschliche Existenz als ein Verharren im Spannungszustand – nicht als Übergang, sondern als Zustand.

Die beiden Miniaturen von Javier Ruiz (Kanarische Inseln) stehen für eine Form extrem reduzierten Minimalismus im Sinne einer allmählich variierten Wiederholung. Lysande ögn (Leuchtende Augen) erinnert an eine verstorbene Freundin des Komponisten; in Blessé à mort (Tödlich verwundet) entfaltet sich ein streng organisierter Prozess von Ausdehnung und Verdichtung.

El destino está escrito con tinta invisible (Das Schicksal ist mit unsichtbarer Tinte geschrieben) markiert die Rückkehr zu vertrauteren Klangbereichen, mit Anklängen an den modernen Jazz. Der Titel formuliert eine paradoxe Idee: Alles scheint bereits festgelegt – und bleibt doch unserem Erkennen prinzipiell entzogen.

Liberadora (Die Befreiende) ist eine durch und durch traditionelle Milonga und damit eine klare Rückkehr zu unmittelbarer Ausdrucksweise. Die Frage bleibt offen, wovon hier eigentlich befreit wird.

[Juan María Solare, April 2026]

 

Torniamo dentro (Juan María Solare)

Ira, aus La metamorfosis del duelo (Iván Kevorkian)

Prisma partiendo la luz – UA (Juan María Solare)

Breve toccatina alla breve (Juan María Solare)

Das Lachen  – UA (Juan María Solare & Jan-Hendrik von Stemm)

Metaxis (Juan María Solare)

Lysande ögn – UA (Javier Ruiz)

Blessé à mort – UA (Javier Ruiz)

El destino está escrito con tinta invisible – UA (Juan María Solare)

Liberadora (Juan María Solare)

(UA = Uraufführung) 

Jan-Hendrik von Stemm (l.) und Juan María Solare
Jan-Hendrik von Stemm (l.) und Juan María Solare

Juan María Solare und Jan-Hendrik von Stemm

Juan María Solare (geboren 1966 in Buenos Aires, rechts im Bild) studierte Klavier- und Komposition mit Konzertexamen in Buenos Aires. Es folgten Aufbaustudien an den Musikhochschulen Köln und Stuttgart mit Kompositionsaufträgen in Madrid, Düsseldorf, Bremen.
Das Klavierrepertoire (und Oeuvre) von Juan María Solare hat zwei Schwerpunkte: Tango Argentino und Neue Musik. Juan María Solare unterrichtet an der Universität Bremen Tangomusik (Leitung des Orquesta no típica) und an der Hochschule für Künste Bremen Komposition und Arrangement für die Schulpraxis. Als Dirigent leitet er die Bremer Orchestergemeinschaft.

Jan-Hendrik von Stemm (links im Bild) gehört seit vielen Jahren der Werkstattgruppe Literatur um den Dahlenburger Schriftsteller Heinz Kattner an. In diesem Zeitraum entstanden zahlreiche Werke von Lyrik und Kurzprosa, von denen einige in Anthologien veröffentlicht worden sind. Neu ist die erstmalige Vorstellung seines von Juan María Solare vertonten Gedichts „Das Lachen“, das er bei einem Gastauftritt in diesem Konzert rezitieren wird.
Dem Publikum im Theatersaal ist Jan-Hendrik von Stemm durch die Organisation der Mittagskonzerte im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit für die Universitätsmusik bekannt.