Kann Glücksspiel risikoarm sein?

Ein Gespräch über Sucht, Prävention und Grenzwerte

Titelbild Glücksspielforschung

Kann Glücksspiel risikoarm betrieben werden? Diese Frage steht im Zentrum der Debatte um problematisches Glücksspielverhalten ebenso wie in der Glücksspielforschung. In einer von der Manfred- und Ursula-Fluß-Stiftung geförderten Studie untersuchten die Forscher der Uni Bremen, ob und welche Grenzwerte während des Glücksspiels sinnvoll sind, um effektive Präventionsbotschaften einzusetzen. Im Gespräch mit Dr. Tim Bastian Brosowski wird deutlich, welche Rolle Glücksspielsucht in unserer Gesellschaft spielt und wie Präventionsmaßnahmen wirksamer gestaltet und angewendet werden können.

Ob Las Vegas oder Monte Carlo – viele Menschen assoziieren diese Orte vor allem mit Casinos. Die bunt leuchtenden und blinkenden Reklamen sowie das Versprechen auf den ganz großen Gewinn wirken dabei besonders anziehend.
Doch wie weitreichend die Folgen eines regelmäßigen Besuchs von Glücksspielstätten sein können, ist nur wenigen bewusst. Zumal in Deutschland das Innere eines Casinos oder einer Spielhalle meist verborgen bleibt und sich das Spektrum an Zugängen zu Glücksspielen seit Jahren der Digitalisierung anpasst. Glücksspielangebote sind daher zunehmend auf Online-Plattformen zu finden. Was viele dabei außer Acht lassen, sind die vielfältigen Formen, in denen Glücksspiel bereits im Alltag präsent ist.

Ob Rubellose, Lotterien oder Sportwetten – Spielformen, die einen Geldeinsatz erfordern und das Ziel in Aussicht stellen, weiteres Geld zu gewinnen, dabei jedoch durch einen ungewissen Ausgang geprägt sind, der mehr oder weniger vom Zufall abhängt, werden als Glücksspiel bezeichnet.
Vor diesem Hintergrund überrascht die Angabe des Bundesministeriums für Gesundheit nur wenig, dass 36,5 % der deutschen Bevölkerung zwischen 16 und 70 Jahren in den letzten zwölf Monaten an einem Glücksspiel teilgenommen haben. Zusätzlich zeigt der Glücksspiel-Survey 2023, dass bei 2,4 % der deutschen Bevölkerung ein problematisches Suchtverhalten in Bezug auf Glücksspiel festzustellen ist.

Die Folgen eines suchthaften Glücksspielverhaltens zeigen sich bereits in der stetigen mentalen Auseinandersetzung mit dem Glücksspiel, reichen bis zur Abgrenzung vom sozialen Umfeld und führen mitunter zu einem Kontrollverlust über das eigene Spielverhalten. In besonders schweren Fällen kann eine Glücksspielsucht zu einem sogenannten Bail out führen, also zur finanziellen Absicherung durch das soziale Umfeld, da die betroffene Person selbst nicht mehr in der Lage ist, ihre Schulden allein zu tragen. Ebenfalls zeigen sich unter Glücksspielsüchtigen erhöhte Risiken für Straftaten oder suizidales Verhalten. 

Junge Männer sind dabei deutlich häufiger gefährdet als Frauen. Auch soziale Ressourcen sowie der sozioökonomische Status oder frühkindliche Traumata können eine Rolle im späteren Umgang mit Glücksspiel spielen. Sind der Umgang mit Medien oder Online-Spielen sowie die eigene, familiäre oder lebensweltliche Problemwahrnehmung in frühen Lebensjahren unzureichend entwickelt, steigt das Risiko für die Ausbildung eines glücksspielsüchtigen Verhaltens. Der persönliche finanzielle Hintergrund spielt hingegen oft eine eher untergeordnete Rolle. Zwar kann dieser zu Beginn einen wesentlichen Zugangsgrund darstellen, doch sind es vor allem die Glücksgefühle bei einem Gewinn, die das Risiko einer Glücksspielabhängigkeit begünstigen. Liegt ein manifestes Suchtverhalten vor, steht nicht mehr die Aussicht auf einen Geldgewinn im Vordergrund, sondern das Erleben positiver Gefühle während des Spielvorgangs sowie die Flucht vor negativen Konsequenzen der eigenen Glücksspielproblematik.

Besonders bei Glücksspielen mit kurzer Zeitabfolge steigt die Spannung und ein Rauscherleben, wodurch die Gefahr entsteht, diesem Spannungsgefühl weiter folgen und es steigern zu wollen. Bei Glücksspielen mit längerer Zeitabfolge, wie etwa Lotto, ist der Spannungsverlauf geringer, da zwischen dem Ausfüllen des Lottoscheins und der Ziehung der Zahlen eine deutlich größere Zeitspanne liegt als beispielsweise beim Poker oder an Spielautomaten. Dies begründet die Kategorisierung von Glücksspielformen in low-risk und high-risk Varianten. Während low-risk-Glücksspiele ein geringeres Suchtpotenzial aufweisen, können high-risk-Glücksspielformen deutlich schneller zu einem problematischen oder suchthaften Spielverhalten führen.

Die zunehmende Verlagerung von Glücksspielangeboten in den Online-Bereich trägt zusätzlich dazu bei, dass auch risikoarme Glücksspielformen wesentlich leichter zugänglich sind. Der niedrigschwellige Zugang über Online-Plattformen schafft zudem einen für das soziale Umfeld häufig „unsichtbaren“ Konsumweg, der es Betroffenen erleichtert, eine potenzielle Sucht zu verschleiern und hohe Schulden in auffallend kurzer Zeit aufzubauen.

Präventionsmaßnahmen stellen einen ebenso wichtigen Faktor dar, der das Spielrisiko beeinflusst. Unabhängig davon, ob in einem Casino am Automaten oder zu Hause vor dem Computer gespielt wird, zielen viele Maßnahmen bislang vor allem auf generelle Präventionsbotschaften ab, die zu einem bewussten Glücksspielkonsum anregen sollen.

Glücksspielforscher Dr. Tim Brosowski verwies im Gespräch insbesondere auf die Anonymität und Verborgenheit einer Glücksspielabhängigkeit sowie auf die bislang fehlende Wirksamkeit vieler Präventionsmaßnahmen. Seine Studie zeigt, dass insbesondere bei high-risk Glücksspielformen Präventionsansätze durch die Einführung konkreter Grenzwerte verbessert werden könnten. Solche empirisch gewonnenen Grenzwerte könnten sich beispielsweise an der Höhe des Geldeinsatzes oder an zeitlichen Abständen zwischen Spielvorgängen orientieren und ermöglichen es, Präventionsbotschaften zielgerichteter und effektiver zu gestalten als bisher. Für die Weiterentwicklung und Konkretisierung dieser Maßnahmen sind in Zukunft weitere Studien notwendig, um die Ergebnisse durch zusätzliche Daten abzusichern. Ebenso bleibt abzuwarten, inwiefern konkrete Präventionsbotschaften von relevanten Zielgruppen akzeptiert und wahrgenommen werden. Dennoch ist hervorzuheben, dass die Studie des Forschungsteams einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Prävention leistet und zur Steigerung der Effizienz im Bereich der Suchtprävention beitragen kann.

Wir freuen uns darauf, auch in Zukunft von weiteren Forschungsergebnissen zum risikoarmen Glücksspielverhalten zu lesen, und bedanken uns bei Herrn Dr. Brosowski für das interessante und anregende Gespräch.