Antike Skepsis
Antike Skepsis in Ost und West
Der Begriff des Skeptizismus entstammt der antiken griechischen Philosophie, namentlich in Bezug auf die akademischen Skeptiker, welche sich in der nachfolge von Platons Akademie sahen, und die pyrrhonischen Skeptiker, welche ihre Ideen auf Pyrrho von Elis zurückführen. Im Gegensatz zum Skeptizismus in der neueren westlichen Philosophie (in der Nachfolge von Descartes) entwerfen beide Schulen ihre Ansichten im Sinne einer Lebensform, wie es auch insgesamt in der antiken Philosophie typisch war. In dieser Hinsicht besteht eine interessante Parallele zur antiken Philsophie in Indien und China.
In Bezug auf den Skeptizismus enden die Gemeinsamkeiten aber nicht hier. Insbesondere zwischen der pyrrhonischen Skepsis, wie sie am deutlichsten von Sextus Empiricus vertreten wird, der Interpretation des Daoismus bei Zhuangzi, und dem Buddhismus nach Nāgārjuna, zeigt sich ein ganzes Netzwerk von Gemeinsamkeiten. Eine gane Reihe von Argumenten finden sich jeweils in mehreren dieser Traditionen, außerdem zeigen sich Ähnlichkeiten in der Konzeption des Skeptizismus, wie etwas der Idee, dass es mehrere Wahrheitebenen gibt, oder auch dem Umgang mit dem Vorwurf der Selbstwidersprüchlichkeit des Skeptizismus. Diese Ähnlichkeiten mögen durchaus zumindest zum Teil in historischen Verknüpfungen begründet liegen, wie etwas Pyrrhos Aufenthalt in Indien. Aber unabhängig davon sollten wir allein schon aufgrund der inhaltlichen Nähe dieser Traditionen den Begriff der “antiken Skepsis” als Bezeichnung für die skeptischen Elemente aller dreier Traditionen verwenden, und nicht allein auf die westliche Antike anwenden.
Neben den inhaltlichen Überschneidungen sind auch die Unterschiede von Interesse. Diese bestehen zum einen in der Textform: Sextus schreibt in Form einer philosophischen Abhandlung, Nāgārjuna in Form eines Gesangs und Zhuangzi in einer eher literarischen Form, die reich an Parabeln und Erzählungen ist. Zudem wird bei Nāgārjuna und Zhuangzi eine Art tiefere Einsicht angedeutet, während Sextus lediglich berichtet, dass er mit der skeptischen Lebensweise (scheinbar) gute Erfahrungen gemacht hat. Ein weiterer Unterschie scheint in der Rolle des Skeptikers in der Gesellschaft zu bestehen: während Sextus eher empfiehlt, sich gemäß den vorherrschenden Sitten und Gesetzen zu verhalten, zielt Zhuangzi eher auf eine andere, freiere soziale Ordnung, in der sich alle Menschen ihrer jeweiligen Natur gemäß verhalten können. Diese Unterschiede sind auch deshalb interessant, weil sich hier die unterschiedlichen Traditionen gegenseitig befruchten können.
Literatur zum Thema:
- Lossau, T. (2025). Conceptualizing Ancient Skepticism as a Global Pattern: Zhuangzi, Sextus Empiricus and Nāgārjuna. International Journal for the Study of Skepticism 15 (3): 185-210.
Tammo Lossau
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