(AKAD02) Vom Reisen: Überall und nirgendwo (2) …

Sehnsucht. Aufbruch. Entdeckung. Erfahrung… Enttäuschung? Teil 2

Unsere Welt ist kleiner geworden. Zeit und Raum scheinen beherrschbar zu sein.
Was also macht heute in unserer hochtechnisierten, globalisierten und
digitalisierten Welt überhaupt noch die Faszination des Reisens aus? Wie lässt sich
die Sehnsucht erklären, dem Alltäglichen zu entfliehen, bislang noch vermeintlich
Unbekanntes zu erkunden und den Anderen auf eine eher ungewöhnliche Weise zu
begegnen? Und: Worin liegt eigentlich das Glück des Aufbruchs?
Immer schon sind Menschen gereist, und dies aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Aber die heute so propagierte Reiselust ist gewissermaßen erst ein Kind der
Moderne. Bis dahin war das Reisen mehr Last als Lust, voller Herausforderungen
und Gefahren, Unwegbarkeiten und Unwägbarkeiten. Warum also zieht es
Menschen – trotz aller Anstrengungen – immer wieder in die Ferne?
Festzuhalten gilt: Erst im frühen 18. Jahrhundert, im Verlauf der europäischen
Entdeckung und Aneignung der Welt kristallisiert sich das, was wir heute wieder als
Kunst des Reisens diskutieren, in ganz unterschiedlichen, ja geradezu gegenläufigen
Strömungen / Bewegungen heraus. Seitdem spielt das Reisen eine wesentliche Rolle
in der europäischen Kultur- und Ideengeschichte. Es meint von nun an weit mehr
als nur physische oder gedanklich-imaginierte Bewegungen in Zeit und Raum. Es ist
verbunden mit dem Aufbruch ins Ungewisse, in Unbekanntes, nicht frei von Risiken,
immer doch auch ein Wagnis … idealerweise befördert von der Hinwendung zur
Welt und vom Interesse am Anderen. In so verstandener Kunst des Reisens ist
Offenheit und Phantasie bereits angelegt; es geht wesentlich um (Grenzen
überschreitendes) Verstehen und (interkulturelle) Verständigung: Reisen als ein
wechselseitiger Prozess der schöpferisch-gestaltenden Intervention. Dieser
aufklärerische wie aufklärende Anspruch bleibt allerdings nicht widerspruchsfrei.
Zur Erinnerung: In Teil 1 (SoSe 2022) ging es um kultur- und ideengeschichtliche
Zusammenhängen und Topoi des europäischen Reisens und des frühen Tourismus.
Hier zeigte sich, dass die europäische koloniale Expansion und die daraus
resultierende Konfrontation mit dem (außereuropäischen) Anderen nicht nur zu
einem wesentlichen Faktor für die Herausbildung einer europäischen Identität
wurden, sondern dass die gewaltsame Aneignung bislang unbekannter Räume,
Kulturen und Welten und die daraus resultierenden Vorstellungen von zivilisatorischer Überlegenheit und imperialer Herrschaft bis heute ganz wesentlich
unsere Reisepraktiken prägen. Hinzu kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt:
Zunächst ist das Reisen als Bildungsideal ein Privileg des Adels und später
bürgerlicher Eliten. Erst mit der Entwicklung der Staatengemeinschaften und ihrer
Verkehrsmittel und -wege und wachsender Mobilität wird das Reisen
gewissermaßen demokratisiert, aber erst in den 1960er Jahren zu einem wirklichen
Massenphänomen. Und doch entsteht bereits im Kontext des frühen Tourismus die
klassendifferenzierende Setzung einer bis heute gängigen Unterscheidung zwischen
(„wahrhaft“ / sinnvoll) Reisenden und ‚gemeinen‘ Touristen.

Teil 2 (SoSe 2022)
Im Mittelpunkt dieses Seminars stehen Facetten und Trends des ‚modernen‘ Reisens
und des Tourismus in einer globalisierten Welt.
Erfahrungen des Verlassens von vertrauten, heimatlichen Zusammenhängen sind in
heutiger Zeit nicht mehr die Ausnahme, nicht mehr ein Luxuselement: Immer mehr
Menschen werden – freiwillig oder unfreiwillig – zu Reisenden, die alles aufgeben
(müssen) und nicht wissen, wohin die Reise geht. Aus dieser Perspektive des Reisens
ist die Unterscheidung zwischen Einheimischen und Fremden eigentlich obsolet
geworden. Und doch liegt die Aktualität und Brisanz der Thematik auch und gerade
in der Konfrontation von Tourist*innen und Migrant*innen / Flüchtlingen an den
Schnittstellen von Tourismus und Migration. Gestrandet an den Küsten Europas
sind und bleiben sie für die Einheimischen ‚allzufremd‘.
Und dann sind da noch die ‚digitalen Dauerreisenden‘, die als moderne Nomaden
die ganze Welt bereisen und - Dank modernster Kommunikations- und
Informationstechnologien – ihre Freiheit leben und ihre Weltgewandtheit und
Unabhängigkeit zur Schau stellen können. Sie interpretieren die bislang propagierten
neoliberalen Werte von Mobilität und Flexibilität auf ganz eigene Weise.
Schließlich stellt sich die Frage, wie sich in Zeiten globaler Pandemien und der sich
abzeichnenden Klimakatastrophe die Zukunft des Reisens und des Tourismus
(überhaupt) nachhaltig gestalten ließe.
Literatur:
Für das Seminar wird eine Textsammlung in Form eines Readers zur Verfügung
gestellt.
Anmerkung:
Angedacht sind Expertengespräche sowie Veranstaltungen in Form einer Exkursion
/ eines Museums- bzw. Ausstellungsbesuches. Näheres wird in der Veranstaltung
erläutert.


Dozentin:    Dr. Ursula Dreyer

Gruppe A:   AKAD02A  - Dienstag von 10:00 Uhr s.t. - 11:30 Uhr (mit kurzer Pause)
Gruppe B:   AKAD02B   - Dienstag von 13:00 Uhr s.t. - 15:30 Uhr (mit kurzer Pause)
Die Inhalte beider Gruppen sind identisch.

Hinweis:    Die Teilnahme hat nicht die Mitarbeit im ersten Seminarteil zur
Voraussetzung, Teilnehmerbegrenzung: 30 Personen in Präsenz
(max. 40 Personen insgesamt)

Veranstaltungsart:    hybrid, in Präsenz (Akademie: Zentralbereich, Raum B 0660) oder wahlweise Online-Teilnahme

Kontakt

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Nicole Lehmkuhl
Maike Truschinski
Jaroslaw Wasik

Büro:
Zentralbereich / Raum B0670
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