(AKAD03) „Was ist das für eine Welt!?“
Umkämpfte Weltbilder in herausfordernden Zeiten
„I see skies of blue and clouds of white
The bright blessed days, the dark sacred nights
And I think to myself
What a wonderful world…“
(Louis Armstrong, 1967)
Zu allen Zeiten wollen Menschen sich ein Bild von der Welt machen, in der sie leben, um sich in ihr zurechtzufinden, zu orientieren und sich sinnstiftend zu verorten. Diese Bilder von der Welt sind jedoch keine bloße Reproduktion des Sichtbaren. Die dargestellte Welt beruht notwendigerweise auf einer Abstraktionsleistung: Sie ist eine vom Menschen hervorgebrachte Wirklichkeit und damit sowohl interpretiert als auch symbolisch konstruiert, daher stets kultur- und zeitgebunden. So zeigen etwa Weltkarten nicht nur geografisches Wissen, sondern spiegeln stets auch die spezifische Haltung einer Gesellschaft zu ihrer gedachten, gebauten und gelebten Kultur, zu sich selbst wider.
Mit einfachsten Mitteln und Methoden erfassen bereits antike Gelehrte die sie umgebende Welt und kommen zu bemerkenswerten Ergebnissen. Heute übernehmen modernste Fernerkundungs- und Satellitentechniken diese Aufgabe - rund um die Uhr, zentimetergenau; sie bilden die physische Welt in Echtzeit ab. Unvorstellbare Datenmengen werden in gigantischen Rechennetzwerken gespeichert, und dieses Wissen wird noch umfassender und intensiver genutzt als je zuvor. Doch was meint eigentlich heute „WELT“, welche Vorstellungen, Ideen und Interessen stehen dahinter? Und: Welche Welt- und damit auch Menschenbilder spiegeln sich in den gegenwärtig zu verzeichnenden gesellschaftspolitischen, ökonomischen und kulturellen Trends wider?
Tatsächlich kommt der Vermessung und (Neu-)Ordnung der Welt in der europäischen Denktradition, Kulturgeschichte und in grenzüberschreitenden Beziehungen eine herausragende Rolle zu. Bereits seit der Frühen Neuzeit bringen europäische Erkundungsunternehmungen nicht nur geographischen Erkenntnisgewinn: Tradierte Welt- und Menschenbilder geraten ins Wanken, die Ansichten von 'Welt' verändern und vervielfältigen sich. Doch erst im 'sich aufklärenden' Europa des 18. Jahrhunderts beginnt die präzise Kartierung und umfassende Vermessung der Welt – im Wettlauf um Reputation, Reichtum und Land, stets in Konkurrenz um geopolitische und ökonomische Weltvormachtstellung. Damit verbunden etabliert sich ein euro- bzw. ethnozentristisches Menschenbild und ein westlich-kapitalistisches Normensystem, das auch unter verschärften Globalisierungsdynamiken bis heute in vielfältiger Weise wirksam ist. Bereits hier zeigt sich, dass die unendliche Geschichte der Weltvermessung auch eine Geschichte der Macht ist: Das Wissen über die Welt schafft eben nicht nur Orientierung, Ordnung und Sicherheit, sondern festigt zugleich Macht- und Herrschaftsverhältnisse.
In den internationalen Widerstands- / Befreiungs- und Suchbewegungen der neueren Geschichte zeigen postkoloniale Diskurse, dass der bisherige Blick auf 'nicht-westliche' Kulturen nicht nur ein äußerst einseitiger ist, sondern massiv geprägt von westlich-dominantem Herrschaftswissen (siehe Globalisierungsdiskurs). In der Aufhebung der gewohnten Fokussierung auf die kapitalistisch geprägte, 'westliche' Welt verschieben sich die Größenverhältnisse, verschwimmen eindeutige Zuordnungen, zerfallen eingeübte Strukturierungen… doch wurden diese Möglichkeitsräume für die Verständigung über unterschiedliche Weltsichten und -entwürfe ernsthaft genutzt?
Mit den vielfältigen Möglichkeiten der Datenerfassung und -verarbeitung, die sich durch digitale Transformationsprozesse eröffnen, hat eine neue „Vermessung der Welt“ begonnen. Jetzt geht es nicht allein um die bloße Erfassung von Geodaten oder etwa die militärische „Aufklärung“ und Überwachung des gesamten Planeten, sondern vielmehr darum, die vielfachen Veränderungen auf der Erde systematisch zu vermessen und zu verstehen. Nicht zuletzt in der Hoffnung, auf diesem Wege Erkenntnisse und Lösungsansätze für aktuelle Probleme und Folgen des anthropogenen Klimawandels zu finden. Doch die weitergehende Vermessung der Erde bleibt nicht bei der Erfassung, Kartierung und datenbasierten Analyse von Geodaten und der Erstellung von Klimamodellen stehen: Zeitgenössische digitale Vermessungstechnologien machen auch vor den Menschen selbst nicht Halt. Im Trend liegen digitale Selbstüberwachungs- und -vermessungspraktiken des eigenen Körpers mittels Wearables. Längst schon sind Self-Tracking und Lifelogging, das Protokollieren vielfältiger Lebensbereiche zur Selbst-Optimierung, für viele Menschen zur Routine geworden, mehr noch zu einem zentralen Bestandteil eines modernen Lebensstils. Zumindest auf der technischen Seite scheint es dabei keine Grenzen zu geben. Die „Zone der Selbstvermessung“ weitet sich stetig aus und befriedigt zumindest vordergründig das menschliche Bedürfnis nach Kontrolle, Ordnung und Vorhersagbarkeit in einer komplexen, unübersichtlichen Welt.
Was so vielversprechend klingt – nämlich die nachhaltige, zukunftsorientierte Umgestaltung der Welt und der eigenen Lebensführung mithilfe umfassender, digital gestützter „Aufklärung“ (im Sinne von Erkenntnisgewinn) und KI-Vorhersagen und Lösungsansätzen –, entpuppt sich zunehmend als menschliche Unfähigkeit, der allumfassenden „metrischen Macht der Algorithmen“ (Selke) mehr als nur Kritik entgegenzusetzen. Wo aber bleiben in einer „metrischen Kultur“ menschliche Autonomie und Verantwortung? Wo der unendliche Reichtum gedachter und gelebter Kulturen? Schließlich geht es um die grundlegenden Fragen der Menschheit: Wer wollen wir sein? Und: Wie wollen wir gemeinsam auf unserem Planeten leben?
Das Seminar veranschaulicht – medial gestützt – kulturgeschichtliche Facetten der Geodäsie und Kartografie sowie der Welt- und Menschenbilder und öffnet kritisch den Blick auf aktuelle Vermessungspraktiken und -diskurse unter Einbezug zeitgenössischer Perspektiven und Positionen in Wissenschaft und Politik, Kunst und Literatur.
Literatur:
Für das Seminar wird eine Textsammlung in Form eines Readers zur Verfügung gestellt.
Anmerkungen:
Angedacht sind zwei Exkursionen, Expertengespräche sowie ein Ausstellungsbesuch. Näheres wird in der Veranstaltung bekanntgegeben.
Dozentin: Dr. Ursula Dreyer
Veranstaltungsart: nur in Präsenz (Akademie, Raum: B 0770)
Gruppe AKAD03A - dienstags, 10:00 (s.t.) - 12:30 Uhr (13.10.2026 - 26.01.2027)
Veranstaltungsart: hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0770) oder wahlweise Online-Teilnahme
Gruppe AKAD03B - donnerstags, 10:00 (s.t.) - 12:30 Uhr (15.10.2026 - 28.01.2027)
Die Inhalte beider Gruppen sind identisch (jeweils mit einer kurzen Pause).
Hinweise: Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz
Kontakt
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