(AKAD05) Rainer Maria Rilke – Eine biographische Annäherung
Rainer Maria Rilke, das ist Zauberklang in den Ohren, das ist ein tiefes Versinken in seine nicht immer offensichtlichen Texte. Rainer Maria Rilke, das ist eine glückliche lebenslange Beschäftigung mit seinem schöpferischen Werk.
Die biographische Auseinandersetzung mit diesem außerordentlichen Künstler ist voller Überraschungen, voller Widersprüche, voller Geheimnisse, auch wenn die literaturwissenschaftliche Forschung intensivste Studien und sich z.T. unterscheidende Biographien hervorgebracht hat.
Rainer Maria Rilke in Prag geboren, in Mädchenkleidung zunächst erzogen von der Mutter, vom Vater dann in strengste Militärschulen geschickt, die er abbricht, wird schon durch diese Brüche geprägt. Ein vom Onkel finanzierter Privatunterricht führt dann zur erwünschten Hochschulreife. Es folgen Studium der Kunstgeschichte, der Literaturgeschichte, der Philosophie, der Rechts - und Staatswissenschaft, der Ästhetik.
Rilke träumt, Rilke schreibt und verliebt sich in eine 15 Jahre ältere Literatin, in Lou Andreas Salomé, die ihn und sein literarisches Schaffen formen wird. Sie wird die einzige Frau sein, die Rilke sein Leben lang liebt, doch Lou schickt ihn fort. Viele Reisen, und dann ein scheinbarer Hafen in Worpswede, die Ehe mit der Künstlerin Clara Westhoff. Die Hochzeitsreise führt ins Sanatorium, da Rilke krank ist. Die Tochter Ruth wird geboren, für Rilke schnell ein Gefängnis aus dem er sich zu befreien sucht. Diesen Teil seiner Biographie werden wir besonders beleuchten: die komplizierte Ehe mit Clara Rilke-Westhoff, das komplizierte, kaum verstehbare Verhalten zu seiner Tochter Ruth, die vor allem bei den Großeltern in Bremen-Oberneuland aufwächst.
Rilke will keinen Besitz, liebt es aber in Schlössern zu wohnen, reiche Gönnerinnen ermöglichen es ihm. Vor allem Maria von Thurn und Taxis ist eine solche Gastgeberin, die ihn auf Schloss Dunio einlädt. Die ersten Duineser Elegien entstehen hier und werden ihn über zehn Jahre beschäftigen, angestachelt eben von seiner vermögenden Förderin.
Rilke liebt die Einsamkeit, weiß sich zwischendurch aber in Gesellschaften und bei Mäzenen gut zu präsentieren. Sandra Richter, Professorin für Literaturwissenschaft, Biographin Rilkes räumt mit dem Vorurteil auf, Rilke sei menschenscheu gewesen. Sie, die das Marbacher Literaturarchiv als Direktorin leitet (und „nebenbei“ eine Fördersumme von 72 Millionen Euro einwirbt), ist es, die ein anderes Bild von Rilke zeichnet: Er ist charmant, weiß sich zu präsentieren, weiß sich zu verkaufen. Das Verlegerehepaar Katharina und Anton Kippenberg erleben diese geschäftstüchtige Seite des Dichters hautnah. Sie sind es auch, die für seine von ihm getrennt lebende Frau Clara und für Ruth größere Summen regelmäßig überweisen.
Manfred Kochs Biographie „Rainer Maria Rilke. Dichter der Angst“ beschreibt in seiner Auseinandersetzung mit Rilke dessen sensible Seite, seine Verletzlichkeit, seiner Angst und Brüche, die Quelle seiner dichterischen Inspiration sei. Es lohnt auf jeden Fall, beide Biographien zu lesen, denn Rilke führt ein fluides Leben, das zugleich schillernd und voller melancholischer Brüche ist. Manchmal scheint Rilke am Leben zu zerbrechen und sucht Sanatorien zu seiner geistigen und körperlichen Heilung auf, dann wieder stürzt er sich in Affären mit (sehr ernst zu nehmenden) Künstlerinnen und den Schönen seiner Zeit, die sein Schaffen zum Fliegen bringen sollen. Aber es sind immer nur kurze Affären, die er schnell beendet.
Sich mit Rilkes Biographie und Werk zu beschäftigen, ist ein Ritt über den Wolken, ist ein Eintauchen in die Höllen eines Hypersensiblen. Genau dieser Ritt soll mit diesem Seminar unternommen werden.
Literatur:
Sandra Richter, Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben, Berlin 2025
Manfred Koch, Rilke. Dichter der Angst, München 2025.
Dozentin: Dr. Monika Thiele
Termine: dienstags, 13.10.2026 - 26.01.2027
Zeit: 12:00 (s.t.) - 13:30 Uhr
Veranstaltungsart: hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0660) oder wahlweise Online-Teilnahme
Hinweis: Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz
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