(AKAD06) Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“ (1976)

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ So beginnt ein Roman, der in besonderer Tiefe und Genauigkeit die individuellen und gesellschaftlichen Widerstände beim Erinnern einer Kindheit und Jugend in den 1930er und 1940er Jahren thematisiert. Dabei legt Wolf den Fokus auf die emotionalen und sozialen Verwicklungen, die die Hitlerjugend- und Bund deutscher Mädel-Generation in den Strukturen des nationalsozialistischen Gesellschaftssystems erfahren hat. Die lebendige Schilderung der Jahre 1929 bis 1947 wird durch weitere Erzählebenen angereichert, um den komplexen Erinnerungsprozess mitsamt aller Hemmnisse transparent werden zu lassen. Das Erinnern stellt sich – so die Autorin im autofiktionalen Text – als „Kreuzverhör mit dir selbst“ heraus.

Die Autorin Christa Wolf, 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, floh im Januar 1945 mit ihrer Familie nach Mecklenburg. Ihr letzter Gedanke beim Verlassen des Ortes war: „Das siehst du niemals wieder“. Ihre spontane Eingebung bewahrheitete sich auf doppelte Weise: neben dem realen Heimatverlust erlitt sie wie so viele andere das Tabu, über das Schicksal der Vertriebenen nicht sprechen zu können, da die Vertreibung in der DDR als gerechte Strafe für die historische Schuld der Deutschen verstanden wurde.

Christa Wolf blickte im Jahr 1999 mit folgenden Worten auf die Situation zurück: „Das ist die typische Erfahrung meiner Generation, dass wir uns an unsere Kindheit nicht ungebrochen erinnern können. In dem Moment, wo eine schöne Kindheit da ist oder auch nur – was die Leute, die aus dem Osten kamen, betrifft – Heimweh, Schmerz über den Verlust der Heimat auftreten wollten, was ja ganz natürlich ist, wurde es sofort zurückgedrängt durch das Wissen, dass das politisch nicht in Ordnung ist. Es hat sehr lange gedauert, ehe wir und die Gesellschaft überhaupt sich diesem Teil unserer Generationserfahrung souveräner widmen konnten.“

Erstmals seit der Flucht im Januar 1945 reiste Christa Wolf im Juli 1971 mit ihrem Ehemann, ihrer zweiten Tochter Karin und ihrem Bruder Horst an ihren Geburtsort (nun Gorzów Wielkopolski/ Polen) zurück. Diese Reise, die ihre persönlichen Erinnerungen auffrischen sollte, beschreibt die Autorin im Roman als Ausgangspunkt ihrer biographischen Nachforschungsarbeiten. Dabei wird auch die Fremdheit benannt, die sie für ihr früheres Ich empfindet. Entsprechend dieser Distanz benennt sie das Kind, das sie war, mit dem Namen Nelly Jordan, während die erwachsene, rückblickende Ich-Erzählerin unbenannt bleibt. Die Kapitel des Romans folgen nicht nur der Chronologie der Kindheit und Jugend, sondern kreisen ganz wesentlich um die Arbeit des schreibenden Gedenkens. So folgt der Text Fragen und Widersprüchen des Erinnerns, erforscht Erinnerungslücken, erkundet das Entstehen von „Scheu, Hass oder Hörigkeit“. Die „Grenzen des Sagbaren“ sind stets gegenwärtig.

Der Roman, der zwischen 1969 und 1975 entstanden ist, erschien im November 1976 – also kurz vor der Ausbürgerung Wolf Biermanns – im Aufbau-Verlag Berlin in einer bemerkenswert hohen Erstauflage von 100.000 Exemplaren. Da der Veröffentlichungszeitpunkt erhebliche Auswirkungen auf die Rezeption des Werks in der DDR und BRD hatte, werden wir uns im Seminar auch mit diesem Aspekt der Werkgeschichte beschäftigen.

Der Roman ist als Taschenbuch erhältlich. Sonstige Materialien werden bereitgestellt.


Dozentin: Dr. Ina Düking

Veranstaltungsart:       Online-Seminar:
Gruppe A:       AKAD06A   - Montag,  14:15 s.t. - 15:45 Uhr
11 Termine:  17.10. + 24.10. + 07.11. + 14.11. + 21.11. + 05.12. + 19.12.2022 + 09.01. + 16.01. + 23.01. + 30.01.2023
(nicht am 31.10., 28.11. und 12.12.2022)


Veranstaltungsart:       nur in Präsenz (Akademie, Raum B 0770)
Gruppe B:        AKAD06B   - Donnerstag,      14:15 s.t. - 15:45 Uhr
12 Termine:  20.10.+ 27.10. + 03.11. + 10.11. + 17.11. + 24.11. + 08.12. + 22.12.2022 + 12.01. + 19.01. + 26.01. + 02.02.2023
(nicht am 01.12. und 15.12.2022)
Hinweis:         Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz


Hinweis:     Die Inhalte beider Gruppen sind identisch!

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