(AKAD06) Vergleichende Choreographien – Wie ein Stoff hundert Gesichter bekommt
Wie unterschiedlich kann ein und dieselbe Partitur aussehen, wenn sie durch verschiedene Körper, Companien und ästhetische Konzepte hindurchgeht? Diese Veranstaltung lädt zu einem Perspektivwechsel ein: Nicht das Werk steht im Mittelpunkt, sondern seine Verwandlungen.
Den Auftakt bildet das klassische Ballett in seiner kanonischen Form. Im Fokus stehen die beiden großen russischen Traditionsensembles: das Bolschoi-Ballett mit rund 200 Tänzerinnen und Tänzern – das größte Ballettensemble der Welt – und das Mariinsky-Ballett mit etwa 130 Mitgliedern. Beide gelten als Hüter einer Tradition, die auf Linie, Technik und stilistische Reinheit setzt.
Auf ihrem Spielplan: die großen Klassiker – Schwanensee (1877), Der Nussknacker (1892) und Giselle (1841). Doch schon hier beginnt der Vergleich: Wie unterscheidet sich die eleganten, lyrischen Petersburg-Varianten zu den technisch spektakulären, dramatisch aufgeladenen Bolschoi-Ausgaben? Wie verändert sich das Corps de ballet – einmal Ornament, einmal kollektive Macht?
Ein historischer Einschnitt folgt mit den Ballets Russes unter Sergei Diaghilev, entstanden aus dem Marinsky Ensemble und weltweit als eigenständige Company tourend. Er machte das Ballett Anfang des 20. Jahrhunderts zur Avantgardeplattform. Komponisten wie Igor Strawinski lieferten radikal neue Klangwelten, während bildende Künstler – von Henri Matisse bis Pablo Picasso – Bühne und Kostüm neu dachten. Der Tanzabend wurde zum Gesamtkunstwerk, zum kulturellen Ereignis. Man sieht keine Varianten des etablierten Balletts, sondern meist Neuschöpfungen.
Doch die Veranstaltung ist keine historische Chronologie, sondern eine Gegenüberstellung von Handschriften, die bis in die Programmgestaltung der heutigen Companien hineinreicht.
Was geschieht mit Giselle, wenn Mats Ek 1992 sie in eine psychiatrische Klinik verlegt? Seine „Giselle“ ist keine ätherische Willis-Königin mehr, sondern eine verletzliche junge Frau in einer Welt sozialer Zwänge – barfuß, kantig, psychologisch aufgeladen.
Wie verändert sich Schwanensee, wenn Johann Kresnik 1971 daraus ein politisches Statement macht? Bei ihm wird der Schwan nicht nur Symbol romantischer Sehnsucht, sondern Projektionsfläche gesellschaftlicher Macht- und Gewaltstrukturen.
Und was bedeutet „Romeo und Julia“, von 1835 wenn John Cranko 1962 die Liebesgeschichte in eine dramatisch zugespitzte, erzählerisch dichte Ballettsprache übersetzt? Seine Version gilt als Paradebeispiel für erzählerisches Handlungsballett des 20. Jahrhunderts.
Ein weiteres Schlüsselwerk: “Le Sacre du printemps” von 1913. Im Original macht der berühmte Vaslav Nijinsky daraus ein heidnisches Frühlingsritual in folkloristischen Kostümen. Maurice Béjart formte daraus 1959 ein rituelles Gemeinschaftserlebnis von fast religiöser Intensität und setzt das Thema Mann und Frau in Spannung, während Pina Bausch 1975 die Bühne mit Erde bedeckte und den Opfermythos existenziell zuspitzte: ein kollektives Beben zwischen Begehren und Vernichtung.
So entsteht ein Spannungsfeld zwischen klassischer Linie und expressiver Auflösung, zwischen narrativer Tradition und Tanztheater, zwischen formaler Strenge und gesellschaftlicher Intervention.
„Vergleichende Choreographien“ fragt nicht: Was ist richtig? Sondern: Was wird sichtbar, wenn man Unterschiede ernst nimmt? Erst im Vergleich zeigt sich, wie sehr Choreographie Interpretation ist – und wie jede Epoche ihre eigenen Antworten in denselben Stoff einschreibt.
Wir werden dreimal das Deutsche Tanzfilminstitut besuchen.
Es wird je einen Termin am 21.April, am 2. Juni und 30. Juni geben.
Diese Besuche werden nicht per Zoom übertragen, sie geschehen allein in Präsenz.
Ohne das Material und die Unterstützung des Deutschen Tanzfilminstituts (Heide-Marie Härtel) wäre diese Veranstaltung nicht möglich gewesen.
Dozentin: Dr. Monika Thiele
Termine: dienstags, 07.04. - 07.07.2026
Zeit: 12:00 (s.t.) bis 13:30 Uhr
Veranstaltungsart: hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0660) oder wahlweise Online-Teilnahme
Hinweis: Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz
Kontakt
Wir sind für Sie da:
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Maike Truschinski
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