(AKAD08) Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“ (2026)
In der Lausitz, am Rande der Republik, liegt der titelgebende Ort Sanditz. Der 1994 geborene Autor hat die fiktive sächsische Kleinstadt erschaffen, um hier ein multiperspektivisches Panorama der deutschen Geschichte anzusiedeln. Der Roman spielt hauptsächlich im Jahr 2021 und 2022, beginnt aber chronologisch betrachtet mit dem Niedergang der DDR. Im Verlauf des Geschehens widerfahren den Sanditzern wesentliche Momente der Zeitgeschichte: vom Besetzen der örtlichen Stasi-Zentrale bis zur Situation der Freikirchler, vom Malochen auf westdeutschen Baustellen bis zur Isolation der Corona-Pandemie, vom Ringen um Heimat bis zum freiwilligen Kampf für die Ukraine. In Sanditz leben nicht nur die drei Generationen der Familie Wenzel, es gibt auch zahlreiche Begegnungen mit weiteren Figuren, mit alten Offizieren, mit Bürgerrechtlern, mit Lokaljounalistinnen, Archivaren, mit Orgelbauern und Fliesensammlern, mit Frührentnern, Kindern und Liebespaaren. Nach und nach erschließt sich die Lektüre wie ein Mosaik, das letztlich ein Bild von Aufbruch und Niedergang, von Versuchen und Scheitern, von Zugehörigkeit und Aufruhr zeichnet.
Auf die Frage, was ihn an diesem Milieu und Thema interessiert habe, antwortete Rietzschel in einem Interview: „Einerseits stamme ich selbst aus diesen Kreisen. Meine Familie war bereits zu DDR-Zeiten in einer landeskirchlichen Gemeinschaft aktiv. Mich interessierte die Kleinteiligkeit des Widerstands. In der ostdeutschen Gesellschaft und beim Umsturz spielten die Kirchen ja eine wirklich große Rolle, daher schien mir dieses Milieu reizvoll. Auch, weil all die Menschen, die ich selbst kennengelernt habe, sicht nicht selbst als systemstürzend betrachten würden oder irgendwelche Anti-Ideologen waren. Sie hatten und haben bis heute einfach eine Art von Anständigkeit, eine Art von anderem Kompass. Dem wollte ich nachfühlen und mich fragen, was das für eine Bedeutung für mein Leben hat.“
Rietzschels Roman ist im Feuilleton vielfach gelobt worden. So heißt es, bei „Sanditz“ handele es sich um einen „herausragenden, realistisch erzählten Text, der sich seinen fein gezeichneten Figuren ohne vereinfachende Psychologisierungen anzunähern weiß“. Es gefalle, dass sich der Roman „auf Mikroszenen und private Verlusterfahrungen“ beschränke. Kein Geschichtsbild und auch keine belehrende Moral habe der Autor im Sinn, eher gehe es um individuelle Lebensläufe am konkreten Ort. Zu loben sei die „Sprachmacht und das Kammerspielartige des Romans“, es sei ein „unsentimentaler Heimatroman“.
Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen geboren. Bereits sein hoch gelobter und erfolgreich verfilmter Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018) ist in einem Dorf in Ostsachsen angesiedelt. Rietzschel thematisiert dort die Wut über Arbeits- und Perspektivlosigkeit, über die industriellen Hinterlassenschaften der DDR-Zeit, über die Aufnahme von Geflüchteten. 2021 wurde sein zweiter Roman „Raumfahrer“ veröffentlicht, auch hier ein Nachwenderoman. In einer Verzahnung von Fakten und Fiktionen folgt der Roman unter anderem dem Maler Georg Baselitz. Rietzschel erwarb für seine Romane und Theaterstücke den Gellert-Preis, den Sächsischen Literaturpreis und den Preis „Text & Sprache“.
Literatur:
Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“ ist 2026 bei dtv erschienen.
Dozentin: Dr. Ina Düking
Termine: dienstags, 13.10.2026 - 26.01.2027 (nicht am 15.12.2026)
Zeit: 14:00 (s.t.) bis 15:30 Uhr
Veranstaltungsart: in Präsenz (Akademie, Raum B 0660)
Hinweis: Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen
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