(AKAD09) Herta Müller „Der Beamte sagte“ (2021)

In diesem Seminar soll es um die Collage-Literatur der Literaturnobelpreisträgerin von 2009 gehen. Während Herta Müllers Romane wie „Herztier“ (1994) und „Atemschaukel“ (2009) recht bekannt sind, stehen die Collage-Gedichte und Collage-Erzählungen der Autorin im Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung. Herta Müller selbst hat hingegen immer wieder betont, dass sie ihr Schreiben in beiden Formen – der reinen Wort-Form und der Kombinationsform aus Wort und Bild – stets als gleichwertig betrachtet hat. Wie tiefgehend, herausfordernd und diskussionswürdig diese besondere Verwebung von Wort und Bild ist, soll die Analyse von Herta Müllers neuesten Erzählband „Der Beamte sagte“ zeigen. In 160 Collagen präsentiert die Autorin Szenen aus dem Auffanglager einer deutschen Kleinstadt. Im Verlauf eines Winters kommt es zwischen einer aus Rumänien ausgereisten Frau, die als Herta Müller selbst verstanden werden darf, und den deutschen Beamten zu ernüchternd plakativen Begegnungen, die auf bisweilen satirische Art und Weise die Arbeitsprozesse der deutschen Bürokratie bloßlegen. Während die Verzweiflung der Frau sowie der weiteren Asylsuchenden stetig ansteigt, verharren die Beamten in irritierend comicartigen Phrasen und Formalien. So drückt der Beamte aus der Prüfstelle A sein missglücktes Mitgefühl durch ein „Oh, Oh, Oh“ aus, das charakteristisch für sein fehlendes Bewusstsein der Ohnmachtserfahrung der Antragstellenden ist. Es entspinnen sich unsinnige Dialoge, die in den Collagen durch entsprechende Bebilderung unterstrichten werden. Mehrere Collagen thematisieren beispielsweise das Ringen um die Frage, ob die Frau als politisch Verfolgte anerkannt wird: „Der Beamte mit dem Oh Oh Oh fragte, ab welchem Tag ich ein Staatsfeind war. Ich sagte: Sie glauben, jahrelang fängt plötzlich an einem Montag an.“ Wenig später erinnert der Stress der bürokratischen Situation an die quälenden Verhörerfahrungen der Autorin in Rumänien: „Der Beamte fragte: geboren? Ich sagte: Es scheint so. Seine Augen (warteten) wie nasse Kieselsteine, bis er schrie: Wir wissen trotzdem, wann und wo.“ Im Verlauf des Erzählbandes schimmern nicht nur die traumatischen Lebenserfahrungen Herta Müllers durch, sondern auch die Hintergründe bzw. Abgründe anderer AntragstellerInnen.
Um die Kombination von Wort, Bildauswahl und Collage-Gestaltung entschlüsseln zu können, sollen im Seminar autobiographische Texte und Essays der Autorin hinzugezogen werden. Auf diese Art und Weise entfaltet sich das Panorama einer Lebenswelt, die durch familiäre Tabus, durch Angst, Gewalt und Verfolgung innerhalb einer osteuropäischen sozialistischen Diktatur geprägt ist. Insofern sind Herta Müllers Collagen nicht nur kreativ-poetische Sprachbilder, sondern hochpolitische Anregung zur Reflexion.
Herta Müller wurde 1953 in Nitzkydorf in Rumänien geboren. Nach dem Studium der deutschen und rumänischen Philologie arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Als sie sich weigerte, für den Geheimdienst Securitate zu spitzeln, wurde sie entlassen. Jahrelang war Müller Verhören, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen durch die Securitate ausgesetzt. Erst 1987 durfte sie nach Deutschland ausreisen. Herta Müller lebt in Berlin. Neben zahlreichen weiteren Preisen, Stipendien und Gastprofessuren wurde Müller 2009 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In der Vergabe wird hervorgehoben, was auch für Herta Müllers Collage-Literatur gilt: „Ihr Werk ist ein Kampf, der weitergeht und weitergehen muß, eine Form des unwiderruflichen Gegen-Exils. Und obwohl Sie gesagt haben, daß Sie das Schreiben vom Schweigen und Verschweigen lernten, haben Sie uns Wörter gegeben, die uns unmittelbar und tief ergreifen – mit dem Schweigen, über das Schweigen.“

 

Literatur:

Herta Müller: Der Beamte sagte. München 2021.
Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch mit Angelika Klammer. München 2014.

Ein Reader mit weiteren Materialien wird bereitgestellt.


Dozentin:          Dr. Ina Düking
Zeit:                   12 x Donnerstag,  14:15 s.t. - 15:45 Uhr
Termine:           13.04., 20.04., 27.04., 04.05., 11.05., 25.05., 01.06., 08.06., 22.06., 29.06., 06.07., 13.07.2023
(Nicht am 15.06.2023)
Veranstaltungsart:       nur in Präsenz (Akademie, Raum B 0770)
 

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