(AKAD13) Der Historismus des 19. Jahrhunderts – Einführung in die Kunstgeschichte VI
“Scheint es doch fast, als wäre es die Aufgabe, die Geschichte zu bewachen, daß nichts aus ihr herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen”
(Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874)
Das 19. Jahrhundert legte mit seinen Revolutionen die Grundlagen der heutigen westlichen Staats- und Wirtschaftsformen. Die politischen Revolutionen formulierten neue Staatsverständnisse; die industrielle Revolution läutete das Zeitalter der Maschinen ein.
Die Verwerfungen zeigten sich als fundamental.
»Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche vor allen früheren aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können.«
schrieben Marx und Engels in ihrem Kommunistischen Manifest von 1848.
Man suchte nach Orientierungen und Sicherheiten. Geradezu bezeichnend war die Frage nach der Geschichte, was dieser Epoche auch einen ihrer Namen gab: Die Epoche des Historismus.
Der Historismus zeigt sich als ein Versuch, in einer Unsicherheit der zeitlichen Orientierung des Handelns und der Wertsphären eine Sinnstiftung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu gewährleisten. Seine kulturhistorische Wirkung erhielt er durch eine Verallgemeinerung dieser Sinnstiftung, die nahezu auf die gesamte Lebenspraxis übertragen wurde. Der Anspruch einer Gesamtkonzeption von "Geschichte als Kulturgeschichte" war mit gesellschaftsübergreifender Wirkung angelegt.
In der Vorlesung soll an Beispielen insbesondere der Architektur, der Malerei, der Plastik sowie auch an der Gestaltung der Wohnwelten die Genese, der Wandel und die Bedeutung des Historismus kritisch nachvollzogen werden.
Besonderes Augenmerk wird hierbei auf seine gesellschaftlichen Implikationen und Funktionen gerichtet: Es soll analysiert werden, wie und inwieweit vermittels historistischer Formensprachen der Nachweis kultureller Kompetenz und gebildeten Geschmacks zum Ausdruck kommt und somit sozio-kulturelle Geltungs- bzw. Herrschaftsansprüche kommuniziert werden. Angesichts der langen Dauer des Prinzips der historistischen Rhetorik, wie sie sich gerade in der Architektur äußert, wird auf die Überzeugungskraft der historistischen Sprache eingegangen.
Die umfassenden gesellschaftlich-kulturellen Auswirkungen des Historismus charakterisieren ihn zudem als ein Phänomen, das im Endeffekt nicht nur auf das 19. Jh. bezogen bleibt, sondern – wie eine Vielzahl von aktuellen Tendenzen wie der »Neu-Altbau« des Frankfurter Römers zeigen – bis in die jüngste Zeit reicht.
Mit »Altstadt-Flair«, »Altstadtpflaster« etc. versprechen Marketingstrategien eine vermeintlich »Gute alte Zeit«, die beim besten Willen gar nicht gut war, sondern vermittels derer nur das Bedürfnis nach Sicherheit in unsicheren Zeiten befriedigt werden soll. Das verkauft sich blendend. Umso mehr, als hierdurch weitreichende kulturelle Identifikationsmuster angeboten werden, die in ihrer Rückwärtsgewandtheit dafür sorgen sollen, dass aus der Geschichte »nichts […] herauskomme als eben Geschichten, aber ja kein Geschehen« - wie Friedrich Nietzsche es ja treffend bemerkte.
Dozent: Prof. Dr. Alarich Rooch
Termine: mittwochs, 14.10.2026 - 27.01.2027
Zeit: 10:00 (s.t.) bis 11:30 Uhr
Veranstaltungsart: Online-Seminarreihe
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