(AKAD22) Tanz und Politik – Ästhetik und Widerstand

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Deutschen Tanzfilminstitut Bremen

Das Seminar widmet sich sehr unterschiedlichen Formen des Verhältnisses von Tanz und Politik. Im Mittelpunkt stehen Tanz als Ausdruck und Symbol gesellschaftlicher Machtverhältnisse, von Geschlechterrollen und Rassismus ebenso wie Tanz als Mittel politischer Repräsentation, des Widerstands und der gesellschaftlichen Veränderung. Auch die Frage, was geschieht, wenn Tanz durch politische oder religiöse Regime eingeschränkt oder verboten wird, spielt eine zentrale Rolle.

Den Auftakt bildet scheinbar harmlos der Film „Der König tanzt“. Ludwig XIV. erscheint darin an der Spitze seines Ensembles als Sonne, ganz in Gold getaucht. Was zunächst am Hof Befremden auslöst – der König als Tänzer –, wird zur eindrucksvollen politischen Machtdemonstration. Musik, Choreographie und Aufführungspraxis werden zum Sinnbild absolutistischer Herrschaft. Der opulente Kostümfilm zeigt dabei sehr anschaulich, wie Kultur selbst zu Politik werden und Macht ästhetisch sichtbar machen kann.

Von hier führt eine Linie zu anderen Formen politischer Repräsentation, etwa zu den nationalsozialistischen Masseninszenierungen, in denen Körper, Bewegung und Choreographie gezielt als Ausdruck vermeintlicher Stärke, Geschlossenheit und Überlegenheit eingesetzt wurden.

Auch gesellschaftliche Veränderungen können sich unmittelbar im Tanz spiegeln. Ein Beispiel ist der Walzer, der um 1800 und insbesondere in der Zeit des Wiener Kongresses zum gesellschaftlichen Phänomen wurde. Die ungewohnte körperliche Nähe der Tanzpartner stellte bestehende Moralvorstellungen infrage; zugleich begann der Tanz, traditionelle Grenzen zwischen Adel und Bürgertum aufzuweichen.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt dem Verhältnis von Tanz und Rassismus. Bereits William Shakespeares um 1603/1604 entstandenes Drama „Othello“ thematisiert Ausgrenzung und Hautfarbe. John Neumeier choreographierte den Stoff 1985 und machte daraus weit mehr als ein Eifersuchtsdrama: Die unterschiedliche Hautfarbe der Protagonisten wird zu einem wesentlichen Bestandteil der Inszenierung.

Gerade im klassischen Ballett, einer Kunstform, die über lange Zeit von einem weißen europäischen Schönheitsideal geprägt wurde, ist Hautfarbe bis heute ein bedeutendes Thema. Das Seminar wird daher verschiedene Beispiele für Rassismus, Ausgrenzung und Emanzipation im Ballett vorstellen.

Eine herausragende Rolle spielt dabei Alvin Ailey. In seinem berühmten Werk „Revelations“ verband er die Erfahrungen afroamerikanischer Geschichte, Spiritualität und Unterdrückung mit einer höchst eindringlichen tänzerischen Form.

Auch die Geschichte schwarzer Ballerinen zeigt, wie hart gesellschaftliche und institutionelle Barrieren wirken können. Misty Copeland wurde 2015 als erste afroamerikanische Principal Dancer des American Ballet Theatre berufen. Ihr Weg in die großen Rollen des klassischen und romantischen Balletts steht beispielhaft für den Kampf um Sichtbarkeit und Gleichberechtigung.

Heide-Marie Härtel, Gründerin und künstlerische Leiterin des Deutschen Tanzfilminstituts Bremen, wird im Rahmen des Seminars mehrere Schwerpunkte übernehmen.

Zunächst stellt sie Kurt Jooss, Mitbegründer der Folkwangschule in Essen, und seine berühmte Choreographie „Der Grüne Tisch“ (1932) vor. Das Werk ist eine der bedeutendsten politischen Choreographien des 20. Jahrhunderts. Jooss setzte sich darin mit Krieg, Macht und politischer Verantwortung auseinander und griff dabei auch auf das geistige Umfeld kritischer Autoren seiner Zeit wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky zurück.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt dem häufig missverstandenen Choreographen Johann Kresnik (1939–2019). Heide-Marie Härtel tanzte in den 1970er-Jahren als Tänzerin mit Soloverpflichtung in seinem Bremer Ensemble. Kresnik revolutionierte das deutsche Tanztheater. Statt Schönheit und Harmonie in den Mittelpunkt zu stellen, konfrontierte er sein Publikum mit politischen Konflikten, Gewalt, deutscher Geschichte und gesellschaftlichen Widersprüchen. Seine Arbeiten waren direkt, körperlich und oftmals verstörend.

Der Dramatiker Moritz Rinke beschrieb kurz nach Kresniks Tod sehr eindrücklich, wie sehr ihm dessen widerständige Kraft angesichts der glanzvollen Welt der Salzburger Festspiele fehlte:

„Zwei Wochen nach seinem Tod saß ich nun bei den Salzburger Festspielen im Publikum, wo er als Österreicher nur einmal inszenieren durfte („Peer Gynt“). Um mich herum saßen zurechtgepuderte und verschönte Menschen, wie ich es in der Übertriebenheit noch nie gesehen habe. Überall Protz, Gehabe, Geld, Geld, Geld, die Kunst wirkte nur noch wie ein Anlass für die eigentliche Show.
Ich rutschte immer mehr auf meinem Sitz zusammen und bekam Sehnsucht nach jener Kärntner Kraft, nach diesem kämpferischen Mann, nach diesem Kommunisten, der im Grand Jeté durch unseren Garten bis ins Gewissen dieser Salzburgmenschen springt.“

Dem Werk Johann Kresniks sollen insgesamt drei Sitzungen gewidmet werden. Unter anderem wird Heide-Marie Härtel einen Vortrag zum Thema „Tanz und Politik“ halten, der ursprünglich für ein Bonner Publikum entwickelt wurde. Ich selber werde sein Stück “Ulrike Meinhof" vorstellen.

 

Tanz als Widerstand

Zum Abschluss richtet sich der Blick auf Länder, in denen Tanz als öffentliche Kunstform eingeschränkt oder verboten ist. Dort kann bereits das Tanzen selbst zu einer Form des Widerstands werden – gegen politische, gesellschaftliche oder religiöse Vorschriften und gegen rigide Vorstellungen vom Verhältnis der Geschlechter.

Der Film „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ erzählt von jungen Menschen im Iran, die trotz staatlicher Verbote tanzen und damit ihre Sehnsucht nach künstlerischer und persönlicher Freiheit ausdrücken. Ergänzend werden Hintergründe zur iranischen Tanzkultur und zur politischen Bedeutung des Tanzes erläutert.

Das Seminar versteht Tanz damit nicht allein als ästhetische Kunstform, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse: als Ausdruck von Macht und Herrschaft, aber ebenso als Möglichkeit des Widerspruchs, der Emanzipation und der Freiheit.
 


Dozentin:             Dr. Monika Thiele

Termine:           montags,   12.10.2026 - 25.01.2027

Zeit:                   12:00 (s.t.) bis 13:30 Uhr

Veranstaltungsart:  hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0660) oder wahlweise Online-Teilnahme

Die Veranstaltungen im Deutschen Tanzfilminstitut finden am 02.11. 2026; 30.11.2026 und am 14.12.2026 statt. Dort ist die Teilnahme nur in Präsenz möglich.

Hinweis:   Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz

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