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(AKAD24) „Dekolonisiert Euch!“ Ein postkolonialer Perspektivwechsel auf das koloniale Erbe Deutschlands

Menschen wie ich, die in den 1950ern nach England kamen, waren schon seit Jahrhunderten da. […] Ich kam nach Hause. Ich bin der Zucker auf dem Boden der englischen Teetasse […]. Aber Tee ist das Symbol englischer Identität. Aber wo kommt er her? Ceylon – Sri Lanka, Indien. Das ist die äußere Geschichte, die im Inneren die Geschichte Englands ist. Es gibt keine englische [lies: europäische H.R.] Geschichte ohne diese andere Geschichte.            (Stuart Hall, „Alte und neue Identitäten“. In: Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg:Argument, S.66-88.)

Dekolonisiert Euch! Ein solcher Aufruf – aufgegriffen vom Deutschlandfunk als Motto seiner aktuellen Denkfabrik-Reihe – 100 Jahre nach Ende des deutschen Kolonialbesitzes, der ohnehin nur eine Marginalie der deutschen Geschichte war?

Mit dieser Lesart ist der deutsche Anteil am Kolonialismus bis heute weitgehend abgehakt worden. Doch Denkmalsturz, Debatten um die Restitution geraubter Kultur und zähe Verhandlungen mit den Nachfahren der Beraubten, der Beginn einer anderen Erinnerungskultur werfen ein Schlaglicht darauf, dass sich der formale Besitz von Kolonien für Deutschland erledigt hat, nicht aber das Koloniale. Das Koloniale: es steckt in unseren Köpfen, prägt noch immer globale Herrschaftsverhältnisse, Abhängigkeitsstrukturen, politische und kulturelle Werturteile und Ab- und Ausgrenzungen „des Westens“ gegenüber „dem Rest der Welt“.

Das Koloniale: das bittere Erbe einer gemeinsamen Vergangenheit - einer Vergangenheit, in der sich Europa an den Kolonien zu dem entwickelt hat, was es heute an materiellem und kulturellem Reichtum aufzuweisen hat, einer Vergangenheit, die als schwere Hypothek auf den ehemals Kolonisierten lastet.

„Dekolonisiert euch!“ ist der Anspruch, den die ehemals kolonisierte Welt an uns in Europa richtet, und der schließt Deutschland ausdrücklich ein. Es ist die Forderung an uns, die gemeinsame koloniale Verflechtungsgeschichte zu akzeptieren und damit auch Verantwortung für die verflochtenen Genealogien der Gegenwart (Randeria/Römhild) zu übernehmen.

Eine postkoloniale Perspektive auf diese entangled histories ist eine Spurensuche nach diesen „verflochtenen Genealogien“, nach den kolonialen Wurzeln der deutschen Gegenwart. Koloniale Hierarchien haben sich nicht nur in den globalen Beziehungen und Machtverhältnissen erhalten, sondern prägen auch individuelle und kollektive Denkstrukturen und Haltungen gegenüber denen, die als „die Anderen“ markiert und ausgegrenzt werden. Sie wirken in unseren Menschenbildern und Beziehungen zum fremden Anderen, in unseren Sehnsuchtsorten und Schreckensvisionen, in unserer (westlichen) Definition globaler Probleme und zwingender Erlösungsstrategien für die Welt.

Die Spurensuche in den „kolonialen Genealogien der Gegenwart“ führt zu Beispielen kolonialer Denk- und Handlungsmuster aus den folgenden Themenkomplexen:

  • Koloniale Ursprünge unserer Raumbilder: die imperiale Ordnung der Erde.
    • „Weltregionen“ und Interessensphären
    • Dichotomien: The West and the Rest
  • Kolonien als „Laboratorien der Moderne“: koloniale Wurzeln der europäischen/deutschen Moderne
    • Nationale und bürgerliche Selbsterfindung. Das Beispiel der deutschen Kolonialstadt Tsingtau, China
    • Schmetterlingsjäger – Pflanzenjäger – Kopfjäger. Die Herausbildung der modernen Wissenschaften
    • Kolonialherrschaft und Biomedizin. Tsingtau und die Pest in Nordchina 1911
  • Menschenbilder und Rassismus
    • Von biologistischen Rassenlehren/ Eugenik/Sozialdarwinismus und Kulturstufentheorien zum kulturellen Rassismus heute
    • Bilder vom fremden Anderen: „Forschungsreisende“ und Ferntourismus, Völkerschauen und www.afrikaafrika.de
  • Traditionslinien: personelle und ideologische Kontinuitäten
    • Koloniale Expansion – deutscher Kolonialrevisionismus – NS-„Ostexpansion“ - die Bundeswehr
    • „Zivilisierungsmissionen“:
      • Home, sweet home: die bürgerliche Familie, globalisiert
      • Serengeti darf nicht sterben

Dozentin:     Dr. Helga Rathjen

Zeit:             Mittwoch, 10:00 s.t. - 12:00 Uhr

Veranstaltungsart:   Online-Seminarreihe

Kontakt

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Maike Truschinski
Jaroslaw Wasik

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