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(AKAD25) Dichter unter sich

In seinen Fernsehmagazinen (1988 bis 2019) hat Alexander Kluge immer wieder auch Schriftstellerkollegen interviewt. Daraus entstand gewissermaßen Poesie zu zweit. Aus dem Korpus von ca. 100 Stunden habe ich für drei Sitzungen folgende Gespräche ausgewählt:

1. Aus gegebenem Anlass zwei Gespräche mit der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

1.1. Chaos im Land der Gefühle / Swetlana Alexijewitsch über den Kampf der Geschlechter in Rußland  (45‘)

Männer und Frauen in Russland, sagt der Dichter Turgenjew, sind grundsätzlich außerstande, einander zu verstehen. Ein Teil der Trägheit und Melancholie, aber auch der Gefühlsstärke dieses Landes sei darauf Izurückzuführen, dass jedes dieser Geschlechter auf einem anderen Planeten lebt.

Die Autorin und Journalistin Swetlana Alexijewitsch geht in ihrem Buch diesem Zerwürfnis zwischen Mann und Frau nach. Sie fand zweierlei heraus: Jede Landschaft in Russland bringt auch eine eigene Gefühlslandschaft hervor. Diese inneren Landschaften sind heute um so wichtiger, als die äußeren Ziele (auch bedingt durch den Zusammenbruch des Imperiums) verblassen. Die Welt der Gefühle wird zu einer Welt, nach der sich die Menschen richten.

Zugleich haben sich Teile der Außenwelt, z. B. in Tschernobyl, so radikal gewandelt, dass die Bilder, über die sich die Gefühle verständigen können, nicht mehr passen. Swetlana Alexejewitsch berichtet hierzu erschütternde Geschichten. Es entsteht ein Bruch in der Kultur.

Lebensberichtet aus dem aktuellen Leben, aber immer auch um den Kampf der Geschlechter, der älter als 6000 Jahre ist.

1.2. Anziehungskraft der "verbotenen Zone" von Tschernobyl (15‘)

Die Todeszone als Zufluchtsort. Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten der GUS, ein Förster, der seinen Wald vermisst, Frauen, die aus der Zone von Tschernobyl umgesiedelt wurden, kehren in das tödlich verstrahlte Gebiet zurück. Es ist mit Stacheldraht umzäunt und wird von Milizionären immer erneut zwangsgeräumt. Dennoch wird hier gesiedelt. Die Menschen fürchten den radioaktiven Tod weniger als den unmittelbaren physischen Tod oder den Tod ihrer Hoffnung auf Heimkehr.

2. Zwei Gespräche mit Hans Magnus Enzensberger (*1929):

2.1 Deutsch sein ist kein Beruf  (25‘)

Seit 1955 hat Hans Magnus Enzensberger in seinen Dichtungen in regelmäßigen Abständen auch auf sein Geburtsland Deutschland reagiert. Die Beziehung war immer kritisch. Oft ist Enzensberger in andere Länder (z.B. U.S.A., Norwegen) ausgewichen, um Atem zu holen: "Deutschsein ist kein Beruf". Sein Werk spiegelt die alte Bonner Republik Adenauers (SPIEGEL-Krise, Gruppe 47) genauso wie die Protestbewegung von 1968, die Raketenkrise von 1984, wie den heutigen Übergang zur Berliner Republik wieder. Enzensberger ist der Weltläufigste unter den deutschen Dichtern. Eines seiner frühesten Essays heißt EINZELHEITEN

2.2 Ich bin der Saboteur meiner Depressionen (45‘)

DER FLIEGENDE ROBERT, DIE FURIE DES VERSCHWINDENS und DAS MUSEUM DER MODERNEN POESIE - das sind Titel berühmter Publikationen von Hans Magnus Enzensberger. Mehr als 43 Jahre hat Enzensberger die Chronik der Bundesrepublik, vor allem aber die Bewegungen der Welt, portraitiert. Das Fernsehen hält er für ein Null-Medium. Bei den Dichtern unterscheidet er zwischen Maulwürfen und Störchen. Er selber wäre ein Storch. Man betrachte die Bewegung des Schnabels, die die Beute packt.

Ein Portrait von Hans Magnus Enzensberger.

3. Zwei Gespräche mit Heiner Müller (1929 – 1995):

3.1. Heiner Müller im Zeitenflug (45‘)

Aktualität von Ovids Metamorphosen. Ovids Metamorphosen handeln von Verwandlungen. Unerbittliche Leiden zwingen Götter und Menschen dazu, ihre Gestalt zu wechseln. Diese Texte, mit denen Ovid auch das bittere Schicksal der geschlagenen Trojaner beschreibt, nennt Heiner Müller "dramatische Stoffe". Wie kommt es zu dem eigentümlichen Generationenvertrag, der 2000 Jahre alte Texte aktuell macht ?

3.2. "Pflugschar des Bösen" (15‘)

Entgegen der Annahme vieler Humanisten, ist es die Funktion der Intelligenz, Chaos zu verbreiten.

Heiner Müller über die korrekte Funktion des Intellektuellen.

Dozent:        Prof. Dr. Rainer Stollmann

Zeit:             3 x Montag, 10:00 s.t. - 11:30 Uhr

Termine:     

  • 16.11.2020: Swetlana Alexijewitsch
  • 23.11.2020: Magnus Enzensberger
  • 30.11.2020: Heiner Müller

Veranstaltungsart:   3 x Online-Seminar, keine Seminarreihe – es finden 3 Termine statt.

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Maike Truschinski
Jaroslaw Wasik

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