(AKAD27) Mein schöner postkolonialer Garten - Gärten und Gärtnern im Spannungsfeld zwischen Paradies und Weltmarkt

„Das Paradies heißt Ninfa“, titelte kürzlich die Süddeutsche. Es könnte auch Sissinghurst heißen. Oder Giverny. Oder ganz einfach: „Mein Garten am Gänseblümchenweg 24“.

Das Paradies: ein Garten. Als Garten Eden, hortus conclusus oder Paradiesgärtlein, als Arkadien, bukolische Idylle und Landschaftspittoreske bis hin zum privaten Gartenglück der Gegenwart steht der Garten für einen Sehnsuchtsort der Abgeschiedenheit und Intimität, für ein Refugium gegen die Zumutungen des Alltagslebens und der „Welt da draußen“. Damit steht er auch für eine Anderwelt, in der wiedergefunden werden könne, was dem Menschen verloren gegangen ist. In diesem Sinne ist er auch immer ein (idealisierter) Gegenentwurf zur herrschenden Realität – im Besonderen zur Stadt und ihren Lastern (Petrarca 1346). Unschwer lassen sich darin noch die heutigen, emotional besetzten Gegenorte etwa der urban gardening-Bewegung wiedererkennen.

Doch ist der Garten immer schon alles andere gewesen als der Hort paradiesischer Unschuld oder der Rückkehr zu verlorener Ursprünglichkeit. Seit den Hängenden Gärten von Babylon ist er Spiegel und Inszenierung der herrschenden Ordnung, der Herrschaft über die Natur und die Welt. Der Widerspruch zwischen weltflüchtigem Sehnsuchtsort und der Verstrickung des Gartens in allzu weltliche Wirklichkeiten soll dem Seminar als Leitlinie für Aspekte des Gartenthemas dienen, die hinter dem Füllhorn an gärtnerischer Pflanzenpracht und -vielfalt aus jedem Winkel der Welt und einem europäischen Erfahrungs- und Wissensschatz aus Jahrhunderten des Gärtnerns nicht unbedingt sichtbar sind. Denn was wir als schier unerschöpfliche Kreativität beglückender Gestaltungsmacht und Selbstäußerung in unseren Gärten erleben, ist teuer erkaufter Luxus.

Wir „Gärtner:innen aus Liebe“ und Pflanzenleidenschaft sind Teil und Profiteur:innen postkolonialer Strukturen, die in 500 Jahren kolonialer europäischer Expansion und weltweiter Plünderung von Ressourcen entstanden sind. Die Folgen dieser Ausbeutung erleben wir heute in der globalen Störung und Zerstörung von Ökosystemen und von Überlebensmöglichkeiten – vor allem für Milliarden Menschen in den einstigen kolonialen und imperialistischen Peripherien. Unsere Gartenkultur ist verflochten und verwickelt in dieses System, das bringt uns an die Grenzen unserer Begehrlichkeiten und Möglichkeiten. Wer gärtnert, kann die Klimakrise und andere zerstörerische Auswirkungen dieser Strukturen mit den Händen greifen.

Rückblicke auf die Gartengeschichte sollen die Entstehung dieser Verflechtungen beleuchten und helfen, die Voraussetzungen unseres Denkens und der heutigen globalen Beziehungsnetze zu verstehen. Die Jagd auf Ressourcen ist eines der Kapitel. Bekannte Pflanzenjäger und -jägerinnen der Vergangenheit haben unbekanntere Nachfolger:innen. Mit Schaufel und Eimer plündern sie heute kaukasische Schneeglöckchenfelder oder seltene tropische Epiphyten. Wirklich profitabel aber ist heute die moderne Biopiraterie, die genetische Technologien instrumentalisiert.

Die historische Pflanzenjagd begründete auch die systematische Sammlung, Klassifizierung und Kategorisierung exotischer Flora und damit eine eurozentrisch organisierte botanische Wissenskultur, die bis heute weltweit verbindlich ist. Sie definiert maßgeblich unser Verständnis von Pflanzen, das seit der Aufklärung Teil der naturrechtlich gegründeten Beziehung zur Natur ist. Improvement mit Hilfe von Züchtungen, Anwendungswissen und -forschung und Erschließung von immer neuen Anbaugebieten: Botanische Gärten stellten das Pflanzenwissen im 18./19. Jahrhundert gezielt in den Dienst des Imperialismus (führend: Kew Gardens!) und schufen den profitorientierten Pflanzenweltmarkt, der bis heute auch unsere Gärten ausstattet.


Dozentin:          Dr. Helga Rathjen
Zeit:                   9 x Mittwoch, 10:00 s.t. - 11:30 Uhr
Termine:           19.10. + 26.10. + 02.11. + 09.11. + 23.11. + 30.11. + 07.12. + 14.12.2022 + 11.01.2023, (nicht am 16.11.2022)
Hinweis:         Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz
Veranstaltungsart:       hybrid, in Präsenz (SFG, Raum 0140)
oder wahlweise Online-Teilnahme

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