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(E) „Die Finsterlinge singen Bass“ - Große Dirigenten, außergewöhnliche Aufführungen

Etwas über Stimmen - ein Blick hinter die Kulissen der großen Musikkultur

Von Alexander Kluges Kulturmagazinen im Fernsehen (1988 – 2018) beschäftigen sich etwa ein Drittel mit der Musik, das ergibt ca. 700 Stunden Sendezeit. Davon wollen wir uns in sechs Terminen etwa 9 Stunden ansehen:

1. Der Dirigent Michael Gielen bei der Arbeit

NEWS & STORIES 05.03.2006

Das Tempo ist das A und O 

Erinnerungen des großen Dirigenten Michael Gielen

Michael Gielen besitzt einen hohen Rang als Dirigent der modernen und der klassischen Musik. Berühmt ist die Ära seiner Intendanz an der Frankfurter Oper (mit legendären Aufführungen von Wagners RING DES NIBELUNGEN, von Berlioz' DIE TROJANER und von Verdis AIDA). In seinem Buch "Unbedingt Musik!" hat Michael Gielen seine Lebenserinnerungen niedergeschrieben. Die Skala seiner Interessen reicht von Schönberg bis zu Bach, von Bernd Alois Zimmermann bis zu Beethoven, von Verdi bis zu Bellini. 

Mit Ausschnitten aus Opern von Bellini, Beethoven, Verdi und Wagner.

NEWS & STORIES 20.07.1998

Black-Out bei der 2. Fanfare 

Beethovens Fidelio in Stuttgart mit Mord und ohne Erlösung

Ludwig van Beethoven hat in seiner einzigen Oper der Idee der Ehe, der Gefangenenbetreuung, der Brüderlichkeit überhaupt und dem humanen Optimismus ein musikalisches Denkmal setzen wollen. Die Zeitgeschichte hat diese Prognose weder im 19. noch im 20. Jahrhundert eingeholt. Es gibt also eine Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und dem Elan von Beethovens Werk. In diese Lücke dringen der Dirigent Michael Gielen und der Regisseur Martin Kušej ein. Sie sind beraten von dem für kritische Umformung klassischer Kunstwerke bekannten Stuttgarter Opernchef Klaus Zehelein.

Ein hoher politischer Funktionär ist durch einen politischen Verbrecher illegal eingekerkert worden. Seine Frau verkleidet sich als Mann und dringt in das Gefängnis ein. Sie gerät in die Familie des Kerkermeisters, eine menschliche Idylle. Sie macht sich in der Nische unentbehrlich. Der Höhepunkt von Beethovens Oper ist gekennzeichnet durch zwei Fanfaren, von denen die zweite Fanfare die Ankunft des Ministers und Befreiers kennzeichnet. In der Stuttgarter Inszenierung des FIDELIO ist dies der Moment, in dem die Katastrophe eskaliert. Leonore, die Frau des Eingekerkerten bedroht den verbrecherischen Gefängnisdirektor mit der Waffe. Dieser hält das Messer an die Kehle des politischen Gefangenen. Alle ertrinken im Blut.

Der geniale dramaturgische Eingriff verwandelt alles, was folgt, angeführt von der herrlichen Musik Beethovens in eine "Feier der Untoten". Die Befreiung findet im Jenseits statt. Hier hat nicht Orpheus Eurydike zu befreien versucht (und dies scheiterte). Dass es aber versucht wurde zeigt, dass wenigstens die Idee der Menschlichkeit existiert. Mehr hat auch Beethoven nicht ausdrücken wollen.

Die musikalische Interpretation von Michael Gielen ist seinem Frankfurter RING gleichwertig, der als legendär gilt und ihm den Theordor W. Adorno Preis einbrachte. Die Dramaturgie von Klaus Zehelein und Kušej ist dieser unbestechlichen, modernen Deutung gleichrangig. Ein großer Erfolg des Stuttgarter Opernhauses. 

2. Bedeutende Inszenierungen am gegenwärtigen Bremer Theater

NEWS & STORIES 16.03.2014

Der Fliegende Holländer / Sebastian Baumgarten inszeniert Wagners Werk in Bremen als "unheimliche Begegnung"

Wagners temperamentstarke Frühoper hat man so noch nicht gesehen. Der Holländer, der verflucht ist, in Ewigkeit auf der See zu fahren und nur durch die Treue einer Frau erlöst werden kann, tritt auf als monströser U-Boot-Kapitän: anfangs und am Ende unförmig wie eine Wasserleiche und zwischendurch ein beeindruckender Mann. Für seine Gegenspielerin, die Seemannstocher Senta, die diese Begegnung vorausahnte und diesem Mann bis zum Ende treu bleibt, eine unheimliche Begegnung. Noch unheimlicher inszeniert ist die "Mordnacht vor dem Hochzeitstag", in der die Geister des Holländerschiffs die gesamte Bevölkerung des Ortes umbringen. Eine Inszenierung im Geiste von Heiner Müllers legendärem Stück "Germania Tod in Berlin".

Eine starke Aufführung am Theater Bremen. Mit den Bremer Philharmonikern, sowie Chor und Extra-Chor. Musikalische Leitung: Markus Poschner. Kostüme/Video: Jana Findeklee und Joki Tewes. Bühnenbild: Thilo Reuther.

TEN TO ELEVEN 11.03.2013

Die Banditen / Groteske Oper in drei Akten von Jaques Offenbach am Theater Bremen

Friedrich Schillers "Räuber" betätigten sich lange Zeit in den böhmischen Wäldern. Unter der Anleitung des Komponisten Jaques Offenbach entdecken sie dann im Jahre 1869 die Spekulationsblase von Paris. Dort, in der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, liegt die Beute, die es sich anzueignen gilt. Ein aktueller Auslöser für Offenbachs groteske Oper war außerdem die Kandidatur eines Hohenzollernprinzen für den spanischen Königsthron. Dies wiederum war kurz nach Veröffentlichung der Operette der tatsächliche Grund für den Deutsch-Französischen Krieg von 1870. Solche realen Elemente der Zeitgeschichte bewegen sich frei vom Sinnzwang in Offenbachs großer Tanzoper.

Die Räuberbande tritt in zahlreichen Verkleidungen auf (als Köche, Spanier, Heiratsschwindler, Ehevermittler). Sie fangen einen mächtigen Herrscher. Er hat aber kein Geld. Am Ende droht ihnen der Galgen. Stattdessen werden die Banditen zu Staatsbeamten.

Das Leitmotiv dieser Komischen Oper wurde im 2. Weltkrieg Erkennungs-melodie der Französischen Resistance.

Das Bremer Theater hat diese opera-bouffe, die am Ende der erfolgreichen Karriere Offenbachs steht und den Absturz der Zeit charakterisiert (ein Jahr später in Paris die Commune), in schwungvollem Stil neu herausgebracht. Musikalische Leitung: Titus Engel. Inszenierung: Herbert Fritsch. Dramaturgie: Ingo Gerlach, Sabrina Zwach.

TEN TO ELEVEN 11.01.2016

Eine verblüffend unbeugsame Eva / Benedikt von Peter inszeniert Wagners MEISTERSINGER in Bremen alternativ

In der Bremer Inszenierung der MEISTERSINGER ist Eva, der Siegespreis im Sängerwettstreit, kein Opferlamm und kein bloßes Liebesobjekt von Männern. Sie ist eine rebellische und unbeugsame junge Frau. Unter Abänderung des Originaltextes von Wagner erklärt sie am Ende, sie wolle ohne den Mann, der im Gesangswettbewerb den Preis gewann, und ohne die Meistersinger glücklich werden. Eine erfrischende Alternative, hergestellt aus dem authentischen Material von Wagners Nationaloper.

3. Der Komponist György Ligeti

NEWS & STORIES 11.07.1994

Maximal Music / Drei Stücke für zwei Klaviere (1976)

György Ligeti gehört zu den Großen der europäischen Musik. Seine 3 Stücke für 2 Klaviere aus dem Jahr 1976 gehören innerhalb seines Werkes zu den Spitzenproduktionen. Der Komponist gibt eine persönliche Interpretation dieser 3 Stücke, die von den französischen Pianisten Pierre Laurent Aimard und Irina Kataeva gespielt werden. Das Gespräch mit György Ligeti findet an dem Tage statt, an dem er den renommierten Christoph und Stephan Kaske - Musikpreis erhielt; wenige Tage zuvor wurde ihm der Ernst von Siemens - Preis für sein Gesamtwerk überreicht. Dieser Preis hat in der Musik den Rang und die Höhe des Nobelpreises.

TEN TO ELEVEN 18.11.1991

"Doch alle Lust wünscht Ewigkeit" / Der Tod und die Liebenden / Opernmagazin.

Vor und während der Premiere von LE GRAND MACABRE ("Der große Makabre"), Oper von György Ligeti aus dem Jahr 1978, besuchen wir die Dirigentin Alicja Mounk, den Regisseur Ulrich Heising und die Sänger und Darsteller des Nekrotzar, der Clitoria, des Spermando, des Schwarzen Ministers und des Fürsten. Ein buntes Bild vom aufgeregten Premierenabend.

Die Oper von Ligeti ist ein großer musikalischer Wurf und in der Aufführung des Ulmer Theaters erweist sie sich als sehr bühnenwirksam. Kritiker vermuten, dass sie in den Spielplänen neben Alban Bergs "Wozzeck" treten wird. Zentraler Kern der Oper ist der Tod und die ausbeutbare Todesangst. Der große Makabre das ist der Todesengel, genannt Nekrotzar, der imersten Bild aus einem Grab hervortritt, dann aber den Weltuntergang im Rausch verpasst. Ist es der Gevatter Tod oder ein Hochstapler?

Die Gegenfiguren sind zwei junge Liebende. Sie haben in ihrem Liebesnest auf dem Friedhof den Weltuntergang gar nicht bemerkt. Ihnen, die wie Personifizierungen der von S. Freud beschriebenen Libido erscheinen, hat Ligeti zwei besonders aufregende musikalische Auftritte gewidmet. In der Passacaglia behaupten sie am Schluss der Oper:

"Nämlich das Beste, was es gibt,
ist, wenn man sich ausführlich liebt.
Wenn man das tut, dann steht die Zeit
Ganz still; es gibt nur Ewigkeit.
Fürchtet den Tod nicht, gute Leut'!
Irgendwann kommt er, doch nicht heut'.
Und wenn er kommt, dann ist's soweit...
Lebt wohl so lang in Heiterkeit!"

Die Oper paraphrasiert ein berühmtes Wort von Friedrich Nietzsche: "Der Tod ist die endgültige Negativität der Zeit. Doch alle Lust wünscht Ewigkeit---"

Hinweis auf ein sanftes Stück von Ligeti:"Artikulation". Eine Darbietung mit der geradezu künstlerischen Musiknotation davon im Netz: 
www.youtube.com/watch

4. Die Dirigenten Pierre Boulez und Ingo Metzmacher

NEWS & STORIES 21.10.1996

Kontrapunkt / Pierre Boulez im Gespräch

Pierre Boulez, Jahrgang 1925, gehört als Komponist zu den markanten Gestalten der Moderne. Es gibt keine Revolution in der Musikavantgarde seit 1950, die nicht Boulez zu ihrem Anführer hatte. Daneben hat Boulez in den U.S.A., in England und am Südwestfunk Baden-Baden Orchester geleitet. In Bayreuth dirigierte er den von Chéreau inszenierten "Ring des Nibelungen". Dieses Jahr leitete in Salzburg "Moses und Aaron" von Arnold Schönberg.

Pierre Boulez spricht über seine Arbeitserfahrungen und sein Leben.

NEWS & STORIES 16.03.2008

"Die deutsche Seele singt in d-Moll" / Dirigent Ingo Metzmacher über Besonderheiten in der mitteleuropäischen Musik

Der große Dirigent Ingo Metzmacher hat mit der musikalischen Leitung von Schönbergs MOSES UND ARON, Mozarts TITUS, Verdis DON CARLOS und den MEISTERSINGERN VON NÜRNBERG an der Hamburgischen Staatsoper und mit den drei Da Ponte Opern in Amsterdam starke Akzente gesetzt. Persönlich fesselt ihn das Besondere in der Musiktradition, die von Mitteldeutschland ausging (Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann, Brahms und Wagner). Ein später Kristallisationspunkt dieser Musiktradition ist Hans Pfitzner. Dieser Komponist ist von hoher Qualität und gleichzeitig politisch umstritten. Ingo Metzmacher brachte Hans Pfitzners romantische Kantate "Von deutscher Seele" (nach Gedichten von Joseph von Eichendorff) in Berlin zur Aufführung. Dafür erntete er Zustimmung und Kritik.

In der Tonart d-Moll schrieb Mozart seinen DON GIOVANNI. Die zur Trauer hin offene Tonart spielt in der mitteleuropäischen Musik und auch in dem Stück Pfitzners eine besondere Rolle.

5. Der Opernregisseur Peter Konwitschny

NEWS & STORIES 17.12.2006

Keine Tragik ohne Komik / Die Einheit des Gefühls bei Peter Konwitschny

Die Operninszenierungen von Peter Konwitschny sind unverwechselbar. Eines ihrer Kennzeichen ist es, dass die Tragik der großen Opernstoffe nirgends beschönigt wird und sich trotzdem durch den direkten Bezug zur Lebenserfahrung eine überraschende und oft komische Wechselwirkung ergibt. Das gilt für Richard Wagners GÖTTERDÄMMERUNG ebenso wie für dessen einzige komische Oper DIE MEISTERSINGER. Es wird wirksam in Verdis DON CARLOS, in Luigi Nonos Revolutionsoper AL GRAN SOLE CARICO D'AMORE, in Mozart COSI FAN TUTTE, dessen TITUS und dessen ZAUBERFLÖTE, ebenso wie in Arnold Schönbergs MOSES UND ARON. Wo das Leid am tiefsten wird, wird auch die Sehnsucht nach Auswegen am größten. Eines davon ist: "entwaffnende Komik".

Peter Konwitschny, geboren 1945, ist der Sohn eines berühmten Dirigenten und einer Opernsängerin. Die Konflikte in der Ehe seiner Eltern (er hat sieben Halbgeschwister) sind auch das Thema vieler seiner Inszenierungen. Gespräch über und Rückblick auf Arbeit und Leben des großen Regisseurs Peter Konwitschny. Mit Ausschnitten aus Inszenierungen an der Staatsoper Stuttgart, an der Hamburgischen Staatsoper, der Staatsoper Hannover, der Komischen Oper Berlin u.a. (Dauer: 1:28)

6.  Von Stimmen und Ton

NEWS & STORIES 14.07.2002

Die Finsterlinge singen Bass / Was unterscheidet Tenöre, Bässe, Soprane, Baritone und Altstimmen im Verhältnis von Gut und Böse?

Die Tenorstimme schneidet wie Stahl; sie glänzt. Die Baritone als Väter, Mörder, Kardinale bieten samtenen Raum. Sopranstimmen können entrückt heiter außerirdisch, Königinnen der Nacht, aber auch Hysterie und Verrücktheit ausdrücken. Die Finsterlinge singen Bass.

350 Jahre hat die Oper die europäische Zeitgeschichte begleitet. Dabei haben die Stimmen feste Charaktere eingenommen: Helden, Schweinsköpfe, Komiker, Dreinschläger, Friedensstifter.

Der Opernexperte und Schellackplatten-Sammler Jörg Friedrich berichtet.

NEWS & STORIES 05.11.2006

Mozart und das Morgenland / Nadja Kayali, Fremdenführerin für Musik

Sie ist bekannt geworden durch ihre überraschenden Musik-Events mit Komponisten der Moderne. Sie untersuchte die merkwürdigen "Heldentenöre" bei Mozart. Sie ist Spezialistin für den "orientalischen Ton" in der europäischen Musik (der auf Missverständnissen beruht). Sie ist Syrerin und arbeitet in Wien.


Dozent: Prof. Dr. Rainer Stollmann

Termine: 6 x montags

22.02., 01.03., 08.03.,15.03, 22.03., 29.03.2021

Zeit: 10:00 (s.t.) bis 11:30 Uhr

Entgelt: 36.- Euro

Veranstaltungsart: Online-Seminarreihe
 

 

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