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(G) Vom „Paradies der Damen“ zum „E-Paradise“?

STADT und Konsum(-kultur)

Leerstände in weitläufigen Passagen, großflächigen Einkaufszentren und imposanten Shopping-Malls, geschlossene Kaufhäuser, verwaiste Innenstädte: die ehemals ‚verführerischen‘ Orte der Stadt und ihre Bedeutung für das urbane Leben haben sich offensichtlich tiefgreifend verändert.

Schauen wir zurück: In den Verstädterungsprozessen der aufstrebenden europäischen Großstädte des 19. Jahrhunderts führen massive städtebauliche Eingriffe, architektonische und technologische Innovationen im Kontext kapitalistischer Wirtschaftsformen zur radikalen Neugestaltung städtischer Wirklichkeiten: Straßen, Plätze, breite Boulevards, überdachte Passagen...und nicht zuletzt die neu gegründeten Warenhäuser werden zum Schauplatz moderner, vielschichtiger Lebenserfahrung für breitere Schichten der Stadtbevölkerung, zu Orten für ein „Rendezvous der Gesellschaft mit sich selbst“ (Bahrdt), an denen sich urbane Kulturen entfalten können. Konsum und Kommerz, Spektakel und Vergnügen gehören zu den neuen, faszinierenden Seiten des urbanen Alltags und lassen dessen Schattenseiten gerne vergessen.

In dieser Zeit avanciert das Kaufhaus in seinen riesigen, das Stadtbild dominierenden Dimensionen und seiner Fülle und seinem Reichtum an Waren aus aller Welt zur "Kathedrale der Moderne", und wird, wie der gleichnamige Roman von Émile Zola [Au Bonheur des Dames, 1882/83] propagiert, zum "Paradies der Damen“. Verlockung und Verführung, Kaufrausch und Profit, sie sind Ausdruck einer neuen Religion: Die Welt als Warenhaus, das Leben als Konsum… neue Kultstätten. 

Bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts lassen sich Transformationsprozesse weg vom klassischen Warenhaus hin zum ‚Center‘ und zur ‚Mall‘ erkennen. Damit verbinden sich Anspruch und Erwartung an eine Revitalisierung innerstädtischer Zentren und zugleich die Vorstellung, mehr als nur noch eine rein funktionale Versorgungseinheit für Käufermassen zu sein. Überdacht, überwacht und vollklimatisiert wird hier modernes städtisches Leben (nur) simuliert…
Unter dem Dach des ‚Urban Entertainment Center‘ sind Konsum, Freizeit und Unterhaltung vereint. Mehr noch: Mit der Inszenierung von Waren, insbesondere auch des 'gehobenen‘ Bedarfs, mit konsumierbaren ‚Erlebnissen‘ sollen Emotionen und Sehnsüchte angesprochen, Begierden und Hoffnungen auf ein ‚besseres Leben‘ geweckt werden. Und anders als in eingeglasten (Kauf-) Passagen, den Räumen des Durchgangs, des Transits, sollen Shopping-Malls verzaubern, anregen zum Verweilen, zum Entdecken, zum Erleben: Alles muss den Charakter des Besonderen, des Einzigartigen, des Exklusiven widerspiegeln.

Doch die künstlichen Glitzerwelten der Center haben Konkurrenz bekommen: Mit wachsender Digitalisierung des urbanen Alltags -  aktuell noch verstärkt und beschleunigt durch die Corona-Pandemie - verlagern sich Konsum und ‚Shopping-Erlebnisse‘ in die eigenen vier Wände und vor allem ‚rund um die Uhr‘. In den virtuel-len Räumen des E-Business ersetzen E-shops, E-commerce, E-marketplaces und E-communities die realen Orte der Begegnung mit dem/den Anderen, der sozialen Interaktion und des Konsums. Umso mehr müssen Wünsche und ‚Erlebnisse‘ individuell und realitätsnah zugleich entworfen werden…Was aber sind die (sichtbaren und sozialen) Folgen für ein urbanes Leben in der Stadt, was bedeuten diese ‚neuen Normalitäten‘ für moderne Stadtgesellschaften?

Die Veranstaltung schlägt einen Bogen von historisch-kulturgeschichtlichen Betrachtungen zu aktuellen Diskursen über Funktion und Bedeutung von Stadtkulturen und Warenwirtschaft.
 
Empfohlen wird als Grundlagen- und Begleittext

  • Émile Zola: Das Paradies der Damen.[Au bonheur des dames, 1882/83]

Dozentin: Dr. Ursula Dreyer

Termine: 4 Termine

  • Dienstag, 23.02.2021
  • Donnerstag, 25.02.2021,
  • Dienstag, 02.03.2021,    
  • Donnerstag, 04.03.2021

Zeit:  10:00 (s.t.) bis 11:30 Uhr

Entgelt: 39.- Euro

Veranstaltungsart: Online-Seminarreihe

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