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(X) „O sieh doch! Siehst du nicht die Blumenwolke Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke“

Die Dichterin Anette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848)
Annette von Droste-Hülshoff, Gemälde von Johann Joseph Sprick (1838).

Man kennt sie als Verfasserin der „Judenbuche“ und des schaurig-schönen Gedichts „Der Knabe im Moor“. Karen Duve ließ sie in ihrem kürzlich erschienenen Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ wiederaufleben als junge, liebende und leidende Dichterin, die von ihrer restaurativen und konservativen Zeit und ihrer preußisch-westfälischkatholischen Adelsfamilie daran gehindert wurde, ihren Talenten und ihren Sehnsüchten zu folgen. Sie war gefangen in religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Zwängen, zwischen

Biedermeier und die Freiheitsbestreben des Vormärz. Sie war bedroht von etlichen Krankheiten und gefährdet als Frau in einer Welt, die vor allem durch Männer und durch ein adeliges Standesbewusstsein geprägt waren. Zu ihren Lebzeiten wurden nur zwei Gedichtbände gedruckt, wobei der erstere auf Wunsch ihrer Familie unter einem Pseudonym erscheinen musste.
Durch ein extremes Augenleiden, starke Kurzsichtigkeit, war sie früh gezwungen, sich mit „mikroskopisch genauem Blick“ (Levin Schücking) den Menschen und Dingen bis in die Details zu nähern. „Die außerordentliche Lebendigkeit, die frappante, plastische Kraft ihrer Schilde-rungen“ verdankt sie vor allem diesem besonders geschärften Blick.

Naturbeschreibungen, Menschenbeobachtungen, aber auch der Blick auf geschichtliche Tatsachen und ein hohes Gespür für psychologische und soziale Hintergründe machen ihre Dichtung bis heute lesbar, wenn auch viele ihrer Gedichte durch den altertümlichen Stil und ihre religiöse Überhöhung nicht immer zeitgemäß erscheinen. Was sie bis heute allerdings unübertreffbar und bis in die Schulbücher der Gegenwart hinein lesbar macht, ist ihre der „Schauerromantik“ oder „Nervenkitzelliteratur“ (Durs Grünbein) zugeordneter Blick für das Unheimliche und das Unbewusste, die beängstigenden „Wachträume“, die hinter und unter den gesehenen Bildern hindurch scheinen. So findet man vor allem in der berühmten Ballade „Der Knabe im Moor“ oder in dem Gedicht „Kinder am Ufer“ dieses bedrohliche Moment, das „geduldig zugleich und unberechenbar lauernd“ (D.G.) darauf wartet zustoßen zu können. Es ist zugleich Ausdruck „sinnbildlicher Gestaltung der Gefährdung des Menschen in glaubensloser Zeit, ein Dialog zwischen geschichtlichem und heilsgeschichtlichem Dasein“ (W. Schneider).

Diesem außerordentlich scharfen Blick und dem Gespür für das Halluzinatorisch-Visionäre, das die Grenzen der Realität magisch aufhebt und das poetische Schaffen der Anette von Droste-Hülshoff mitbestimmt, wollen wir in dieser Veranstaltung vor allem nachgehen. Am Beispiel des Gedichtes „Kinder am Ufer“, deren erste Zeilen oben zitiert sind, liest sich das Ende nach einem kleinen dramatischen Dialog von zwei verängstigten Kindern so:

„..........ob nicht vielleicht der Wassermann
Dort in den langen Kräutern hocken kann?
Ich geh´, ich gehe schon - ich gehe nicht -
Mich dünkt´, ich sah am Grunde ein Gesicht -
Komm, lass uns lieber heim, die Sonne sticht!“

 


  • Dozentin: Ulrike Marie Hille
  • Termine: 2 x donnerstag: 12.03., 19.03.2020
  • Zeit: 10:00 (s.t.) bis 12:30 Uhr (mit kleiner Pause)
  • Ort: Raum B 0660, Akademie für Weiterbildung, Zentralbereich
  • Hinweis: Teilnehmerbegrenzung = 40 Personen
  • Entgelt:    21.- Euro

     

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