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(H) Erinnerungskultur

„Wer erinnert sich heute noch an die Sedanfeiern?“
„Wer erinnert sich heute noch an die Sedanfeiern?“

»Wir stehen am Ende des grausamsten Jahrhunderts in der Geschichte Europas – eine solche Vergangenheit vergeht nicht. Sie ist gegenwärtig in allen unseren Ländern, aus begreiflichen Gründen besonders stark in Deutschland. Mit Recht gibt es Mahnungen gegen Vergessen, diese Stimmen aber beschwören keine Schuld für die heutige Generation. Gefordert wird Verantwortung, verstärkt durch das Wissen um Fehler und Verbrechen in der Vergangenheit. Wir können aus der Vergangenheit lernen, auch, dass der Gang der Geschichte offen ist, dass er von Menschen gestaltet wird. Der Glaube an historische Zwangsläufigkeit ist ein gefährlicher Irrtum. Er verführt zur Passivität. […] Erinnerung und Historie sind verwandt und doch tief verschieden. Erinnerung klammert sich an symbolhaltiges Geschehen, ein Bild aus der Vergangenheit haftet in uns. Erinnerung mag mächtig und kann doch ungenau sein, sie hält uns wach, aber führt uns nur an die Schwelle von historischem Verständnis. Erinnerung ist keine erforschende Rekonstruktion der Vergangenheit. Es könnte sein, dass eine nur erinnerte Vergangenheit als Ersatz-Vergangenheit ein ahistorisches Zeitalter in ihrem Bann hält.«

Fritz Stern, Aus der Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1999.

In E.L. Doctorows Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg „The March“ bekommt Albion Simmons einen Granatsplitter in den Kopf. Er überlebt, aber sein Kopf schmerzt, kurioserweise nicht aufgrund der physischen Verletzung, sondern weil er sich nicht erinnern kann: There is no remembering. It’s always now. Wie furchtbar, der arme Kerl lebt ausschließlich in der Gegenwart, er hat sein Gedächtnis, seine Erinnerung, seine Vergangenheit verloren. Die Menschen müssen, um zu existieren, nicht nur essen, trinken, schlafen, sich reproduzieren, sondern sie müssen ihrem Leben, in welcher Form auch immer, einen Sinn geben. Und dazu gehört, dass sie mit ihrer Vergangenheit, ihrer individuellen, aber auch der kollektiven Geschichte nicht nur zu Recht kommen, sondern sie sich vergegenwärtigen, sich damit auseinandersetzen und sie bewerten – sie rekonstruieren. Erinnerung ist ein aktiver, ein subjektiver und ein selektiver Prozess, der auch gekennzeichnet ist von Auslassungen, Verdrängungen, Umdeutungen, Verfälschungen. Erinnerung ist nie vollständig und schon gar nicht „wahr“. Als Erinnerung wird gemeinhin ein Prozess bezeichnet, der das “Gestern” an das “Heute” anbindet, die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpft. 

„Geschichte“ wird immer in einem bestimmten Medium an nachfolgende Generationen überliefert: eine Akte, ein Gesetzestext, ein Zeitungsartikel, ein Brief, ein Filmdokument, ein Foto, ein Fotoalbum, ein archäologischer Fund. Und: „Erinnern“ – kollektiv wie individuell -  ist gebunden an bestimmte geographische Orte, an Ereignisse, Prozesse, Persönlichkeiten, Institutionen, Mythen und Legenden. Aufgeladen durch kulturelle Praktiken und Symbole prägt „Erinnern“ das kollektive Gedächtnis, wirkt identitätsstiftend und formt Weltanschauung und Einstellungen. Der Begriff „Erinnerungsort“ (un/le lieu de mémoire) geht auf den französischen Historiker Pierre Nora zurück. Mit dieser Begrifflichkeit soll eine kulturelle Landschaft (geschichtsträchtige Gebäude, Denkmäler, visuelle Repräsentationen) in ihrer historischen Genese und symbolischen Bedeutung in unterschiedlichen Zeitabschnitten untersucht werden.

Geschichte scheint ein Steinbruch zu sein: Jeder sucht sich das, was er braucht und interpretiert es nach seinem Gefallen. Und diese Interpretationen sind von politischen und ideologischen Zwecken der Gegenwart bestimmt. Längst haben die Geschichtswissenschaften die Deutungshoheit über geschichtliche Prozesse, Ereignisse, Strukturen usw. verloren, Geschichtsbilder werden von anderen Instanzen generiert und kommuniziert: dem Fernsehen, Spielfilmen, Computerspielen. Diese Geschichtsbilder sind wirkungsmächtig.

Geschichte also ist Vergangenheit. Man kann sich ihr nur von der Gegenwart her nähern, sie bedarf der Rekonstruktion. Geschichte ist Erinnerung, sie wird rekonstruiert, wie auch die Erinnerung, denn sonst wäre sie keine Erinnerung. Geschichte ist deshalb auch als Suche nach Vergangenheit bezeichnet worden. Konnte man in Zeiten nationalstaatlicher Historiographie noch von einer (relativ) einheitlichen Erinnerungskultur ausgehen, die im Übrigen nicht selten den politischen und ideologischen Anforderungen eben jener nationalstaatlichen Ausformung dienlich war, sein wollte oder musste, so ist in einer Zeit sich vertiefender kultureller Diversität der Gesellschaften von der Auflösung einer einheitlichen nationalen Erinnerungskultur, die auch zuvor wohl mehr Anspruch als Wirklichkeit war, auszugehen. Geschichtsbilder sind unterschiedlich, werden entlang sozialer, ethnischer, nationaler, geschlechtsspezifischer, generationeller Merkmale konstruiert, analysiert und interpretiert, vermarktet, benutzt und instrumentalisiert, dienen u.a. der Herausbildung und Formulierung von Identität(en).

Folgende Themen sind vorgesehen:

1. Gibt es eine oder gar die Geschichte? Geschichtsschreibung zwischen Identitätskonstruktion, politischer Indienstnahme und medialer Vermarktung.

2. Was ist „Kultur“ in Erinnerungskultur? Über historische Sinnbildung und die Rolle geschichtsvermittelnder Instanzen wie Museen, Archive, Fernsehdokumentationen, Film- und Fotodokumente.

3. Was unterscheidet Carl Peters von Hermann Göring? Soll, darf, muss man Straßen umbenennen? Über die Oberflächlichkeit einer aktuellen Debatte.

4. Auch Erinnerungsorte sind historisch. Über Sklaverei, Kolonialismus und Postkolonialismus. Die Debatte in Deutschland und den USA

5. „White Fragility“ oder der Rassist in mir. Wie soll man sagen? Über N-Wörter, BiPoC und „de swarte Piet“.


Dozent:    Dr. Diethelm Knauf

Termine:    
5 x donnerstags 03.09. + 10.09. + 17.09. + 24.09. + 01.10.2020

Zeit:        14:00 (s.t.) bis 15:30 Uhr

Entgelt:    35.- Euro

Veranstaltungsart:    Online-Seminarreihe

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