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(U) Das Paradies – ein realer Ort der Frühgeschichte oder ein beliebtes Motiv der Bildenden Kunst?

Lucas Cranach der Ältere: Das Paradies, 1530, Kunsthistorisches Museum, Wien.
Lucas Cranach der Ältere: Das Paradies, 1530, Kunsthistorisches Museum, Wien.

In Betrachtung der Schönheit der Schöpfung berührt der Mensch die Grenze zur jenseitigen Welt, den Kosmos, in den wir moderne Menschen immer tiefer hineinschauen können, um uns von irdischen Vorstellungen zu verabschieden – wie beispielsweise dem Herrgott auf der Wolke. Dafür sind uns aber spirituelle Möglichkeiten gegeben, um sich einem Thema zu nähern, das für Menschen aller Glaubensrichtungen ganz elementar ist – das ist der Blick in den Spiegel der Kunst. Die Veranstaltung wird über die reine Bildbetrachtung hinaus den verschiedenen Paradiesvorstellungen nachgehen.

Neue prähistorische Befunde bieten den Ansatz für hypothetische Überlegungen zur Lage des Garten Eden und zur Deutung der Schöpfungsgeschichte in der Genesis des Alten Testaments, wonach der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies mit klimatischen Veränderungen im frühen Neolithikum und dem Übergang von Jägern und Sammlern zu Siedlern verbunden ist, die Ackerbau und Viehzucht betreiben. Das Paradies wäre dann die Erinnerung in Form eines kulturellen Gedächtnisses.

Die Nennung der vier Ströme des Paradieses untermauert eine mögliche Lokalisierung, denn der Garten, den Gott den Menschen zuweist, wird in der Genesis lediglich als im Osten liegend bezeichnet.

Das griechische Wort Paradeisos (Tierpark, umgrenzter Bezirk) bezog sich ursprünglich auf bewässerte, persische Königsgärten, wird aber in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der Tora, als Garten Eden bezeichnet; das sumerische Gan Eden bedeutet übersetzt - Rand der himmlischen Steppe. Die verschiedenen Theorien über die Entstehung der Welt wurden von den griechischen Naturphilosophen diskutiert und mit vagen mythologischen Vorstellungen verbunden. Von den römischen Dichtern wurde das Goldene Zeitalter beschworen, die Wiederkehr eines Idealzustands des Lebens vor der Zivilisation: Nahrung ist ohne Ackerbau in Fülle vorhanden, Menschen leben in aller Unschuld brüderlich mit den Tieren beisammen; sie lügen und stehlen auch nicht.

Lenker dieser paradiesischen Welt war nach der griechischen Mythologie Saturn. Mit seinem Sturz begann das Silberne Zeitalter, die Sitten verfielen und die Lebensbedingungen verschlechterten sich – bis hin zum Eisernen Zeitalter mit privatem Landbesitz und Ausbeutung der Bodenschätze, wie in der Jetztzeit.

Im Privatleben entwickelten die Römer einen ausgeprägten Ahnenkult, vor allem einen Grabkult mit Erinnerungscharakter. Der Nachruhm und die Vorsorge um ihn war den Römern das Wichtigste beim Übergang in die Welt des Todes, von dem sie aber nur eine vage Vorstellung hatten. Per Boot wurden die von den Göttern geliebten Verstorbenen in das Elysium entrückt, wo ewiger Frühling herrschte und ein Nektar-ähnlicher Trank aus der Quelle der Lethe, der Vergessen von allen irdischen Leiden schenkte. Später wurde das Elysium als Teil der Unterwelt gesehen, als Schattenreich mit dem Totengericht.

Die antiken Vorstellungen von der Schöpfung, der jenseitigen Welt und dem Paradies wurde von den Humanisten und Künstlern der Renaissance aufgegriffen, bis in die Moderne tradiert und werden in der Vorlesung thematisiert. Die Veranstaltung soll die Kenntnisse historischer Jenseitsvorstellungen erweitern und die eigene Betrachtung über das Leben und seine Bedeutung im Kosmos anregen. Mit der Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird – wie in der neolithischen Revolution – auch der moderne Mensch wieder aus seinem Arbeitsleben vertrieben, einem vermeintlichen Paradies.

Lucas Cranach d. Ä., Das Paradies,  1530


Dozentin:    Dr. phil. Helke Kammerer-Grothaus

Termin:    Freitag, 25.09.2020

Zeit:        10:00 (s.t.) bis 13:00 Uhr (mit Pause)

Entgelt:    14.- Euro

Veranstaltungsart:    Online-Seminar

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