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(J) „Ich muss die Fluchtwurzel finden“ - Die Dichterin Christine Lavant (1915 - 1973)

Die österreichische Dichterin Christine Lavant ist eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit, weniger bekannt in Deutschland als in ihrem Heimatland. Sie war eine Zeitgenossin von Ingeborg Bachmann, auch in Kärnten geboren wie diese und im selben Jahr verstorben. Sie erhielt 1954 und 1964 den Georg-Trakl-Preis und 1970 den Österreichischen Staatspreis. Thomas Bernhard, der sie „sehr gescheit und durchtrieben“ fand, gab 1987, vierzehn Jahre nach ihrem Tod, bei Suhrkamp eine Auswahl ihrer Gedichte heraus. Es gibt eine „Internationale Christine Lavant Gesellschaft“, die seit 2016 den Christine-Lavant-Preis verleiht an „Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in ihrem literarischen Schaffen einen hohen ästhetischen Anspruch mit humaner Haltung und gesellschaftskritischem Blick vereinen“.

Diese Bewertung war der Dichterin keineswegs in die Wiege gelegt. Ihr ganzes Leben war geprägt durch Krankheiten und materielle Not. Sie wurde als 9.Kind in eine arme Arbeiterfamilie geboren, hatte vom Säuglingsalter an bis zu ihrem Tode mit schweren körperlichen Leiden zu kämpfen, vor allem mit Haut- und Lungenerkrankungen. Sie war fast taub und fast blind. Sie hatte nur einen sogenannten „Volksschulabschluss“ und verdiente ihren Lebensunterhalt vor allem mit Stricken. Als ihr erster Romanversuch scheiterte, litt sie an Depressionen und begab sich 1935 freiwillig in eine Nervenheilanstalt in Klagenfurt.

Sie schrieb zwischen 1946 und 1960 1700 Gedichte und 1200 Seiten Prosa. 1948 gelangen ihr über Kontakte mit der Wiener Avantgarde (zu der Thomas Bernhard gehörte) erste Erfolge. Einhellig gerühmt wurde ihre Lyrik, während ihre Erzählungen eher als „Nebenherarbeiten“ galten und jahrelang vergriffen waren. Ihre bedeutendsten Gedichtbände sind „Die Bettlerschale“ (1956), „Spindel im Mond“ (1959), „Der Pfauenschrei“ (1962).  

Wir werden uns in dieser Veranstaltung vor allem mit ihren Gedichten beschäftigen, die fast ausschließlich von einer radikalen „Selbstentblößung“ bestimmt sind, die bedingungslos subjektiv eine „Ich-Lyrik“ präsentieren, die durchaus kritisch gesehen werden kann. Schreiben als Ausweg aus sich selbst. „Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist“, sagt sie von sich selbst. Ihre Lyrik voller expressiver und kraftvoller Bildersprache ist dabei eine ständige Auseinandersetzung mit Glaubensfragen und Zweifeln. Beeinflusst von ihrer österreichisch katholischen Herkunft, von alttestamentarischen Gottesbildern, von christlicher Mystik, von der Todes-Metaphorik Rilkes und Trakls steht sie in einem wütenden Konflikt mit ihrem persönlichen Gott, so dass man ihre Gedichte bisweilen als „Lästergebete“ bezeichnet hat.

So sagt der Verleger und Schriftsteller Michael Krüger über Christine Lavant: „Sie ist die letzte deutschsprachige Dichterin, die es mit Gott persönlich aufgenommen hat, im Vergleich zu ihr sind alle katholischen und protestantischen Dichter sanfte Sozialarbeiter … In diese pragmatisch gewordene Welt … ragen die naturmystischen Versenkungen der Christine Lavant wie unzeitgemäße Zaubersprüche.“

„O Herr …….
schlag mich dahin, wo die Fluchtwurzel wächst
für alle, die noch kein Abendmahl hatten
und ausgehungert und abgefeimt
unendlich süchtig nach Sehnsucht sind
und nach der Flucht in die Zuflucht.“
 


Dozentin:    Ulrike Marie Hille

Termine:    3 x donnerstags

16.09. + 23.09. + 30.09.2021

Zeit:    10:00 (s.t.) bis 11:30 Uhr

Entgelt:    27.- Euro

Veranstaltungsart:    Online-Seminarreihe

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