(K) „Den Schleier lüften…?“ - FrauenReisen in die „unermessliche Welt“ des Orients

Ida Laura Reyer-Pfeiffer (1797-1858)
Ida Laura Reyer-Pfeiffer (1797-1858)

„Wer in einem komplizierten sozialen Gefüge aufgewachsen ist,
erlebt selten einen Moment solch überschwänglicher Freude,
wie am Beginn einer kühnen Reise.
Die Pforte des ummauerten Gartens springt auf,
die Kette am Eingang zum geschützten Raum wird heruntergelassen
unsicher blickt man nach rechts und links,
wagt den Schritt über die Schwelle und da ist sie:
die unermessliche Welt.“
(Gertrude Bell)

 

Dem Reisen wird ein emanzipatorischer Wert zugeschrieben. Dass die (Lebens-)Wirklichkeiten dem Ideal nicht oder aber nur bedingt zu entsprechen vermögen, können Erfahrungen und Wissenschaften belegen. 

Lange Zeit ist die ‚Kunst des Reisens', verstanden als Voraussetzung für den Erwerb von Bildung, Ansehen und Einfluss, eine typisch männliche Domäne und ein Privileg, dem ein deutlich begrenzterer Bewegungsradius der Frauen gegenübersteht. Auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind derartige Reiseunternehmungen von Frauen ohne männliche Begleitung keineswegs auf der Tagesordnung. Einmal mehr zeigt sich: „Männer werden durch Reisen berühmt, Frauen berüchtigt!“ 

Verlassen Frauen ihre zugewiesenen Plätze an der Seite ihres Ehemanns, im Haus und am Herd der Familie, brechen sie ein doppeltes Tabu: Sie verstoßen gegen das gängige bürgerliche Frauenideal und die Vorstellung einer „weiblichen Natur“ wie auch gegen herrschende gesellschaftliche Normen und Konventionen. Ob ihrer ungewöhnlichen Mobilität und ihrer häufig exotischen Reiseziele werden allein reisende Frauen verlästert, diskreditiert oder aber bestaunt, gar bewundert. Indem sie selbst aber ihre ‚Begrenztheit‘ in Frage stellen, gesellschaftliche, kulturelle wie auch geographische Grenzen überschreiten, gewinnen sie neue (Bewegungs-) Räume. Sie können – aus ganz unterschiedlichen Motiven – den Aufbruch ins Ungewisse, Unbekannte, in die Fremde wagen…

Anders als die männlichen Reisenden ihrer Zeit entdecken „Reisendinnen“ (Ida Hahn-Hahn) die Welt auf ihre ganz eigene Weise - mithin besser? Befreit vom engen Korsett gesellschaftlicher Konventionen wie auch bürgerlicher Gesetze und Verordnungen ergeben sich für sie vielfältige Möglichkeiten für unkonventionelles Denken und Handeln und eine daraus resultierende unbefangenere Weltsicht. Doch, wie äußert sich dies in ihren Reisebriefen, -berichten und / oder Tagebuchnotizen? Hier zeigt die weibliche Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und deren unübersehbare Einbindung in die zeitgenössischen kolonialen Diskurse, dass sich emanzipatorische Prozesse doch sehr vielschichtig und höchst widersprüchlich vollziehen.

Geschlechtsspezifisch gesehen beginnt für Frauen im 19. Jahrhundert das prinzipielle ‚Andersreisen‘ an den Grenzen des christlichen Abendlandes, im Orient: Damals als türkisch-arabisch gedacht, gilt er als bilderreicher Schauplatz und Metapher für das Andere, das Fremde schlechthin, mit faszinierender und stimulierender Wirkung auf die westliche Männerwelt. Und hier, im islamischen Kulturraum besitzen reisende Frauen aus dem Abendland ein für sie besonderes (geschlechtsspezifisches) Privileg: den exklusiven Zugang zu den verborgenen, geheimnisumwitterten Welten des (Frauen-) Hamam und des Harem. Sie allein können in dieser Zeit den die orientalische Frauenwelt verhüllenden ‚Schleier lüften‘ und aus eigener Anschauung berichten…

Am Beispiel von Ida Pfeiffer (1797–1858), Ida Hahn-Hahn (1805–1880) und Gertrude Bell (1868–1926) soll im Seminar den Fragen nachgegangen werden, wie sich der Aufbruch in die Fremde und mehr noch, die Begegnung mit unterschiedlichen Weiblichkeitsmustern / -bildern in ihrem Verhalten sowie ihrer Fremd- und Selbstwahrnehmung äußert, auf welche Weise sich die Frauen Zugänge zu orientalischen Welten erschließen und nicht zuletzt, welche teilweise sehr widersprüchlichen Orientbilder sie als Autorinnen in ihren Reiseberichten ihrem (überwiegend weiblichen) Lesepublikum vermitteln.

Daran anknüpfend wäre zu diskutieren: Was zieht allein reisende Frauen heute – in einer globalisierten Welt – eigentlich in die Ferne, allen Risiken und geschlechtsspezifischen Problemen zum Trotz? Und: Lassen sich möglicherweise Gemeinsamkeiten mit ihren historischen Vorbildern erkennen? 

 

Literaturempfehlung

Für das Seminar wird eine Textsammlung in Form eines Readers zur Verfügung gestellt.
 


Dozentin:   Dr. Ursula Dreyer

Termine:       ENTFÄLLT LEIDER

Zeit:    10:00 (s.t.) bis 12:30 Uhr (3 Unterrichtseinheiten mit einer kurzen Pause)

Entgelt:   75,- Euro

Veranstaltungsart/ -ort:  hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0770) oder wahlweise Online-Teilnahme

Hinweis:   Teilnehmerbegrenzung: 50 Personen in Präsenz 

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