(R) Katerina Poladjan „Goldstrand“ (2025)

Der 2026 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierte Roman zeichnet sich durch die Verflechtung der Geschichte des bulgarischen Badeorts Goldstrand am Schwarzen Meer mit Fragen der Identität und des menschlichen Schicksals aus. Kunstvoll wird der Stoff in Form wöchentlicher Gesprächssitzungen in Rom entwickelt. Der Filmregisseur Elia Fontana bemüht sich, seiner Analytikerin – einer rätselhaften Dottoressa – Episoden seiner Familiengeschichte zu präsentieren. Dabei geht es um seinen aus dem bolschewistischen Russland emigrierten Vater Lew, der seit dem Verschwinden seiner Tochter 1922 zwischen Odessa und Konstantinopel nach Spuren sucht. Desweiteren geht es in der Nachkriegszeit um den jungen Architekten Felix, der beim staatlichen Planungsinstitut „Glavprojekt“ an einer modernen Ferienarchitektur für die Arbeiterklasse mitarbeitet. Elia fabuliert sich durch die Wirren des 20. Jahrhunderts sowie quer über den Kontinent, wobei ein heiter-melancholisches Bild zwischen Vergangenheit und Gegenwart entsteht. Der Text ist abwechslungsreich und feinsinnig. Dialogische Passagen wechseln sich ab mit essayistischen Reflexionen, hinzu kommen cineastische Szenen mit mythischen Anspielungen.
In der FAZ werden Poladjans szenisch angelegte Erinnerungen als gelungen und anspruchsvoll in ihrer Auseinandersetzung um die Frage der „Zuverlässigkeit von Erinnerungen“ bezeichnet. Die Rezensentin lobt, wie Poladjan die Städte Odessa und Rom als „Sehnsuchtsorte des Ostens und des Westens“ ausführt. Bei „Goldstrand“ handele es sich um einen „dicht“ erzählten Roman, der auf subtile Weise das „Scheitern der großen gesellschaftlichen Ideen“ auf den Punkt bringe und mit der individuellen Biographie der Figur verbinde. Dieser Bewertung hinzugefügt werden soll die Begründung der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse. Dort heißt es: „Wie erzählen wir unser Leben, wenn wir es selbst kaum fassen können? Meisterlich führt Katerina Poladjan vor, wie eine Biographie aus Selbstbefragung und Erfindung entsteht, aus Fabulieren und dem Umschiffen von Schmerz. Ihre Sprache ist leicht und abgründig zugleich, ihre Hauptfigur betrachtet sie mit Zuneigung und sanftem Spott, solange, bis das Bild eines Menschen entsteht, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt.“
Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren. Ihr Großvater war ein Überlebender des Völkermords an den Armeniern. Ende der 1970er Jahre kam Poladjan mit ihren Eltern – der Vater ein international bekannter Künstler, die Mutter Kunsthistorikerin und Journalistin – in die Bundesrepublik. Nach dem Abitur in München studierte sie Angewandte Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Philosophie und Kunst in Lüneburg. 2003 erhielt sie ihr erstes Literaturstipendium, arbeitete aber zunächst als Schauspielerin, u.a. am Schauspielhaus Hamburg und an der Schaubühne Berlin. Bis 2016 nahm sie Nebenrollen in Film- und Fernsehproduktionen an. 2011 erschien Poladjans erster Roman „In einer Nacht, woanders“. Es folgten „Vielleicht Marseille“ (2015), „Hier sind Löwen“ (2015) und „Zukunftsmusik“ (2022). Poladjans behutsames Erkunden ihrer literarischen Thematiken sowie ihr poetischer Stil wurden wiederholt prämiert, so zum Beispiel mit dem „Nelly-Sachs-Preis“ (2021), dem „Rheingau Literatur Preis“ (2022) und dem „Marie-Luise-Kaschnitz-Preis“ (2026). Neben ihrem literarischen Schreiben hat Poladjan Essays und die poetische Reisereportage „Hinter Sibirien. Eine Reise nach Russisch-Fernost“ verfasst.
Dozentin: Dr. Ina Düking
Termine: 5 Termine
- Donnerstag, 27.08.2026
- Freitag, 28.08.2026
- Montag, 31.08.2026
- Dienstag, 01.09.2026
- Mittwoch, 02.09.2026
Zeit: 14:15 (s.t.) bis 15:45 Uhr
Entgelt: 60,- Euro
Veranstaltungsart: Online-Seminarreihe

