Unrealistisch hohe Standards, ein starrer Fokus auf Fehler und exzessive Selbstkritik: alles Erkennungsmerkmale für erhöhten Perfektionismus. Dieser wird schon lange als Prozess untersucht, der in Zusammenhang mit psychischen Störungen steht, und das über viele verschiedene Störungsbilder hinweg – sei es Depression, Angststörungen, Essstörungen oder Zwänge. Dabei wird nicht nur geprüft, ob Perfektionismus zur Entstehung erster Symptome beitragen kann Es ist auch von Interesse, welchen Einfluss Perfektionismus auf den Verlauf nehmen kann, wenn bereits psychische Symptome bestehen und sich Betroffene deshalb in psychotherapeutische Behandlung begeben.
Die bisherige Studienlage legt nahe, dass besonders stark ausgeprägter Perfektionismus für die psychotherapeutische Behandlung ein Hindernis sein könnte. Die Angst davor, Fehler zu machen, kann sich bei perfektionistischen Patient:innen darin äußern, dass sie Übungen aufschieben oder ganz vermeiden, dass sie besonders sensibel auf langsame Behandlungsfortschritte reagieren, oder dass sie sich scheuen, sich mit all ihren Unsicherheiten ihren Therapeut:innen zu öffnen. All das kann dazu führen, dass Behandlungserfolge ausbleiben oder die Therapie gar ganz abgebrochen wird. Deshalb braucht es neue Therapieangebote für Betroffene.
Neues Behandlungskonzept für Patient:innen, die mit Perfektionismus kämpfen
Ein solches neues Behandlungskonzept für Perfektionismus wird nun an der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz über die Lebensspanne (PULS) entwickelt, die seit Herbst 2025 in Betrieb ist. Die vierwöchige Gruppentherapie ist speziell darauf ausgerichtet, nicht der Angst vor Fehlern zu verfallen, sondern sich darin zu üben, mit mehr Flexibilität und Selbstmitgefühl auf die Herausforderungen des Alltags zu reagieren. Das zugehörige Forschungsprojekt soll untersuchen, ob und wie dieses kompakte Gruppenangebot zum psychischen Wohlbefinden von Patient:innen beitragen kann. Falls sich die Gruppe bewährt, könnte getestet werden, ob Patient:innen im Anschluss an die Gruppentherapie auch bessere Chancen haben, von einer langfristigen Einzeltherapie zu profitieren.
Die Gruppe findet im Rahmen der sogenannten „Gruppenpsychotherapeutischen Grundversorgung“ statt. Dieses Format kann ohne großen bürokratischen Aufwand mit Krankenkassen abgerechnet werden und stellt deshalb ein niedrigschwelliges Therapieangebot dar. Dennoch wird es bisher kaum von Psychotherapeut:innen genutzt, da wissenschaftlich geprüfte Therapiekonzepte für dieses besondere Format fehlen. Das Projekt soll also auch zur Schließung einer Lücke in der psychotherapeutischen Versorgung beitragen.
Das Projekt startet im März 2026, ist auf drei Jahre angelegt und wird mit rund 72.000 Euro
von der Christoph-Dornier-Stiftung für Klinische Psychologie im Rahmen der Post-Doc-Förderung finanziert. Die Rekrutierung für die ersten Perfektionismus-Gruppen wird voraussichtlich im Herbst 2026 beginnen.
Weitere Informationen:
https://www.uni-bremen.de/ambulanz-puls
www.uni-bremen.de/klipse
Fragen beantwortet:
Dr. Nathalie Claus
Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Erwachsenenalters
Fachbereich für Human- und Gesundheitswissenschaften
Universität Bremen
Telefon: +49 421 218 68548
E-Mail: nclausprotect me ?!uni-bremenprotect me ?!.de


