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„Es gibt noch keine guten Ideen für das Altern als gesellschaftliche Ressource“

„Alternde Gesellschaft – Zukunftsszenarien zwischen Chancen und Risiken.“ Zu dem Thema diskutieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft während der 32. Bremer Universitäts-Gespräche am Donnerstag, 14., und Freitag, 15. November 2019

Einladende sind die Wolfgang-Ritter-Stiftung, die Universität Bremen und der Verein der unifreunde. Die Schirmfrau der hochkarätigen Veranstaltung ist Dr. Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Fünf Fragen an Stefan Görres, Professor für Pflegewissenschaft und Sozialgerontologie am Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen. Er ist der wissenschaftliche Koordinator der diesjährigen Bremer Universitäts-Gespräche.

Herr Professor Görres, erklärtes Ziel der Veranstaltung ist es, angesichts der alternden Gesellschaft „mutige Visionen für die Zukunft zu entwickeln“, wie es im Programmheft heißt. Was ist damit gemeint?

Wir müssen stärker und vor allem anders über das Altern nachdenken. Wie kann die Gesellschaft die Ressourcen, die ältere Menschen haben, im besten Sinne integrieren? Wie geht man individuell mit der Zeit nach dem Rentenalter oder der Pensionierung um? Im Schnitt sind es 20 Jahre, oft auch sehr viel mehr, die im Ruhestand gestaltet werden wollen. Reisen auf Kreuzfahrtschiffen und mit dem Hund spazieren gehen, sind Möglichkeiten, erfüllen viele aber nicht. Wir brauchen neue Chancen der Lebensgestaltung: Altern als gesellschaftliche Ressource will erst noch entdeckt werden. Besonders vor dem Hintergrund, dass bis zum Jahr 2060 jeder Dritte über 65 Jahre alt sein wird, das sind 30 Prozent der Gesellschaft! Es gibt bisher wenig gute Ideen.

Im Gespräch ist dabei doch immer das ehrenamtliche Engagement?

Ja, das ist eine Möglichkeit. Aber auch Unternehmen müssten angesichts des demographischen Wandels Angebote an Ältere machen. Viele tun das bereits. Ich meine da keine Zwangsverpflichtung, sondern vielfältige Gelegenheiten, sich über die Altersgrenze hinaus dort einzubringen, wo es Sinn macht und für alle Beteiligten wertvoll ist. In der Politik gibt es ja auch keine Altersgrenze. Ältere Menschen und Jugendliche müssen im konstruktiven Sinne um Stabilität, Werte und gleichsam Fortschritt in einer Gesellschaft ringen. Intergeneratives Lernen, den Austausch zwischen den Generationen, halte ich für sehr wichtig.

Wird die alternde Gesellschaft nicht häufig als Horrorszenario beschrieben. Krankheiten, Pflegenotstand?

Altern und ältere Menschen über Demenz, Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu definieren, halte ich für falsch. Aber es ist natürlich eine gewaltige Herausforderung. Wenn wir in die Zukunft schauen, wird der medizinische und pflegerische Fortschritt an Bedeutung gewinnen. Perioden von Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit werden kürzer, die Lebensqualität wird sich im Alter erhöhen. Davon bin ich fest überzeugt. Wir wollen dahin kommen, dass man erst nach dem Tod erkrankt, wie ich es immer formuliere. Die Forschung hält hier vieles für möglich.

Aber Pflegebedürftigkeit wird es bei steigender Lebenserwartung doch weiterhin geben, wie soll die Pflege der Zukunft aussehen?

Das wird so sein, aber ein ,Weiter so‘ wird es alleine schon angesichts des Pflegenotstands nicht geben. Mit unseren Forschungen, da nehme ich mich nicht aus, stabilisieren wir ja eigentlich das bestehende System. Die bekannten Stellschrauben sind: Viele Köpfe, viele Hände, viel Geld. Wir brauchen stattdessen Visionen, wie Pflege in der Zukunft aussehen kann. Die Gesellschaft wird traditionelle Pflegeeinrichtungen schließen müssen, weil es kein Personal mehr gibt, um sie zu betreiben. Wir brauchen den Mut, darüber hinaus zu denken. Genau das wollen wir im Rahmen der Bremer Universitäts-Gespräche tun.

Als Festredner für die öffentliche Auftaktveranstaltung am Donnerstag, 14. November, 18 Uhr, im Festsaal des Schütting, haben Sie Professor Andreas Kruse von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg gewonnen. Was zeichnet ihn aus?

Er ist zurzeit der führende Gerontologe in Deutschland. Sein Ansatz ist bis heute: Was können wir dem Alter an positiven Dingen abgewinnen? Welche neuen Rollen und Aufgaben gibt es für ältere Menschen in der Gesellschaft? Welchen neuen und anderen Blick müssen wir auf das Altern werfen? Professor Kruse ist national und international bekannt. Er ist verantwortlicher Autor des jetzt aktuellen 8. Altenberichts der Bundesregierung. Und, das ist eine Besonderheit, er ist zugleich ein genialer Musiker. Er wird an dem Abend also nicht nur einen sicherlich beeindruckenden Vortrag halten, sondern auch Klavier spielen. Schade, einen Flügel konnten wir nicht in den Festsaal des Schütting hineinbekommen.   

Weitere Informationen:

https://www.uni-bremen.de/de/bug/bug-2019/

Fragen beantworten:

Prof. Dr. Stefan Görres
Institut für Public Health und Pflegeforschung
Fachbereich Gesundheitswissenschaften
Universität Bremen
Tel.: +49 421 218-68900
E-Mail: sgoerres@uni-bremen.de

Dr. Christina Jung
Universitätsgespräche
UniTransfer – Förderer und Partner
Universität Bremen
Telefon: +49 421 218-60336
E-Mail: christina.jung@vw.uni-bremen.de

 

Mann sitzt am Tisch und lächelt in die Kamera
Professor Stefan Görres ist Koordinator der 32. Bremer Universitäts-Gespräche