Wie geht wissenschaftliches Schreiben?

„Wissenschaft und wissenschaftliches Denken beginnen dort, wo ich bereit bin, meinem eigenen Denken zu trauen, es zu explizieren, auf die Meinungen anderer zu beziehen und seine Resultate in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.“

Otto Kruse, Keine Angst vor dem leeren Blatt, 1994

5-Phasenmodell von Kruse.

5 Phasen der Bearbeitung in wissenschaftlichen Schreibprojekten nach Otto Kruse (2010)

Um komplexe Schreibprojekte planen und überblicken zu können, kann die Einteilung in verschiedene Phasen den Schreibenden Orientierung und Unterstützung bieten. 

Der Schreibprozess wird hierbei in 5 größere Phasen zerlegt, die nicht zwingend linear aufeinander folgen, sondern die sich sowohl überlappen als auch rekursiv beeinflussen können.

Laut Kruse sind die Phasen sehr hierarchisch und chronologisch gedacht, es hat sich aber gezeigt, dass Schreibende den Schreibprozess nicht nur in unterschiedlichen Phasen beginnen können, sondern dass sich das Schreiben in den Phasen insgesamt sehr individuell durch verschiedene vor- und zurück-Bewegungen auszeichnet. Entsprechend gibt es unter den Schreibenden verschiedene Schreibtypen mit unterschiedlichen Schreibstrategien. Jede dieser Strategien bringt eigene Vor- und Nachteile mit sich, wobei es Aufgabe der Schreibenden ist, durch ihre Kenntnisse des Schreibprozesses und die Reflektion ihrer Strategie die Vorteile ihres Tuns zu maximieren und die Nachteile so gering wie möglich zu halten. 

Am Anfang eines jeden wissenschaftlichen Schreibprojektes steht eine Idee, eine Frage, ein Problem von fachwissenschaftlicher oder gesellschaftlicher Bedeutung. Die Entwicklung dieser ersten Idee wird begleitet von einer ersten Überblicksrecherche mit dem Ziel, einen fundierten Überblick über das inhaltliche Feld der ersten Themenformulierung zu erhalten.
Ausgehend von dieser ersten Idee wird ein begründet eingegrenztes Thema extrahiert, das für das geplante Schreibprojekt in angemessener Tiefe, in festgelegter Zeit und Umfang mit den zur Verfügung stehenden methodologischen und theoretischen Werkzeugen untersucht werden kann.

Dafür wird eine Problemstellung formuliert, die in einer Forschungsfrage mündet und mit der Beantwortung eine Zielvorgabe erfüllt.

Thesen/Hypothesen als begründete Vorannahmen können diesen Schritt begleiten.

Die fachwissenschaftliche Methode der Bearbeitung wird festgelegt und die erste grobe Vorgehensweise als Gliederungsentwurf notiert.

Am Ende der Planungsphase steht ggf. ein erster schriftlicher Entwurf als Exposé, auf dessen Grundlage Feedback eingeholt werden kann. 

Literatur: 

Kruse, Otto (2007) Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockaden durchs Studium. Frankfurt/Main

Kruse, Otto (2010) Lesen und Schreiben. Der richtige Umgang mit Texten im Studium. Konstanz

Grieshammer, Ella et al. (2016) Zukunftsmodell Schreibberatung. Baltmannsweiler

Wolfsberger, Judith (2007) Frei geschrieben. Mut, Freiheit & Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. 2. Aufl. Wien

Hier findet die qualifizierte Recherche zur Literatur statt, mit deren Bearbeitung die Untersuchung durchgeführt wird. Ggf. müssen selber Daten erhoben und ausgewertet werden.

Die ermittelte relevante und aktuelle Fachliteratur wird frage- und zielorientiert gelesen und für die Weiterverarbeitung (im eigenen Text) exzerpiert und kommentiert. 

Die erste grobe Gliederung wird differenzierter entworfen, ev. können schon Teile der Fachliteratur den einzelnen Kapiteln zugeordnet werden.

Problemstellung, Forschungsfrage und Zielsetzung werden korrigiert/differenziert/präzisiert/konkretisiert.

Hilfreich an dieser Stelle kann es sein, Feedback einzuholen.

Kapitel können schon vorstrukturiert werden.

Literatur: siehe 1. Phase

In dieser Phase des Schreibprozesses wird die Gliederung noch einmal präzisiert und die (immer noch vorläufige) Kapitelstruktur festgelegt. 

Exzerpierte Literatur wird den einzelnen Kapiteln zugeordnet und der „rote Faden“, die inhaltliche Argumentationsstruktur entwickelt und vorformuliert.

Literatur: siehe 1. Phase

Rohfassung schreiben bedeutet, dass an dieser Stelle die Untersuchung schreibendenzentriert formuliert wird. Autor:innen erklären sich an dieser Stelle ihren Forschungsgegenstand und den Verlauf der Untersuchung einmal selbst.

Beim Schreiben werden hier die Inhalte entwickelt. Im Prozess wird hier das Denken vertieft und in der Auseinandersetzung mit der recherchierten Literatur wird neues Wissen generiert und dokumentiert.

Die entstehende Fassung ist inhaltlich vollständig, aber in der Darstellungsweise, der Stilistik und Form unperfekt.

Vor dem Übergang zur letzten Phase ist es sinnvoll, sich Feedback einzuholen, um erste Hinweise von außen auf Probleme beim Textverständnis bei Leser:innen zu erhalten.

Literatur: siehe 1. Phase

Hier wird der erste schreibendenzentrierte Entwurf in die leser:innenorientierte Fassung überarbeitet. Das heißt Übergänge zwischen den Kapiteln werden geschrieben, logische Lücken geschlossen und der Text wird in eine wissenschaftskonforme Sprache „übersetzt“.

Die eigentliche Korrekturphase erfolgt in mehreren, aufeinanderfolgenden Schritten. Zuerst wird die Vollständigkeit der inhaltlichen Elemente überprüft inkl. Zitation und Literaturverzeichnis auf Vollständigkeit, danach die Struktur und der rote Faden der Bearbeitung sowie Lese-Orientierung. Danach wird auf die angemessene (fach-)wissenschaftliche Sprache und den Stil geschaut und abschließend der gesamte Text auf korrekte Rechtschreibung und Grammatik überprüft.

Der allerletzte Schritt vor der Abgabe ist die Überprüfung der druckgerechten Formatierung und der letzte Blick auf Vollständigkeit.

Literatur: siehe 1. Phase

KI und wissenschaftliches Schreiben

Hier gibt es Informationen zur Nutzung und Weiterbildung rund um KI im Schreibprozess.

Hier finden sich die rechtlichen Empfehlungen an der Universität Bremen.

1. Von Chatbots zu AI Writing Assistants. KI-Tools für den wissenschaftlichen Schreibprozess (Stand: März 2025):

https://www.taskcards.de/#/board/2a6b2cdf-5581-4343-a3e7-9357fd1460bd/view

2. Courseware von der Studierwerkstatt zum wissenschaftlichen Schreiben mit KI: 

https://elearning.uni-bremen.de/dispatch.php/course/details?sem_id=509e9074b6126d22f1202e9e4f4df15b&again=yes

3. KI-Guide der Uni Hamburg zur Anwendung und kritischen Bewertung von KI:

https://www.hcl.uni-hamburg.de/ddlitlab/gki/gki-landing-page/studi-guide.html