03.02.2016
Autor/in: Angelika Rockel
Mitteilung Nr.: 2016004

„Was in Haiti passiert ist, war der Zeit vollkommen voraus“

Die beiden Romanistinnen Julia Borst (links) und Natascha Ueckmann hielten den Einführungsvortrag

"Forschendes Lernen ist schon spannender als reine Theorie", so die Studentin Leonie Niewint.

Ein Diskussionspunkt: Haitis negative Schlagzeilen

Ende Januar fand an der Uni Bremen der Haiti-Studientag statt. Ziel war es, die Geschichte und Kultur Haitis jenseits der gängigen Klischees aufzuzeigen.

Haiti war einst die profitabelste Kolonie Frankreichs. Nach dem erfolgreichen Sklavenaufstand und der Unabhängigkeit 1804 gab es eine Zeit der Misswirtschaft und Korruption. Bis heute fehlt die Rechtstaatlichkeit, die Sicherheitslage ist prekär. Die Amtszeit von Haitis Präsident Michel Martelly läuft am 7. Februar aus, ohne dass ein Nachfolger gewählt ist. Das Land steht einmal mehr vor dem Chaos. Darüber hinaus ist der Inselstaat seit Jahrzehnten Naturkatastrophen ausgesetzt.

Die unerhörte Geschichte Haitis

Studierende der Sprach- und Literaturwissenschaften haben ein Semester lang mit den beiden Romanistinnen Dr. Natascha Ueckmann und Dr. Julia Borst den Haiti-Studientag vorbereitet. So auch Leonie Niewint, 23 Jahre, 6. Semester. Sie sagt: „Was mich am meisten dabei gereizt hat, ist die unerhörte Geschichte Haitis. Da ist so viel passiert, die Revolution, neue Machthaber, immer neue Formen der Unterdrückung – in den Geschichtsbüchern liest man sehr wenig darüber, obwohl es ein großer Teil der Kolonialgeschichte ist.“

Haiti musste Frankreich entschädigen für die Unabhängigkeit

Die Studierenden präsentierten ihre Ergebnisse in Referaten, Postern und Workshops. Im Eröffnungsvortrag wurde ein Land mit einer besonderen Vergangenheit vorgestellt: Nachdem sich Haiti nach der einzigen erfolgreichen Sklavenrevolution der Geschichte 1804 vom französischen Joch befreit hatte, bürdete Frankreich dem jungen Staat Reparationszahlungen in Höhe von 90 Milliarden Goldfranc auf - und sorgte dadurch mit dafür, dass das Land wirtschaftlich nie Fuß fassen konnte. Bis 1947 waren die Schulden noch nicht vollständig abbezahlt. Nach dem Erdbeben 2010 hat Frankreich Haitis Schuld erlassen. „Haiti ist das erste Land Lateinamerikas, das sich aus der europäischen Kolonialherrschaft löste“, erläutert Natascha Ueckmann. „Das ist bis in unsere Zeit kaum bekannt, alle sprechen von der Russischen oder Französischen Revolution, aber das, was in Haiti passiert ist, war der Zeit vollkommen voraus. Es ist die erste Republik, die je aus einem von afrikanischen Sklaven geführten Unabhängigkeitskrieg hervorging.“

Haiti leidet unter negativen Schlagzeilen

In den vergangenen zehn Jahren hat sich eine große Vielfalt in der künstlerischen Szene Haitis entwickelt. Viele Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker sind international anerkannt. „Ich verstehe nicht, warum Haiti in den Medien immer wieder mit eher negativen Schlagzeilen bedacht wird“, wundert sich Leonie Niewint. „Es ist unerklärlich, warum Opfer des Erdbebens als zerstückelte Leichen in den Nachrichten präsentiert werden – wogegen die Opfer anderer Nationen eher mit weißen Tüchern bedeckt gezeigt werden. Erstaunlich ist auch, dass sich das Etikett Vodou–Kultur so zäh am Leben hält.“

Was bringt so ein Haiti-Tag?

Für den Studientag konnten die Studierenden eigene Themen wählen und aufbereiten. „Wir haben uns selbst auf koloniale Spurensuche begeben. Forschendes Lernen ist schon spannender als reine Theorie. Meine Posterarbeit beschäftigte sich mit dem 200. Jahrestag Haitis. Es macht wütend, dass so viele Menschen so wenig Chancen haben, gegen Korruption und Diktaturen aufzubegehren - sei es auf Haiti oder in Westafrika. Die Gewinner schreiben eben die Geschichte.“