05.04.2017
Autor/in: Andreas Volk
Mitteilung Nr.: 2017013

„Zur Wahrhaftigkeit verpflichtet“ – Podiumsdiskussion zu deutsch-türkischen Wissenschaftsbeziehungen

Das Podium (von links) Professorin Betül Yarar, Dr. Roy Karadağ, Anneliese Niehoff, Dr. Çetin Gürer, Gerlinde Walter.

Wissenschaftler sind zur Wahrhaftigkeit verpflichtet. Diese Überzeugung Hannah Ahrendts aufgreifend, eröffnete die Konrektorin für Diversität und Internationalität, Professorin Yasemin Karakaşoğlu, mit einem Plädoyer für die akademische Freiheit die vom Rektorat veranstaltete öffentliche Podiumsdiskussion „Deutsch-türkische Beziehungen im Ausnahmezustand: Perspektiven aus der Bremer Wissenschaft“.

Vor einem gut gefüllten Saal diskutierten im Haus der Wissenschaft Gerlinde Walter Referatsleiterin Hochschulen bei der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz, Soziologie-Professorin Betül Yarar,  Politikwissenschaftler Dr. Çetin Gürer, beide Philipp-Schwartz-Stipendiaten an der Universität Bremen und Dr. Roy Karadağ, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Instituts für Interkulturelle und Internationale Studien (InIIS) der Universität Bremen. Die Moderation hatte Anneliese Niehoff, Leiterin des Referats Chancengleichheit / Antidiskriminierung an der Universität, übernommen.

Rotes Kreuz an der Bürotür

Spätestens nach dem Putschversuch befindet sich die akademische Freiheit in der Türkei offenkundig in einem desolaten Zustand. Prof. Yarar und Dr. Gürer gehören zu den tausenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Türkei, die der eingangs beschriebenen Maxime gefolgt sind. Sie konnten ihre Augen nicht verschließen und haben 2016 einen Friedensappel unterschrieben, der gegen die Militäroperation der türkischen Armee im Osten mit zahlreichen zivilen Opfern protestiert. Die beiden türkischen Wissenschaftler berichteten den interessierten Gästen, welche radikalen Auswirkungen diese eine Unterschrift auf ihr Leben hatte. „Mir wurde ein rotes Kreuz von einer nationalistischen Studierendengruppe auf meine Bürotür gemalt, was eine symbolische Morddrohung in der Türkei ist. Es war eine Notiz beigefügt: `Wir wollen keine Terroristin an unserer Universität` Weder haben meine Kollegen für mich Partei ergriffen, noch hat die Universitätsleitung etwas gegen die Studierenden unternommen". sagte Professorin Yarar. Als sie selbst Anklage stellte, hat sich die Situation weiter verschärft, so dass sie sich nicht mehr sicher fühlte, sich beurlauben ließ und später ein Forschungssemester in Frankreich einlegte. Später erfuhr sie, dass sie durch ein Dekret entlassen worden war.

Für 24 Monate an der Universität Bremen

Dr. Gürer traf es hingegen ohne Vorwarnung: „Ich hatte gerade eine neue Stelle an einer Universität in Istanbul angetreten. Nach noch nicht mal drei Monaten war ich von einem Tag auf den anderen durch ein Dekret wegen der Äußerung meiner Meinung entlassen.“ Beide Wissenschaftler führen nun, von der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung gefördert, für 24 Monate an der Universität Bremen ihre Forschungen fort. Beide Wissenschaftler berichteten ausführlich über ihr politisches Engagement  bei der „Nein-Kampagne“ gegen die Verfassungsänderung und im Unterzeichnernetzwerk. Dr. Karadağ attestierte der politischen Führung in der Türkei Wissenschaftsfeindlichkeit. Gerade die Sozial und Geisteswissenschaften, deren Forschungsgegenstand die Gesellschaft ist, seien von Repressionen stark betroffen. Ein vernunftgeleiteter Dialog sei mit der AKP-Führung und ihren Anhängern nicht mehr möglich, weil sie für rationale Argumente nicht mehr empfänglich seien.

Solidarität wichtig

Die Podiumsgäste waren sich schnell einig darüber, dass Solidarität mit den betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seitens Universität und Politik wichtig sei. Gerlinde Walter, die die Bremer Senatorin vertrat, betonte, dass das Land Bremen bereits sehr früh die Entlassungen an den Hochschulen öffentlich verurteilt habe. Gleichzeitig seien aber die Wissenschaftsbeziehungen in Zeiten, in denen der Dialog auf politischer und diplomatischer Ebene nicht mehr möglich ist, weiterhin ein Ort an dem Austausch stattfinden kann. Dr. Karadağ sah dies pessimistischer und schlug vor, mit den Mitteln, die für die Türkisch-Deutsche Universität in Istanbul ausgegeben werden, eine Exilanten-Universität in Deutschland zu gründen. Seine Begründung: „Die zahlreichen abgewanderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden es hier schwer haben, sich in dem ohnehin stark umkämpften deutschen Hochschulsystem durchsetzen zu können“.

Aufbau einer Exilanten-Universität?

Wie Rektorin Karakaşoğlu bemerkte, gäbe es tatsächlich bereits Pläne  zum Aufbau einer Exilanten-Universität in Deutschland. In der weiteren Diskussion kristallisierte sich heraus, dass Förderorganisationen, Hochschulen, Bund und Länder gefragt seien, Angebote für türkische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu entwickeln, besonders Folgeangebote für die zahlreichen Philipp-Schwartz-Stipendiaten, die sich bereits im Land befinden. Dies war das wichtigste Ergebnis des Abends: Die verschiedenen Akteure haben sich auf einen Handlungsbedarf verständigt, aus dem eine weitere Zusammenarbeit erwachsen kann. Denn auch da war man sich einig, dass die Machthaber in der Türkei nicht so schnell einsehen werden, dass die Freiheit der Wissenschaften ein hohes Gut ist.