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BUG 2019

Alternde Gesellschaft — Zukunftsszenarien zwischen Chancen und Risiken

Das Thema

Die demographische Entwicklung wird anhand düsterer Prognosen nicht selten als Horrorszenario beschrieben: Von Überalterung, einem Krieg der Generationen und dem Zusammenbruch sozialstaatlicher Systeme ist die Rede. So zu lesen in Frank Schirrmachers „Das Methusalem-Komplott“. Die tatsächlich zu erwartenden gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse und deren Konsequenzen können aber auch neue Chancen der Lebensgestaltung bedeuten: Alter als gesellschaftliche Ressource. So zeigen z. B. Daten aus dem Freiwilligensurvey von Infratest, dass immer mehr älter werdende Menschen die Bedeutsamkeit zivilgesellschaftlicher Ressourcen entdecken und beginnen, sich in die Gestaltung unserer Gesellschaft einzumischen.

Eines ist sicher: Alter und Altern sind zentrale kulturelle, gesellschaftliche, gesundheits- und sozialpolitische Herausforderungen unserer Zeit und für die Zukunft. Zehn unaufhaltsame „Megatrends“ werden von einer großen Mehrheit befragter Experten als unzweifelhaft angesehen. Dazu zählen die zunehmende Globalisierung, die engere Vernetzung der Kommunikationsmedien und die Alterung der Gesellschaft.

In den kommenden Jahrzehnten wird sich die Altersstruktur der Gesellschaft enorm verändern: im Jahr 2060 wird jeder Dritte mindestens 65 Jahre alt sein – und jeder Siebte wird sogar 80 Jahre oder älter sein. Bedenkt man die hohe Lebenserwartung und den guten Gesundheitszustand vieler Senioren, so ist nicht verwunderlich, dass sich 67 Prozent der 65- bis 74-Jährigen laut der Generali Altersstudie (2012) schon gar nicht mehr als „alte Menschen“ bezeichnen. Wir werden uns mit einem völlig veränderten Bild vom Alter auseinandersetzen müssen.

Die Veränderungen werden sich in vielfältiger Weise auf nahezu alle Lebensbereiche auswirken und sich in unterschiedlichen Phänomenen äußern: die Zunahme der Lebenserwartung, ein sich veränderndes Verhältnis zwischen den Generationen sowie die Entwicklung anderer sozialer Lebensformen. Verändern werden sich zudem zentrale Lebensbereiche wie Konsum, Technik, Verkehr und Wohnen. Vor allem aber sind es die gesundheitlichen Chancen und Risiken, die mit einer immer älter werdenden Gesellschaft assoziiert werden: Einerseits verbunden mit dem exponentiellen und scheinbar kaum beherrschbaren Anstieg von chronischen Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit und Demenz. Gründe hierfür sind u. a. die nach wie vor starke Ausrichtung des Gesundheitssystems an der Behandlung von Akuterkrankungen sowie der eklatante Fachkräftemangel. Denn ob die in wenigen Jahren fehlenden 500.000 Pflegefachkräfte allein durch Migration zu kompensieren sind, ist fraglich. Andererseits und gerade deshalb steckt in der Entwicklung der medizinischen, pflege- und gesundheitswissenschaftlichen Forschung ein enorm produktives Wachstumspotenzial. Bereits um das Jahr 2050 kann es vielleicht möglich sein, die Pflege über Robotik und intelligente Sensoren sowie die freigesetzten Potenziale einer Digitalisierung der Arbeitswelt sowie die medizinische Versorgung über digitale Medien zu gewährleisten und den eigenen Alterungsprozess aktiv zu steuern. Defekte Gene werden schneller repariert und so das Leben der Zellen verlängert. Defizite als Quellen des Fortschritts, entstanden aus der Notwendigkeit zur Kompensation biologischer Nachteile des Menschen.

Aus all dem ergeben sich gewaltige Herausforderungen für die Gesellschaft und die Politik aber auch für den Einzelnen, die eine Reihe von Fragen aufwerfen. Hier sollen die Bremer Universitäts-Gespräche 2019 ansetzen: Interdisziplinär und jenseits von festgefahrenen Strukturen soll Wissen ausgetauscht werden. Das Ziel ist, Denkhorizonte zu erweitern, um daraus langfristige und mutige Visionen für die Zukunft zu entwickeln.

Aktualisiert von: Laura Körle