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Filmprogramm

24 FRAMES

schwarz weisse Landschaft mit Wasser und Kühen

FILM ZU VORTRAG 1 // MI 18.5. / 20:00 Uhr

IRN/F 2017, Regie: Abbas Kiarostami, 114 Min., ohne Sprache
mit Einführung von
Alice Kuzniar

Für Godard ist der Film 24-mal pro Sekunde die Wahrheit; für Michael Haneke die Lüge.

Erwachsen aus der Frage, was unmittelbar bevor und nach einer Bildentstehung geschieht, wendet sich Abbas Kiarostami in seinem letzten Film einem Fundament des Kinos neu zu. Insgesamt 24 Still-Fotografien versieht Kiarostami zusammen mit Digital-Animateur Ali Kamali mit Zeit und Bewegung.

Die Bewegungen der viereinhalbminütigen Sequenzen sind graduell: Eine Rauchsäule wabert, Blätter wehen im Wind, schlafende Kühe und im Schnee landende Krähen. Abseits der Kapitelmarken gibt es keine Narration, keinen Text, kein gesprochenes Wort. So gelingt Kiarostami mit dem Brückenschlag von Fotografie, frühem Film und modernem CGI-Animationsfilm ein filmischer Hybrid, der mit einer neuartigen Minimalismus-Ästhetik aufwartet und so Sehgewohnheiten irritiert.

 

Pressestimmen:

„Die mit Hilfe von digitalen Techniken entstandenen kurzen Filme verbinden sich zu einer faszinierenden Abfolge grandioser Impressionen, bei denen das Vergehen der Zeit und die Flüchtigkeit des Daseins immer mitgedacht sind. Dabei entfalten die Bilder die Kraft des Rätselhaften, die unmittelbar auf den Betrachter wirkt.“ (Filmdienst)

ERDE

Bulldozer in weiter Gerölllandschaft

FILM ZU VORTRAG 2 // DO 19.5. / 14:30 Uhr

ERDE

AT 2019, Regie: Nikolaus Geyrhalter, 115 Min., Deutsch/Englisch/Ungarisch Spanisch/Italienisch, OmdtU

In sieben Kapiteln dokumentiert Nikolaus Geyrhalter industrielle Eingriffe in die geologische Tektonik der Erde: in präzisen Kadrierungen werden die Veränderungen durch Planierung für den Städtebau und durch Bohrung für den Tunnelbau gezeigt, der bauliche Erhalt eines Salzstocks als Atommülllagerstätte und die zeitgenössischen Abbauformen von Bodenschätzen wie Kupfer, Marmor, Braunkohle und Schieferöl. 

Die schieren Dimensionen dieser maschinengesteuerten Vorgänge werden gleichermaßen zu ikonischen Bewegungs-Bildern für die erfolgreiche Aneignung materieller Ressourcen und für den Raubbau an den Grundlagen menschlicher Existenz. Fast immer kommen Arbeiter*innen vor Ort zu Wort. Das letzte Kapitel weicht davon ab und stellt eine von der Schieferölproduktion betroffene indigene Perspektive ins Zentrum.

 

Pressestimmen:

„Es heißt oft, dass das 1972 von der Apollo-17-Mission geschossene Blue-Marble-Foto der Erde viel dazu beigetragen habe, unseren Blick für die Verletzlichkeit des Planeten zu sensibilisieren. Geyrhalters Film ist die ergänzende Nahaufnahme seiner täglich wachsenden Verletzungen und Narben im Anthropozän.“ (Silvia Hallensleben, epd-film)

 

 

SINGIN' IN THE RAIN

drei Menschen in Regenmänteln mit Schirmen tanzen und singen

FILM ZU VORTRAG 3 // Fr 20.5. / 14:30 Uhr

Du sollst mein Glücksstern sein, USA 1952, Regie: Stanley Donen; Gene Kelly, mit Gene Kelly, Debbie Reynolds, Donald O’Connor, 103 Min., OmdtU
mit Einführung von Judith Keilbach & Skadi Loist

Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm stellt die Stars Don (Gene Kelly) und seine Partnerin Lina (Jean Hagen) vor ein Problem. Ihre schrille Stimme scheint nicht für den Tonfilm gemacht. Sie kommen auf die Idee, Lina von der Jungschauspielerin Kathy (Debbie Reynolds) nachsynchronisieren zu lassen. Lina lässt nichts unversucht, damit Kathy sie nicht auf der Karriereleiter überflügelt. 

Singin‘ in the Rain ist genauso leichtfüßig wie der durch den Regen tanzende Gene Kelly. Neben seinen ikonischen Bildern reflektiert das Musical den filmischen Schaffensprozess im Studiosystem Hollywoods. Der Film führt dabei vor Augen, wie die Filmindustrie mit natürlichen Ressourcen umgeht.

 

 

Pressestimmen:

„Mit liebevoller Ironie, musikalischer und tänzerischer Verve, spielerischem Temperament und technischer Perfektion machten Kelly und Donen aus einem Stück Filmgeschichte einen absoluten Höhepunkt des Filmmusicals, in dem alle Elemente miteinander harmonieren.“ (Filmdienst)

 

 

DERSU UZALA

zwei Pfadsucher in der kirgisischen Wildnis

FILM ZU FORUM 1 //  DO 19.5. / 20:00

UdSSR/JPN 1975, Regie: Akira Kurosawa, mit Maksim Munzuk, Yuriy Solomin, 144 Min., OmdtU
mit Einführung von Tina Kaiser

1902 trifft der russische Hauptmann Arseniev, Leiter eines Kartographie-Trupps, in der sibirischen Taiga auf den Jäger Dersu Uzala, der sie fortan durch die Natur führt. Durch das gemeinsame Er- und Überleben der Natur entsteht eine der schönsten interkulturellen Männerfreundschaften des Kinos.

Der Film wird von einem humanistischen Grundton getragen, bei dem auch stets die Melancholie verlorener Welten und Freundschaften anklingt. Einerseits konfrontiert die Natur das Paar mit überwältigender Schönheit, andererseits mit epischen Herausforderungen, und arbeitet so subtil die gegensätzlichen Naturentwürfe der Charaktere heraus. 

 

 

 

Pressestimmen:

“One of the most beautifully composed and photographed of Kurosawa’s films, Dersu Uzala visually illustrates its theme […]: “Man is too small to face the vastness of nature.” (Donald Richie, Criterion)

Tina Kaiser fragt in ihrem Forumsbeitrag, auf welche Weisen das Kino ökologische Themen verhandeln kann, um ein Publikum für derartige Fragen zu sensibilisieren.

 

 

 

 

 

FINIS TERRAE

FILM ZU FORUM 1: STUMMFILM MIT LIVE-MUSIK // FR 20.5 / 20:30

F 1928, Regie: Jean Epstein, mit Ambroise Rouzic, Jean-Marie Laot, 80 Min, Stummfilm mit engl. Zwischentiteln
mit Einführung von Simone Winkler 

mit Live-Musik unter der Leitung von und mit Ezzat Nashashibi

Vor der zerklüfteten bretonischen Küste leben vier Männer allein auf der Insel Bannec, um dort nach Seetang zu fischen. Ein Streit und eine lebensgefährliche Verletzung führen zu einer riskanten Rettungsaktion. 

Diese simple Geschichte dient Epstein als Anlass, die Arbeit der Fischer und ihren an der Natur ausgerichteten Alltag zu schildern. Gedreht wurde an Originalschauplätzen und mit Bewohner*innen des Fischerdorfes Ouessant, sodass das Spielfilmdrama stark dokumentarische Züge aufweist. Eine expressive Handkamera und Lichtdramaturgie fangen die Gewalt der Naturkräfte eindrücklich in schwarz-weiß Bildern ein.

 

Die Live-Musik-Begleitung übernimmt ein Trio mit der Besetzung Horn, Klavier und Kontrabass unter der Leitung von Ezzat Nashashibi. Die Musik bewegt sich zwischen der rauen Natur der Küstenlandschaft und den individuellen Gefühlen der Protagonisten.

Simone Winkler reflektiert in ihrem Forumsvortrag die naturale Kulisse des Stummfilms als Aushandlungsort eines medialisierten historischen Naturentwurfs der westlichen Moderne.

 

 

 

NIGHT MOVES

Mann lehnt am Geländer mit Stausee im Hintergrund

FILM ZU FORUM 2 // FR 20.5. / 22:30 Uhr

USA 2013, Regie: Kelly Reichart, mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, 112 Min., OmdtU

Umweltaktivistin Dena hat genug angesichts der fortschreitenden Zerstörung der Erde. Gemeinsam mit ihrem guten Freund Josh, der in einem landwirtschaftlichen Kollektiv im Nordwesten der USA lebt, möchte sie endlich ein Zeichen setzen, um die Menschheit aufzurütteln. Mit Hilfe des Ex-Marines Harmon planen sie die Sprengung eines hydroelektrischen Staudamms, der den Fluss und die Täler Oregons zerstört. Doch als etwas schiefläuft, müssen sich die drei den Konsequenzen ihres militanten Handelns stellen.

In ihrem spannungsgeladenen Öko-Thriller verknüpft US-Independent-Regisseurin Kelly Reichhardt gekonnt minutiöse Beobachtung und präzise Inszenierung und zeigt in verstörender Intensität, wie schwer Idealismus und individuelle Verantwortung wiegen.

 

 

Pressestimmen:

„Wie die besten Thriller übersetzt Night Moves individuelle Ängste in größere Zusammenhänge, wie der Realismus schult er den Blick für die Bedeutsamkeit scheinbar belangloser Gesten und Details. Und wie jeder herausragende Film stellt er die ganz großen existentiellen Fragen, ohne sie dem Zuschauer aufzudrängen.“ (Julia Dettke, Die Zeit)

Matthias Grotkopp erörtert in seinem Vortrag mit welchen Poetiken das Kino die durch den Klimawandel verstärkten Spannungen zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont verarbeitet, um neue Perspektiven, Wahrnehmungen und Zeitlichkeiten herzustellen.

 

 

 

FILM:ART 93: ZITTERNDE BLÄTTER UND STILLSTEHENDE ZEIT

Schlange auf Boden
Baumblätter von unten

FILMPROGRAMM //  SA 21.5. / 14:30

kuratiert und vorgestellt von Christine Rüffert (Bremen)

Anders als Spielfilme, in denen der Naturdarstellung zumeist eine der Handlung dienende Funktion zukommt, stellen Experimentalfilme natürliche Phänomene seit jeher gerne ins Zentrum ihrer ästhetischen Untersuchungen. Zeitrafferaufnahmen inszenieren den Einfall der Sonnenstrahlen durch die Blätter der Bäume zu einem sinnlich körperlichen Walderlebnis oder verwandeln am Himmel ziehende Wolken in ein transzendentales Meditationsangebot. Über das derart erzeugte immersive Filmerlebnis hinaus haben einige der gezeigten Filme eher reflektierenden Charakter und thematisieren das Verhältnis von Mensch und Natur unter dem Vorzeichen des Anthropozän. Die Spielformen reichen von einem surrealen Bildgewitter über ein dekonstruiertes Goethe Gedicht bis hin zu einer essayistischen Territorialstudie und einem medienphilosophischen Desktopvideo.

 

 

Die Filme:

Aspect
Emily Richardson, UK 2004, 9 Min. ohne Sprache

The Machine
Marieke van der Lippe, NL 2020, 16 Min. deutsch mit eng. UT 

Le Rêve
Peter-Conrad Beyer, D 2020, 8 Min. ohne Sprache

Imperial Irrigation
Lukas Marxt, D/A 2020, 21 Min. eng. OF

Un très long temps d'exposition
Chloé Galibert-Laîné, F 2020, 7 Min. mit eng. Schrift

Programmlänge 90 Min.