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WilmA - Wirkungen und langfristige Effekte musikalischer Angebote

Das seit 2007 in der Nordrhein-Westfälischen Region „Ruhrgebiet" und mittlerweile auch in Hamburg angesiedelte Kooperationsprogramm „Jedem Kind ein Instrument" (JeKi) hat zum Ziel, langfristig jedem Grundschulkind Instrumentalunterricht zu ermöglichen. Mit dem Instrumentalunterricht werden große Erwartungen an die individuelle und gemeinschaftliche Förderung von Schülerinnen und Schülern verbunden. Die Wirkung dieser Programme wurde und wird im Rahmen einer umfassenden wissenschaftlichen Begleitung evaluiert. Bereits von 2009 - 2012 ging ein über vier Jahre geförderter Forschungsverbund der Universitäten Hamburg und Bremen im Rahmen der Studie zum Instrumentalunterricht in Grundschulen (SIGrun) Fragen nach dem Transfer musikalischer Betätigung in andere kognitive Bereiche, der Kooperation, der kulturellen Teilhabe und den Veränderungen musikalischen Geschmacks nach.

Die schulsystembedingte Beschränkung der JeKi-Modelle auf die 1. bis 4. Klassen verstellt dabei gelegentlich den Blick darauf, dass der Aufbau von Kompetenzen (wie etwa beim Instrumentalspiel oder im kognitiven Bereich) und kulturellen Orientierungen (als Teil von Bildungsprozessen) längerfristige Entwicklungen sind. Wie nachhaltig die Veränderungen im kulturellen Verhalten, wie gut – unter Kontrolle verschiedener sozio-ökonomischer Rahmenbedingungen der Familien – der Zugang zum Instrument gegründet ist, lässt sich erst nach dem Schulübergang untersuchen, gerade auch im Vergleich zu nicht von dem JeKi-Modell geförderten Kinder. Die Wirksamkeit der JeKi-Programme muss daher auch daran gemessen werden, welche über die Grundschule hinausreichende Entwicklungen angestoßen werden konnten.

In dem von 2013 - 2015 geförderte Forschungsverbund WilmA kooperieren die beiden Universitäten nun erneut und untersuchen – aufbauend auf SIGrun – nun die Wirkungen und langfristigen Effekten musikalischer Angebote wie z.B. JeKi. In einem längsschnittlichen Design werden Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 6 und 7 befragt. Im Zentrum stehen u.a. die Fragen, wie sich die Teilnahme (oder Nicht-Teilnahme) an JeKi bzw. an weiteren musikalischen Angeboten in der Grundschule und in der weiterführenden Schule auf emotionale sowie motivationale Fähigkeiten und Merkmale auswirkt. Besonders im Fokus steht auch die Frage, inwiefern solche aufwendigen schulischen Programme nachhaltig und über den Kreis bildungsnaher Familien hinaus das Lernen, das schulische Leben und kulturelle Orientierungen der Kinder und auch ihrer Familien verändern und welche Rollen der Schulübergang und die beginnende Adoleszenz spielen.

Das Verbundprojekt gliedert sich in zwei Teilprojekte: „Kulturelle Teilhabe“ (Universität Bremen) und „Transfer“ (Universität Hamburg). Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert dieses und weitere Vorhaben der JeKi-Begleitforschung innerhalb des "Rahmenprogramms zur Förderung der empirischen Bildungsforschung". 

 

Gesamtprojektleitung

Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser

 

Mitarbeiter

Prof. Dr. Andreas Lehmann-Wermser (Projektleiter, Universität Bremen)

Prof. Dr. Knut Schwippert (Projektleiter, Universität Hamburg)

Valerie Krupp (Universität Bremen)

Nele Groß, M. A. (Universität Hamburg)

 

Veröffentlichungen (Auswahl)

Andreas Lehmann-Wermser, Knut Schwippert & Veronika Busch (Hrsg.) (2019). Mit Musik durch die Schulzeit? Chancen des Schulprogramms JeKi – Jedem Kind ein Instrument. Waxmann Verlag, Münster


Teilprojekt "Kulturelle Teilhabe"

Das an der Universität Bremen durchgeführte Teilprojekt „Kulturelle Teilhabe“ untersucht, inwiefern Kinder, die in der Grundschule am JeKi-Instrumentalunterricht teilgenommen haben, andere Muster kultureller Teilhabe zeigen, als Kinder, die eine solche Förderung nicht erhalten haben.

„Kulturelle Bildung bedeutet Bildung zur kulturellen Teilhabe. Kulturelle Teilhabe bedeutet Partizipation am künstlerisch kulturellen Geschehen einer Gesellschaft im Besonderen und an ihren Lebens- und Handlungsvollzügen im Allgemeinen.“ (Ermert 2009). Dabei darf kulturelle Teilhabe nicht nur mit der Wahrnehmung sogenannter hochkultureller Bildungsangebote assoziiert werden, sondern im Gegenteil: Alle aktiven und rezeptiven musikbezogenen Verhaltensweisen stellen Formen musikalischer Teilhabe dar. Dem Projekt liegt ein Verständnis von kultureller Teilhabe (vgl. Bourdieu 1987) als Voraussetzung zu kultureller Bildung sowie als Bestandteil von Allgemeinbildung zu Grunde.

Teilhabe zu Kunst und Kultur muss zudem mit Chancengerechtigkeit verbunden werden. Denn im Zuge der PISA-Studien wurde deutlich, dass es dem deutschen Bildungssystem nach wie vor nicht gelingt, die durch ungünstige familiäre und soziale Verhältnisse bedingten Disparitäten auszugleichen (PISA 2004). Dies ziehe Bildungsbenachteiligung nach sich mit dem Resultat verschenkter Potenziale.

Im Rahmen des Forschungsprozesses werden daher Formen der kulturellen Teilhabe der Jugendlichen sowohl mit qualitativen als auch mit quantitativen Forschungsmethoden untersucht. Auf der quantitativen Seite steht die Erstellung und Validierung eines Fragebogens zur kulturellen Teilhabe im Bereich Musik, der die Beschäftigung Jugendlicher mit Musik und deren Bedingungsfaktoren umfangreich abfragt. Der Fragebogen basiert auf einem theoretischen Modell zur Beschreibung kultureller Teilhabe und deren Muster, das auch externe Einflussfaktoren (sozio-ökonomischer Status, Elternsupport, Migrationshintergrund, etc.) integriert. Diese großflächig angelegten Daten sollen dann mit qualitativ tiefgründigen Daten trianguliert werden: Basierend auf Interviews mit Schülerinnen und Schülern, die in einem theoretischen Sampling ausgewählt werden, und der Analyse von Fotos, auf denen sich die Schüler in musikbezogenen Situationen selbst inszenieren, sollen vertiefende Ergebnisse gewonnen werden.

Die quantitative Untersuchung wird mit ca. 900 Schülerinnen und Schülern in Hamburg und im Ruhrgebiet an zwei Erhebungszeitpunkten in Klasse 6 und 7 durchgeführt. Vorrangig soll sich im Anschluss daran die Auswertung auf eine Beschreibung der vielfältigen Formen und Muster von kultureller Teilhabe der Schülerinnen und Schüler im Bereich Musik, sowie einen Vergleich mit den Daten aus der SIGrun-Studie konzentrieren. Eine besondere Beachtung erhalten hierbei folgende Aspekte: die Einflüsse der Schulform, der jugendlichen Bezugsgruppen und –normen, die wachsenden Möglichkeiten über Zeit- und Geldressourcen zu verfügen und insbesondere mögliche migrantisch geprägte Spezifika der Teilhabemuster. Es wird erwartet, dass die Zusammenhänge zwischen familiären und schulischen Einflüssen in der Grundschulzeit einerseits und den aus Sicht der Sozialisationsforschung beschriebenen Prozessen andererseits dadurch besser verstanden werden können.  

 

Projektleitung

Prof. Andreas Lehmann-Wermser

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Valerie Krupp