(AKAD03) „Alles fließt…?“

Oder: Vom Wesen des Wassers und seiner transformierenden Kraft

"Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser.
Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt nichts ihm gleich. (...)
Dass Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt,
weiß jedermann auf Erden."
Laotse (um 600 v. Chr., Tao te king. Das Buch vom Sinn und Leben)

 

Die Gestalt unseres Planeten wird von Wasser geprägt. Aus dem Weltraum betrachtet, sieht er aus wie eine wundervolle blaue Murmel. Mehr als 70 Prozent seiner Oberfläche sind von Wasser bedeckt. Nur ein sehr kleiner Teil davon ist als Süßwasser trinkbar und doch berührt Wasser - in jeder seiner spezifischen Formen - unser Leben, alle Bereiche unseres Daseins. Mehr noch: Es ist Ursprung und zugleich grundlegende Bedingung für jegliches Leben auf der Erde – sei es für Menschen, Tiere oder Pflanzen. 

Die überragende Bedeutung von Wasser für alle Sphären des irdischen Lebens ist omnipräsent: in Landschaftsformationen, in Flora und Fauna, in klimatischen oder atmosphärischen Bedingungen und nicht zuletzt in vielfältigen Denk- und Ausdrucksformen und im unerschöpflichen Reservoir an kulturellen Symbolen. Als „Quelle des Lebens“ herausgehoben, steht Wasser metaphorisch für Reinheit, Veränderung, Erneuerung… Dies spiegelt sich nicht zuletzt in Religionen und Ritualen, Mythen und Naturphilosophien wider; sie preisen das Wasser - jede auf ihre ganz eigene Weise - als etwas sehr Kostbares: Es ist die Verehrung seiner Kraft und die Ehrfurcht vor seiner Gewalt, die in ihnen seit Jahrhunderten zum Ausdruck kommt und damit lange Zeit den Umgang mit und die Nutzung der „unberechenbaren“ natürlichen Ressource Wasser prägten. 

Mit Wasser umzugehen – mit einem Zuwenig ebenso wie mit einem Zuviel – führte im Laufe der Zeit zu beeindruckenden zivilisatorischen und technischen Leistungen in der Wassererfassung und Wassernutzung (z.B. spezifische Wasserversorgungs- und Bewässerungstechniken, Flussregulierungen, Dammbau, Kanalisation…). Mit den vielschichtigen Beziehungen, die Menschen und Wasser eingingen, bildeten sich komplexe Verflechtungen und ganz eigene WasserWelten heraus. Erste Besiedlungen und Hochkulturen entstanden entlang großer Flussläufe, in fruchtbaren Delten oder regenreichen Hochlagen. Wasserwege auf Flüssen und Meeren ermöglichten die Erkundung der Erde und globale Handelsbeziehungen, eng verknüpft mit der kolonialen Aneignung der Welt. 

Hier zeigt sich bereits: Der Zugang zu und die Nutzung von Wasser (und Meer) ist immer auch eine Frage von politischem Einfluss, von Macht und Profitinteressen. So ist bis heute die „Verfügbarkeit und nachhaltige Bewirtschaftung von Wasser und Sanitärversorgung für alle“ (UN-Agenda 2023) nicht gewährleistet. Trotz einiger Fortschritte in den vergangenen Jahren haben weit über zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, fast doppelt so viele keinen zu hygienischen Sanitäranlagen. Trotz alledem war
(Trink-) Wasser lange Zeit – zumindest im modernen westlichen Denken und Handeln – eine Selbstverständlichkeit; die Wertschätzung des Wassers und der Respekt vor dem Wasser schien verlorengegangen. Zunehmende Wasserkrisen weltweit durch den steigenden Wasserverbrauch, Gewässerverschmutzung (durch Landwirtschaft, industrielle Fertigungsprozesse, Plastikmüll u.v.m.) sowie die Folgen des anthropogenen Klimawandels (z. B. Extremwetterereignisse, Dürren, Überschwemmungen…) haben in den letzten Jahren für das Thema „Wasser“ in all` seinen Facetten sensibilisiert. Während beispielsweise in der Stadtentwicklung weltweit innovative Ansätze für eine nachhaltige Wasserbewirtschaftung erprobt werden, sollten jedoch grundsätzliche Fragen nicht aus dem Blick geraten: Gehört eigentlich die Ressource Wasser wirklich allen oder ist sie nicht schon zur Ware verkommen? Und, weiter: Was sind uns lebendige Meere, Flüsse, Seen… und sauberes Trinkwasser überhaupt wert? 

In diesem Kontext gewinnt die Vorstellung, dass die Natur (hier: das Wasser) eigene Rechte besitzt, an Aktualität. Eine Idee mit der Sprengkraft, das Verhältnis von Menschen und Natur grundsätzlich in Frage zu stellen: Die Natur soll - und hat bereits auf massiven Druck indigener Völker in einigen Ländern - eigene Rechte bekommen. Und, schon allein die Frage zu formulieren, ob und welche Rechte ein See, ein Fluss, ein Meer … haben, verschiebt den Blick und hilft, sich eine andere Welt vorzustellen.

In aktuellen Forschungsansätzen zum Thema „Waterworlds“ geht es darum, jenseits tradierter eurozentrischer und anthropozentrischer Sichtweisen ‚andere‘ Vorstellungen von Wasser und indigenes / tradiertes Wasserwissen einzubeziehen. D.h., Wasser nicht nur als naturwissenschaftlich definierte Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff zu betrachten, sondern als Teil komplexer Verflechtungen von „NaturenKulturen“. Wasser ist in diesem Sinne viel mehr als nur eine physikalische Substanz. Es wird mit seiner Kraft, soziale Welten zu schaffen, zu einem waterworlding-Akteur ebenso wie der Mensch, der mit seiner Körperlichkeit unauflöslich in den natürlichen Kreislauf der Welt eingebunden ist und diesen zugleich verändert.
Was bleibt, sind drängende Fragen: Wie können wir unser Verhältnis zu
(Süß-) Wasser und Meeren - in der Fülle ihrer Erscheinungsformen - in Zukunft verantwortlich(er) gestalten? Wieviel Einfühlungsvermögen, Emotionalität und auch Kreativität bräuchte es für eine zukunftsfähige, lebenswerte Welt? Und: Sollten wir in einem ganzheitlichen Sinne nicht doch „Mehr Natur wagen“? Dies ist nicht allein eine ökologische, sondern vor allem eine kulturelle und hochgradig politische Frage….

 

„Ich erinnere mich, wie es nach fließendem, strömendem, lebendigem Wasser riecht. (…)
Wir nehmen alles starker, kräftiger wahr, nicht nur weil die Farben satter,
die Kontraste schärfer sind, sondern auch, weil wir die Dinge wieder riechen.
Das Wasser hat uns von unserer Geruchsblindheit befreit.“ 
(Johann von Düffel, Vom Wasser, 1998)

 

Das Seminar veranschaulicht – medial gestützt und in kritischer Auseinandersetzung – Facetten der Natur- und Kulturgeschichte des Wassers sowie kulturwissenschaftliche Reflexionen des Verhältnisses von Wasser und Mensch, indem historische wie aktuelle Debatten, Strategien und Vorgehensweisen exemplarisch betrachtet werden (in Wissenschaft, Kunst/Literatur, Städtebau/Architektur, Politik, Wirtschaft…).

 

 

Literatur:
Für das Seminar wird eine Textsammlung in Form eines Readers zur Verfügung gestellt.

 

Anmerkungen
Geplant sind jeweils 12 Veranstaltungen.

Angedacht ist zusätzlich eine Ganztagesexkursion sowie ein Ausstellungsbesuch. Näheres wird in der Veranstaltung bekanntgegeben.
 


Dozentin:    Dr. Ursula Dreyer

Veranstaltungsart:   nur in Präsenz (Akademie, Raum: B 0770)

   Gruppe AKAD03A   - dienstags, 10:00 (s.t.) - 12:30 Uhr (07.04. - 30.06.2026)

Bitte beachten: Die Veranstaltung am 12. Mai 2026 entfällt.

 

Veranstaltungsart:   hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0770) oder wahlweise Online-Teilnahme

   Gruppe AKAD03B   - donnerstags, 10:00 (s.t.) - 12:30 Uhr (09.04. - 02.07.2026)

 

Die Inhalte beider Gruppen sind identisch (jeweils mit einer kurzen Pause).

Hinweise: Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz

Kontakt

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