(AKAD04) „…sterben, Tod und trauern…“

Nur angedacht …

Die Überschrift besteht aus zwei Verben und einem Substantiv. Aus zwei Tätigkeits- oder Zeitwörtern und einem Hauptwort oder Nomen. Früher hießen die Tätigkeitswörter in der Grundschule Tu(n)wörter. Sterben und trauern – das tut man. Beide stehen in der Nennform, im Infinitiv. Der Infinitiv drückt das Unbegrenzte, Unbestimmte aus.

Dass die Tätigkeiten konjugiert werden und das Substantiv dekliniert wird, macht sie erst in der Zeit bestimmt, in der Person verbindlich, insgesamt konkret. Das Zeitwort, wird so genannt, weil sich alles Geschehen in der jeweiligen Zeit vollzieht. Das eine Zeitwort läuft auf das Hauptwort hin, das andere Zeitwort kommt wie etwas Hinzugefügtes von ihm her. Das Hauptwort, auf das sich beide Zeitwörter beziehen, stellt das Nomen Tod, dessen Verbform töten dar

Ein- und dasselbe Hauptwort – ein Nomen – trennt und verbindet die beiden Zeitwörter. Sie begleiten ihre Tätigkeiten wechselseitig. Der sterbende Mensch, der sein Leben auf das Ende zulaufen sieht, beginnt um sein Leben ab-schiedlich zu trauern. Menschen, die einen Sterbenden begleiten, rührt der zwiespältige Prozess, zu sterben und zu trauern, zu trauern und zu sterben, sehr an. Auch sie beginnen vor dem Tode bereits um das zu Ende gehende Leben zu trauern. 

 

… und nachgesonnen: 

Das Tätigkeitswort sterben bringt ein starkes Zeitwort im zweifachen Sinn des Wortes zum Ausdruck: Grammatisch flektiert – sterben, starb, gestorben – also im Präsens, Imperfekt, Perfekt der Zeit. In seiner vom nahen Lebensende durchdrungenen Existenz trägt das Verb sterben den sprachgeschichtlichen Sinn: sich abmühen, starr werden, steif werden. Von daher rührt die Totenstarre. Der Infinitiv bildet die sogenannte Nennform dieses durch den Tod begrenzten, endlichen und zugleich unbestimmten, abstrakten Vorgangs. 

Das Tätigkeitswort trauern ist grammatisch ein schwaches Verb. Sein Infinitiv verändert nicht den Vokallaut im Wortstamm, hält ihn vielmehr bei und bedient sich lediglich einer Nachsilbe (-te) bzw. einer Vorsilbe (ge-). Das Verb trauern ist dem mittelhochdeutschen truren, trören, troren verwandt und hat die Bedeutung: langsam, träge werden, sich beruhigen und benennt einen langanhaltenden Schmerz. Die äußere Form hat sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich auf die Trauer um einen Menschen eingeschränkt.

Beide Verben haben in der Beschreibung ihres Erscheinungsbildes die Möglichkeit der Substantivierung des Verbalen: Aus dem Verb sterben wird das Substantiv das Sterben, aus dem Verb trauern das Substantiv dasTrauern, die Trauer. Das Substantiv Tod geht auf das mittelhochdeutsche todt zurück und ist dem altsächsischen dot, dem altfriesischen dath, dem englischen death verwandt. Das Verbalabstraktum von dau (got.) bedeutet: sterben machen, Mensch, Sterblicher. 

 

Interessiert Sie das, sind Sie dabei?

Dieses ist lediglich der grammatische Zugang zu dem Semesterthema. Doch der anscheinend befremdende Abstand gewährt eine ungewohnte innere Nähe. Zwei der drei Arbeitsfelder, die wir zwangsläufig berühren, reichen geschichtlich zu den alten Fakultäten der Medizin und der Theologie zurück. Das dritte Arbeitsfeld betrifft den Bestatter, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Handwerk des Tischlers, Gärtners, Fuhrmanns hervorgegangen ist. Erst 2003 ist der Bestatter – mit ihm auch der Fensterputzer und Gerüstbauer – zu einem anerkannten Lehrberuf (Meisterprüfung) mit einer dreijährigen Ausbildungsdauer geworden. Davor konnte jemand bloß mit einem Gewerbeschein Bestatter werden. 

Die drei Hauptakteure arbeiten abschiedlich orientiert: der Arzt, der Bestatter und der Geistliche bzw. der Redner.[1] Sterben, Tod und trauern – sind drei radikale Wirklichkeiten, die das eigene Leben immer wieder in Frage stellen. Die drei Krisenagenten begegnen uns in ihrer recht unterschiedlichen Arbeitsweise. 

Der Arzt stellt den Totenschein aus. Der Bestatter – in der Regel der erste Ansprechpartner im Todesfall – berät die Angehörigen bei ihrer Entscheidung des gesamten Arrangements der Bestattung (Erde, Feuer, Wasser, Luft).

Der Geistliche spricht die persönliche Trauer an, würdigt das gelebte Leben und artikuliert die jenseits der eigenen Erfahrung liegende Transzendenz. Der religiöse Trost wird im Glauben und Vertrauen an- und zugesprochen. Der Geistliche führt die gesamte Bestattung durch. Der Bestatter bereitet sie vor. Die drei Handelnden werden Traueragenten genannt.

 

Sollte Ihr Interesse durch mein Semester-Thema grundsätzlich geweckt worden sein, freue ich mich, wenn Sie dazukommen. Ich verspreche Ihnen spannende lebensgeschichtliche Einsichten und überraschende Selbsterkenntnisse in unserem Prozess gemeinsamen Nachdenkens.
 


[1] Der Begriff Redner ist angemessener als Trauerredner, da er ebenfalls die anderen Lebensrituale – das Ritual der Lebensbegrüßung statt der Taufe, der Religionsmündigkeit statt der Konfirmation, der Hochzeit statt der kirchlichen Trauung, der säkularen Bestattung statt der kirchlichen Bestattung – vollzieht. 



Dozent:    Dr. theol. Klaus Dirschauer

Termine:  mittwochs,  08.04. - 08.07.2026

Zeit:          09:30 (s.t.) bis 11:00 Uhr

Veranstaltungsart:    hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0660) oder wahlweise Online-Teilnahme

Hinweis:   Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz

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