(AKAD09) Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ (2025)

Das deutschsprachige Feuilleton war nach Erscheinen des Romans voller Lob und Begeisterung. Daniel Kehlmann, der renommierte Autor, hob erfreut hervor: „Lázár ist ein erstaunliches Buch – eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, voller zutiefst origineller Charaktere und packender Szenen, manchmal realistisch, dann wieder verstörend traumartig.

Dieser Roman wäre in jedem Fall ein Ereignis, aber der Umstand, dass sein Autor gerade erst das Erwachsenenalter erreicht hat, macht sein Erscheinen zu einem Donnerschlag. Ein wirklich großartiger Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.“

Im Seminar wollen wir uns ein eigenständiges Urteil über Nelio Biedermanns Roman bilden, natürlich auch im Hinblick auf kritische Stimmen. Das Romangeschehen um die ungarische Adelsfamilie Lázár umspannt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit allen entscheidenden politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen bis hin zum Ungarnaufstand 1956. Das Erzählen setzt ein mit der Geburt des Protagonisten: „Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird.“ Lajos Vater, diesem auf Form und Strenge bedachten Baron, wird der Sohn nicht geheuer werden. Es scheint, als erahne er den Betrug seiner schönen Frau Mária, die wie alle Figuren des Romans von inneren Abgründen und Begierden getrieben wird. Mit dem Zerfall des Habsburgerreichs schwindet die Blütezeit der Familie, unaufhaltsam erodiert, was zuvor mit disziplinierter Herrschaftsausübung errungen wurde.

Die unheimliche Kraft des das Schloss umfassenden Waldes spiegelt dabei die Entfremdung, mitunter auch den Wahnsinn einer untergehenden Zeit. Mit dem Aufstieg der Faschisten und dem anwachsenden Antisemitismus auch in Ungarn wird die Wahrung von Tradition und Moral immer unmöglicher. Der nun erwachsene Lajos von Lázár wird erzwungenermaßen Offizier der ungarischen Armee, zu seiner Rolle während des Zweiten Weltkriegs heißt es lapidar: „Lajos kümmerte sich um Organisatorisches.“ Was genau dies bedeutet, erschließt sich im Verlauf des Textes. Neben der älteren Generation um Lajos werden auch seine um 1930 geborenen Kinder István und Eva von den nicht abebbenden politischen Umwälzungen erfasst. So erfährt die Familie unter der Besatzung der russischen Armee und den darauf folgenden ungarischen Kommunisten eine Geschichte der Enteignung und Vertreibung, später auch der Deportation in die Zwangsarbeit. Am Ende bleibt nur – der Sehnsucht nach Befreiung folgend – die Flucht.

Im Seminar wollen wir neben dem reichhaltigen Inhalt des Textes die Fülle an Anspielungen auf verschiedene Klassiker der Literaturgeschichte herausarbeiten. So werden genannt oder sind als Vorbilder erkennbar: E.T.A. Hoffmann, Arthur Schnitzler, Marcel Proust, Thomas Mann und Virginia Woolf.

Nelio Biedermann (Jahrgang 2003) ist am Zürichsee aufgewachsen. Sein Debütroman „Anton will bleiben“ erschien 2023. Für seinen zweiten Roman „Lázár“ hat der Autor – dessen Familie väterlicherseits aus dem ungarischen Adel stammt – intensiv bei der in Ungarn verbliebenen Verwandtschaft recherchiert. Aktuell studiert Biedermann Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich.

 

Literatur:
Nelio Biedermanns Roman „Lázár“. Berlin: Rowohlt 2025.
 


Dozentin:         Dr. Ina Düking

Termine:         11 x montags + 1 x dienstags

  • Mo. 13.04. + Mo. 20.04.+ Mo. 27.04. + Mo. 04.05.+ Mo. 11.05. + Mo. 18.05.+ Di. 26.05. + Mo. 08.06. + Mo. 15.06. + Mo. 22.06. + Mo. 29.06.2026

Zeit:                   14:15 (s.t.) bis 15:45 Uhr

Veranstaltungsart:   Online-Seminarreihe

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