(AKAD18) Das verlorene Paradies: Ästhetische Utopien
In Heinrich von Kleists Erzählung „Über das Marionettentheater“ aus dem Jahre 1810 wird das Fehlen der natürlichen Anmut des Menschen mit dem Verlust des Paradieses erklärt. Mit dem Gewinn des Erkenntnisvermögens durch das Essen vom Baum der Erkenntnis verlor der Mensch seine unbewusste, natürliche Anmut. Und die Vertreibung aus dem Paradies wurde zu einem immerwährenden, den Menschen begleitenden Mangel, der in dessen fehlender Anmut sichtbar wird. Nur in Momenten der Unmittelbarkeit kann der Mensch seine Anmut wieder erlangen. Wird ihm diese Wirkung bewusst, geht sie wie in Kleists Beispiel vom Dornauszieher wieder verloren. Kleists Beschreibung erinnert an die Idee der auratischen Erfahrung von Walter Benjamin und an die damit verwandte mémoire involontaire von Marcel Proust, die beide nicht willentlich herbeigeführt werden können und die beide mit einem Gefühl des Glücks verbunden sind. Dieser utopische Gehalt (des Glücks), wie er auch Kunstwerken zu eigen ist, besteht aber nur als ästhetischer Schein und ist keine Rückkehr in das verlorene Paradies. Auch den beiden Gesprächspartnern in Kleists Erzählung wird am Ende dieser Verlust wieder deutlich, lässt aber den Erzähler in Form einer Frage eine denkbare Lösung nennen: „Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“
„Alle Kunstwerke, und Kunst insgesamt, sind Rätsel“. Mit der Wendung vom Rätselcharakter der Kunst hat Theodor W. Adorno eines der Merkmale der (modernen) Kunst umschrieben. Dass die Umschreibung zugleich an ein utopisches Grundmotiv der Märchen denken lässt, verweist auf ein anderes Merkmal von Kunst, deren utopischen Gehalt. Der Unterschied zum Märchen besteht aber darin, dass das Rätsel des Kunstwerkes nicht lösbar ist und der utopische Gehalt, das versprochene Glück des Märchens, als ein Nicht-Ort unerreichbar bleibt. Die Bedeutung der ästhetischen Utopie ist nur ein Moment der Erinnerung: „die an das Mögliche gegen das Wirkliche, das jenes verdrängte“.
In dem Seminar werden neben Beispielen aus der Literatur- und Kunstgeschichte die ästhetischen Utopien Friedrich Schillers („weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freyheit wandert“), Arthur Schopenhauers (die „Säligkeit des willenlosen Anschauens“), Theodor W. Adornos (die nichtidentische und rätselhafte Kunst) und Ernst Blochs („etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“) vorgestellt und besprochen.
Dozent: Dr. Karl Heinz Wölke
Termine: mittwochs, 08.04. - 08.07.2026
Zeit: 16:00 (s.t.) bis 17:30 Uhr
Veranstaltungsart: hybrid, in Präsenz (Akademie, Raum B 0660) oder wahlweise Online-Teilnahme
Hinweis: Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen in Präsenz
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