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Dissertationsprojekte

Auf dem Weg der Salaf: Eine qualitativ-empirische Studie zur subjektiven Sinnhaftigkeit der Hinwendungsprozesse junger Frauen zu salafitischen Gruppierungen in Deutschland.

Laura Dickmann-Kacskovics, Dissertationsprojekt

Frau mit Niqab

Die qualitativ-empirische Studie “Subjektive Sinnhaftigkeit der Hinwendungsprozesse junger Frauen zu salafitischen Gruppierungen in Deutschland” zielt auf die biographiebezogene Erforschung der Orientierungs-, Denk- und Handlungsmuster von jungen Frauen in salafitischen Gruppierungen in Deutschland. Hierbei wird religionsanthropologische Forschung mit soziologischer Jugendforschung verknüpft und eine akteurszentrierte Jugendperspektive reflektiert. Narrativ-biographische Interviews mit thematisch fokussiertem Nachfrageteil mit jungen Salafi-Musliminnen sollen die Grundlage bilden, um über die spezifischen Attraktivitätsmomente des sogenannten Salafismus, das Selbstbild, Selbstverständnis und die Rollenzuschreibung der jungen Frauen Auskunft zu geben.

Bridging the Divide? Crossing borders for coexistence in divided city of Mitrovica: A narrative ethnography

Anne Kauhanen, Dissertationsprojekt

Die Hauptbrücke über die fließende Grenze - der Fluss Ibar - der geteilten Stadt Mitrovica

Die einst multikulturelle und wirtschaftlich starke Stadt Mitrovica wurde nach dem Kosovo-Krieg entlang des Flusses Ibar in eine Kosovo-serbische und Kosovo-albanische Seite aufgeteilt. Seit der Teilung hat Mitrovica den Ruf der Austragungsort für den fortlaufenden Kosovo-Konflikt zu sein. Die Teilung hat zur Entstehung eines Raumes beigetragen, in dem die Existenz des Anderen negiert wird, die nationalistischen Selbstbilder und Narrativen manifestiert und parallele Strukturen aufgebaut werden – zumindest wird dieses Bild in den Medien über Mitrovica verbreitet.

Das Ziel meiner Forschung ist es, die Bewegungen und Erfahrungen jenseits der ideologisch polarisierten und verhärteten Situation in Mitrovica zu forschen und die Erkenntnisse aus diesem Feld hervorzuheben – gegen die Narrative eines ausschließlichen Konfliktortes. Meine Forschung befasst sich mit den Umständen, unter denen diese Grenzüberschreitungen entstehen bzw. welche Umstände die Grenzüberschreitungen ermöglichen und welche Strategie Individuen und Institutionen entwickelt haben, diese Grenzüberschreitungen zu vollziehen. Darüber hinaus wird die Frage gestellt, ob und in welchem Ausmaß diese Grenzüberschreitungen zu einer friedlichen Koexistenz und schließlich zu einer Wiedervereinigung der Stadt beitragen könnten.

Wie transformiert sich Religiosität im Lebensverlauf? Eine Biografieforschung bei „Jungen Alten“ in Luxemburg

Liz Lambert, Dissertationsprojekt

alte Kirche vor Stadtskyline

Unzählige Theorien versuchen die Transformation(-en) von Religion in westlichen Gesellschaften zu beschreiben und zu analysieren. Viele von ihnen drehen sich insbesondere um folgende Begriffe: Säkularisierung, Individualisierung und Pluralisierung. Meistens verharren diese Theorien jedoch auf einer Makroebene und bleiben somit abstrakt. Was ihnen fehlt, ist eine Akteurenperspektive, die sich mit dem Individuum und seiner Religiosität befasst. Wie transformiert sich Religiosität heutzutage im individuellen Lebensverlauf? Worauf sind diese Transformationsprozesse zurückzuführen? Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Wandel dabei?

Die qualitative Forschung wird im Großherzogtum Luxemburg durchgeführt. In diesem katholisch geprägten Land sind seit einigen Jahrzehnten Entwicklungen zu beobachten, die häufig unter dem Begriff Säkularisierung zusammengefasst werden: einerseits sinkt die (öffentliche) religiöse Praxis und andererseits entfernen sich staatliche und religiöse Institutionen voneinander. Im Fokus der Untersuchungen liegen die sogenannten „Jungen Alten“ (60- bis 69-Jährige); eine Altersgruppe, die stetig anwächst und somit zunehmend prägend für die Gesellschaft wird.

Die biografischen Erzählungen werden mithilfe narrativer Interviews erfasst. Zu deren Erhebung und Auswertung wird auf die Grounded Theory Methode zurückgegriffen. Diese Methodik kennzeichnet sich durch ihren kreativen und zyklischen Charakter aus. Das ständige Hin- und Herpendeln zwischen unterschiedlichen Forschungsphasen erlaubt einen offenen Forschungsablauf sowie den frühen Beginn der Theorieentwicklung.

Das Forschungsprojekt startete im Sommersemester 2020 und ist für einen Zeitraum von vier Jahren angelegt.  

Muslimische Online-Plattformen und Aushandlungsprozesse des Selbst

Rosa Lütge, Dissertationsprojekt

Frühstück, Medienobjekte
pixabay

Das Projekt beschäftigt sich mit verschiedenen muslimischen Online-Plattformen, in denen es um Lifestyle, Empowerment und Inspiration geht. Zielgruppe dieser Blogs, Magazine, Social-Media-Kanäle usw. sind meist junge Muslim*innen auf der ganzen Welt, aber vor allem in den USA und Europa.

Die Themen drehen sich von Elternschaft, über Reisen, Beauty, Fitness und Self-Care zu Fragen muslimischer Communities, der Religiosität des Individuums und Diskriminierung und Marginalisierung. Gleichzeitig sind Muslim*innen in den klassischen Medien wenig oder stereotyp repräsentiert und Online-Spaces, wie Blogs und Social-Media Plattformen bieten die Möglichkeit zu Partizipation, Sichtbarkeit und Vernetzung.

Ziel ist es die Darstellungen des Selbst und die dabei entstehenden intersektionalen Aushandlungen von Geschlecht, Religion, Emotionen, Autorität und Konsum zu untersuchen. Was zeichnet das hier entworfene Bild des Selbst aus? An welchen Schnittstellen moderner Identitäten befindet es sich? In welcher Form findet Widerstand gegen hegemoniale Diskurse statt? Wie wirken sich moderne Diskurse um Selbstführung und -optimierung aus und welche Rolle spielt dabei Religion?

Dies soll Aufschluss über gesellschaftliche Transformationsprozesse durch digitale Kulturen und die Verflechtungen von neoliberalen Selbstführungstechniken, Sichtbarkeit und Empowerment marginalisierter religiöser Gruppen geben.

Between Mind and Subtle Body. The Mutual Exchange and Integration of Yoga and Psychotherapy

Raphael Mousa, Dissertationsprojekt

Trisul

Das Yoga und die Wissenschaft der Psychologie stehen seit über hundert Jahren in einer Beziehung von intensivem transkulturellem und interdisziplinärem Austausch. Dieser hat das moderne Yoga, ebenso wie viele psychotherapeutische Schulen, enorm geprägt. Aus diesem Austausch heraus entwickeln sich, besonders seit den 2010ern, neue therapeutische Ansätze, welche Yoga und Psychotherapie miteinander kombinieren und integrieren. Insbesondere die Idee des subtilen Energiekörpers mit den Chakras (Energiezentren) aus dem Yoga wird in dieser "Yoga-Psychotherapie" oft als Projektionsfläche für psychologische Konzepte (wie Entwicklungsstufen, Archetypen und emotionale Prozesse) genutzt, um den cartesianischen Dualismus von Körper und Geist zu überwinden. Yoga gehört heute generell zu den meistgenutzten alternativen und komplementären Methoden in der Behandlung psychischer und psychosomatischer Leiden.


In diesem Dissertationsprojekt werden sozio-kulturelle Dynamiken in der Aushandlung und Transformation von Konzepten und Praktiken zwischen Yoga und Psychologie untersucht: Primär in der Bildung der jungen hybriden Disziplin der Yoga-Psychotherapie, anhand ethnographischer Forschung an entsprechenden Lehr- und Therapie-Instituten in Deutschland und Indien; aber auch im historischen Austausch von Yoga und Psychologie, der den Kontext und Ursprung dieser neuen therapeutischen Ansätze darstellt, anhand von Literaturanalyse. Somit fällt dieses Projekt sowohl in den Bereich der medizinanthropologischen Forschung zur Transformation von Konzepten von Körper und Geist in Wissenschaft, Religion und neuen Therapieformen, als auch in das interdisziplinäre, aufstrebende Feld der Modern Yoga Studies, welches das moderne Yoga als transkulturelles Produkt der letzten 150 Jahre untersucht.

 

Selbstnormalisierung und -normierung durch Authentizitätsansprüche. Bedeutung von und Umgang mit der Manifestationspraxis in (neo-)charismatisch-evangelikalen Gemeindezentren in Süddeutschland

EJ Tolksdorf, Dissertationsprojekt

Gottesdienst

Die (neo-)pfingstlich-charismatisch-evangelikale Bewegung gehört weltweit zu den christlichen Bewegungen, die besonders dynamisch sind und stark wachsen. Durch die Popularisierung dieser Bewegung sind ihre modernen Evangelisations- und Marketingstrategien Vorbilder für Religionsgemeinschaften geworden, die Mitgliederverluste verzeichnen (siehe z.B. Baumann-Neuhaus 2008, Freudenberg 2017).

In Deutschland gehört diese Bewegung insgesamt zu einer aufstrebenden christlichen Minderheit, die sich u.a. als „überkonfessionell“ versteht. Damit die freikirchlich organisierten Gemeinden und Netzwerke stärker wachsen können, versuchen sie aktiv gegen die stigmatisierende Fremdwahrnehmung als fundamentalistische „Sekte“ vorzugehen.

Die ethnografische Studie nimmt drei freie christliche Gemeindezentren in Südwestdeutschland in den Blick, die jeweils ca. 300─6.000 Gottesdienstbesuchende am Wochenende zählen und überregional sowie international vernetzt sind. Es werden ca. 45─50 Interviews mit Leitenden, Mitarbeitenden und Mitgliedern ausgewertet. Ebenso werden Teilnehmende Beobachtungen verschiedener Veranstaltungsformate, Literaturen und Medien der Gemeinden mittels der Grounded Theory analysiert. Anhand dieser (Groß-)Gemeindefälle wird nach der Bedeutung von und den Umgang mit der Manifestationspraxis gefragt. Damit ist jene körperlich-emotionale christliche Praxis gemeint, die aus emischer Perspektive als sichtbare oder spürbare Erfahrungen mit unsichtbaren übernatürlichen Kräften (Heiliger Geist, Dämonen etc.) verstanden werden: Umfallen, Lachen, Weinen, Zittern, wie betrunken wirken, Hüpfen, sich auf dem Boden winden, Schreien, Tierlaute etc.

Am Beispiel des regulierenden Umgangs mit Manifestationspraktiken wird der selbstnormalisierende und selbstnormierende Umgang mit christlich-charismatischer Körperlichkeit und Emotionalität aufgezeigt. Dieser kann so weit gehen, dass Manifestationspraktiken aus dem Gemeindeleben komplett ausgeschlossen werden. Diese bisher von der Religionsforschung nicht beachtete Normierung und Normalisierung von religiöser Praxis lässt sich mit den bisherigen Theorieansätzen nicht erklären. Das Projekt nimmt daher glokale Authentizitäts- und Autoritätskontroversen in den Fokus, die u.a. im Zuge von Torontosegenbewegung, heilungsevangelistischen Großveranstaltungen und neuen marktorientierten Megachurchformaten aufgekommen sind. Dabei wird an empirischen Beispielen aufgezeigt, dass diese Diskurse einen normierenden und normalisierenden Effekt auf die Gemeinden ausgeübt haben. Welche Folgen hat die Normierung für das Selbstverständnis? Wie gehen Langzeitmitglieder mit dieser Normierung um? Entstehen neue Vergemeinschaftungsformen?

Das Dissertationsprojekt kann darüber hinaus einen Beitrag zu Debatten um die (De-)Stigmatisierung, (De-/Re-)Charismatisierung, Ver-/Entalltäglichung, Subjektivierung und Selbstoptimierung von Religion im Zeitalter des neoliberalen Kapitalismus liefern.