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Geschichtsschreibung von Philosophie und Einzelwissenschaften

Teilprojekt a: Begriffsgeschichte und Einzelwissenschaften

Dieses Projekt analysiert und verteidigt die Bedeutung, die begriffsgeschichtlicher Sachkenntnis in den Einzelwissenschaften zukommt. Diese Kenntnis ist sowohl von intrinsischem als auch instrumentellem Wert, denn sie erlaubt es, die innere Dynamik dessen, was man als Wissenschaftler macht, besser zu verstehen und gegebenenfalls aktiv zu beeinflussen.

Egal ob Beschreibung, Messung, Rechnung oder Simulation: immer geht es darum, Dinge vor einem begrifflichen Hintergrund und in einem bestimmten Vokabular darzustellen und zu diskutieren – sei es, wenn man Hypothesen oder Theorien aufstellt, Experimente analysiert u.v.m. Sich der Entstehung und auch anhaltenden Dynamik eines solchen Hintergrunds und Vokabulars bewusst zu sein, kann helfen, die eigene Disziplin voranzutreiben, u.a. indem man an entsprechenden Stellen die relevanten kritischen Fragen stellt. Dies ist wichtig, um beispielsweise in den Naturwissenschaften gegen Rückschläge und unerwartete Neuerungen in Experiment und Theoriebildung gewappnet zu sein. Außerdem ist es wichtig für den Austausch nicht nur mit Kollegen, sondern auch in breiteren gesellschaftlichen Kontexten. Gerade in Zeiten der sogenannten Digitalisierung, wenn Informationen und Fehlinformation immer leichter zugänglich werden und wenn Wissenschaftler immer nachdrücklicher aufgefordert werden, sogenannte Drittmittel zu akquirieren und sich an Wissenschaftspopularisierungen zu beteiligen: gerade dann kann ein solides begriffsgeschichtliches Hintergrundwissen eine wichtige Basis bilden für ein kritisches Bewusstsein, bei dem es mehr um Angemessenheit, Realitätsfähigkeit und Zuverlässigkeit geht als um Form, Dogmen und zeitlose Gültigkeit.

Publikationen zum Thema:

Teilprojekt b: Geschichte des Materiebegriffs und historisch-relatives Apriori in der Physik (abgeschlossen)

Dieses Projekt behandelt historisch-systematische Verbindungen von gegenwärtigen Ansätzen aus der Physik mit einzelnen naturphilosophischen Ansätzen aus der frühen Neuzeit und der klassischen deutschen Philosophie. Den Hauptgegenstand der Untersuchung bilden der Materie- und der Feldbegriff.

Für die Epoche der frühen Neuzeit werden aktuelle feldmetaphysische Interpretationen von Spinozas Ethik kritisch eingeordnet und auf die Verbindungen hin untersucht, die diese mit der innerphysikalischen Suche nach einer vereinheitlichten Feldtheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben. Ausgehend von Leibniz' Physik (Dynamik) und daran anknüpfenden Arbeiten von Weyl wird ausserdem die Bedeutung und Entwicklung des modernen Holographie-Begriffs für eine Theorie der Quantengravitation diskutiert.

Für die Epoche der klassischen deutschen Philosophie werden vergleichende Studien zum Raum-, Zeit-, Materie- und Kausalitätsbegriffs bei Kant, Fichte und Schelling angestellt. Neben dem Anschluss an die gegenwärtige Physik geht es hier um die philosophische Rezeption dieser Autoren im vergangenen Jahrhundert – insbesondere bei Peirce, Whitehead, Cassirer, Weyl, von Weizsäcker und Friedman.

Insgesamt arbeitet das Projekt auf eine Form historischer Dialektik hin, die – statt Letztbegründungsansprüche zu erheben – sich am Begriff eines "historisch relativen Apriori" (Friedman) orientiert und den zeitlichen Wandel der theoretischen und formalen Voraussetzungen von Ansätzen in der Physik untersucht. Beim Materiebegriff zeigt sich eine solche Dialektik als das geschichtliche Hin-und-Her zwischen den Versuchen, Materie ganz in die Raumzeit bzw. deren Geometrie aufzulösen, und den Versuchen, sie als einen "Agenten" zu begreifen, der Wirkungen in der Raumzeit hervorruft.

Publikationen zum Thema:

  • N. Sieroka (2020): Unities of Knowledge and Being – Weyl’s Late “Existentialism” and Heideggerian Phenomenology. In: Phenomenological Approaches to Physics (Synthese Library Series), ed. by H.A. Wiltsche and P. Berghofer. Springer-Verlag, Dordrecht, S. 107-122.
  • N. Sieroka (2019): Neighbourhoods and Intersubjectivity: Analogies between Weyl's Analyses of the Continuum and Transcendental-Phenomenological Theories of Subjectivity. In: Weyl and the Problem of Space: From Science to Philosophy (Studies in History and Philosophy of Science), ed. by J. Bernard and C. Lobo. Springer-Verlag, Dordrecht 2019, S. 99-122.
  • N. Sieroka (2018): Theoretical Construction in Physics. Studies in History and Philosophy of Modern Physics Physics 61, pp. 6-17.
  • N. Sieroka (2017): Schellingsches Natur- und Materieverständnis im und um das 20. Jahrhundert. In: Fichte und Schelling: Der Idealismus in der Diskussion, Bd.III (Acta des Brüsseler Kongresses 2009 der Internationalen J.G. Fichte-Gesellschaft), ed. by T. Grohmann, L. Held and J.-C. Lemaitre. EuroPhilosophie Éditions. Online available
  • N. Sieroka (2016): Retrospective Analogies: Means for Understanding Leibniz's Metaphysics. In: "Für unser Glück oder das Glück der Anderen" (Vorträge des X. Internationalen Leibniz-Kongresses), ed. by W. Li. Olms, Hildesheim 2016, Band IV, S. 285-299.
  • N. Sieroka (2015): Transzendentale Naturlehre im Zeitalter von Relativitätstheorie und Quantenmechanik: Neuinterpretationen von Raum, Zeit und Kausalität durch Cassirer, Medicus und Weyl. In: "Natur" in der Transzendentalphilosophie, ed. by H. Girndt. Duncker & Humblot, Berlin, pp. 431-446.
  • N. Sieroka (2015): Some Remarks on the Historical Origin and Current Prospects of Holography. In: Proceedings of the Thirteenth Marcel Grossmann Meeting on General Relativity, ed. by R.T. Jantzen, K. Rosquist und R. Ruffini. World Scientific, Singapur, pp. 2242-2244.
  • N. Sieroka, E.W. Mielke (2014): Holography as a Principle in Quantum Gravity? – Some Historical and Systematic Observations. Studies in History and Philosophy of Modern Physics 46, pp. 170-178.
  • N. Sieroka (2013): A Post-Kantian Approach to the Constitution of Matter. In: Objectivity after Kant: Its Meaning, Its Limitations, Its Fateful Omissions, ed. by G. Van de Vijer and B. Demarest. Olms, Hildesheim, pp. 41-55.
  • N. Sieroka (2010): Geometrization Versus Transcendent Matter: A Systematic Historiography of Theories of Matter. British Journal for the Philosophy of Science 61 (4), pp. 769-802.
  • N. Sieroka (2010): Umgebungen – Symbolischer Konstruktivismus im Anschluss an Hermann Weyl und Fritz Medicus. Chronos-Verlag, Zürich 2010.
    Rezensionen in: Studies in History and Philosophy of Science (44(1), 2013, P. Pesic), HOPOS (3(1), 2013, T. Ryckman)
  • N. Sieroka (2010): Spinozistische Feldmetaphysik und physikalisches Materieverständnis. Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 35 (2), pp. 105-122.
  • N. Sieroka (2009): Tobias Cheung, Res Vivens – Agentenmodelle organischer Ordnung 1600-1800 (Book Review). History and Philosophy of the Life Sciences 31 (3-4), pp. 477-478.

 

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    Aktualisiert von: J Ludwig