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Lehre

Wintersemester 2021/22

Quellen zur deutschen Geschichte

Digital Natives können sich wahrscheinlich kaum noch vorstellen, dass der Brief lange das einzige Medium war, mit dem Menschen unabhängig von Ort und Zeit miteinander kommunizierten. Dabei kommt in Briefen alles zur Sprache, was wir uns heute in Kurznachrichten mitteilen: Kommentare zum Zeitgeschehen oder Lesetipps ebenso wie Gossip oder Freundschaftsanfragen. Im Seminar beschäftigen wir uns anhand ausgewählter gedruckter wie ungedruckter Briefe mit dieser historischen Quellengruppe: Es geht sowohl um das Finden, Lesen, Beschreiben, Auswerten und Erschließen von Briefen als auch um deren Quellenwert für das „lange 19. Jahrhundert“. Das Seminar ist anwendungsorientiert, führt aber auch in methodische Fragen ein. Ziel ist es, Sie mit dem notwendigen Handwerkszeug für Historiker*innen vertraut zu machen sowie Ihnen Einblicke in die Briefkultur des 19. und 20. Jahrhunderts und darüber in die Themenvielfalt deutscher Geschichte zu vermitteln – um dann am Ende des Seminars ganz besondere Brieffunde zu entdecken.

Digitale Vermittlung und Erinnern

Die Corona-Pandemie hat bei vielen Gedenkstätten zu einem Schub in der Digitalisierung geführt. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg hat zum Beispiel digitale Formate sowie Vor- und Nachbereitungsmodule für einen Besuch entwickelt, die auch nach dem Ende der Pandemie die bislang buchbaren Bildungsangebote vor Ort nachhaltig ergänzen sollen. Im Rahmen des Seminars werden wir zu Proband*innen: Wir testen und evaluieren die in den vergangenen Monaten von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erarbeiteten Online-Bildungsformate für junge Erwachsenengruppen und analysieren sie aus Sicht der Public History. Sofern es die pandemische Situation zulässt, besuchen wir die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, um zu erproben, welche zu vermittelnden Inhalte durch einen digitalen Ortsbesuch und welche durch einen „physischen“ Besuch des historischen Orts zu einer nachhaltigeren Lernerfahrung beitragen. Ziel des Seminars ist es, sich den Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation für die Gedenkarbeit und die Erinnerungskultur anzunähern.

Jüdische Geschichte und Public History

„Im Jahr 2021 leben Jüdinnen*Juden nachweislich seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands“, so steht es auf der Website des extra gegründeten Vereins, der unter der Dachmarke #2021JLID die Jubiläumsfeierlichkeiten bundesweit koordiniert. Ziel sei es, jüdisches Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. Am Beispiel ausgewählter Orte und Veranstaltungen betrachten wir, was und wie überhaupt gefeiert wird. Dabei werden wir auf Schlüsselmomente der deutsch-jüdischen Geschichte eingehen und den Blick auch auf das 60-jährige Synagogen-Jubiläum der Jüdischen Gemeinde Bremen richten. Wir fragen nach Gegenwartsbezügen und Geschichtstraditionen und untersuchen Narrative und Vermittlungsdiskurse verschiedener Akteur*innen und Institutionen. Ziel dieses Master-Seminars ist es, das Festjahr 2021 als Gegenstand der Public History zu analysieren und Jüdische Geschichte als Geschichte in der Öffentlichkeit zu begreifen.

Archiv

Doing Public History

Welche beruflichen Möglichkeiten gibt es für Geschichts-Studierende jenseits von Universität und Schule? Was können sie bereits während des Studiums tun, um danach ihren Traumjob als Rechercheur*in, Redakteur*in oder Referent*in zu bekommen? Diese und andere Fragen rund um die Themen Praxis- und Berufsorientierung für Historiker*innen diskutieren Sie mit Vertreter*innen verschiedener Arbeitsfelder. Die Praktiker*innen aus Bremen, Hamburg, Lübeck und Berlin erzählen von ihren Berufswegen und ermöglichen Ihnen Einblicke in so unterschiedliche Arbeitsfelder wie Archiv, Agentur, Gedenkstätte und Museum. Alle Interessierte sind willkommen, auch zu einzelnen Sitzungen. Wir informieren Sie auf unserer News-Seite wöchentlich über die einzelnen Veranstaltungen.

Was ist Oral History?

Oral History-Interviews sind audio- oder audiovisuelle Befragungen oder Gespräche mit Zeitzeug*innen, bei denen das subjektive Erleben der Menschen im Vordergrund steht. Oral History ist eine Methode, die sich in der deutschen Geschichtswissenschaft mittlerweile einen Platz erkämpft hat. Die Public History verwendet Oral History-Interviews nicht nur als Quelle, sondern nutzt sie auch für die Vermittlungsarbeit. Hierfür produzieren Public Historians ihre Quelle mitunter selbst – eine Vorgehensweise, die die Kritik an der „Erfahrungswissenschaft“ (Alexander von Plato) erneut aufleben lässt. In der Blockveranstaltung lernen Sie nach einer theoretischen Annäherung verschiedene Oral History-Projekte kennen; dabei liegen die thematischen Schwerpunkte auf der Industriekultur des Ruhrgebiets und der Solidarność-Bewegung.

Bahlsen, Oetker und Co.

Der Umgang von Unternehmen mit ihrer Vergangenheit ist bis heute nicht immer offen und transparent, vor allem wenn es um Kriegswirtschaft, Zwangsarbeit oder „Arisierungen“ geht. Die Seminarteilnehmer*innen beschäftigen sich mit diesen Themen exemplarisch anhand mikrohistorischer Untersuchungen zu Familienunternehmen wie Freudenberg, Merck oder Oetker. Der Fokus der Veranstaltung liegt auf den Kontinuitäten und Brüchen mittelständischer Unternehmen mit ihrer NS-Vergangenheit seit 1945: Wie verlief die „individuelle Vergangenheitsbewältigung ökonomischer Eliten“ (Grieger 2019)? Wie sieht die Vergangenheitsbearbeitung der in der Regel inhabergeführten Unternehmen heute aus? Halten sie an Entlastungsnarrativen fest oder folgen sie einem kritischeren Gegennarrativ? Welche Unterstützung und Vermittlungsarbeit können dabei Historiker*innen leisten?

Was ist Public History?

Geschichte in der Öffentlichkeit boomt. Öffentliche Geschichtsdarstellungen in unterschiedlichsten Medien werden beobachtet und analysiert. Geht es um Geschichte in der Öffentlichkeit und für die Öffentlichkeit, hat sich international die Bezeichnung „Public History“ eingebürgert, in Deutschland wird äquivalent von „Angewandter Geschichte“ gesprochen, in Bremen von „Geschichte in der Öffentlichkeit“. Doch was genau wird mit diesen Begriffen eigentlich beschrieben? Die Seminarteilnehmer*innen fragen nach den zentralen Begriffen, Theorien und Methoden einer „Public History“, die sich als Subdisziplin der Geschichtswissenschaft versteht, und entwickeln diese für das „Bremer Modell“ weiter. Ziel des Seminars ist es, Theorien der „Angewandten Geschichte/Public History“ auf ihre Praxistauglichkeit hin zu untersuchen und die Studierenden darüber hinaus auf ihre Rolle als Vermittler*innen von akademischer Geschichtswissenschaft mit praxeologischer Geschichtsvermittlung vorzubereiten.

50 Jahre Universität Bremen

Aufbauend auf den vorangegangenen Seminaren zur 50-jährigen Geschichte der Universität Bremen im Jahr 2021 twittern die Seminarteilnehmer*innen in diesem eigenständigen Praxismodul Bremer Universitätsgeschichte(n). Nach einem Überblick zur Universitätsgeschichte und ihren Quellen und einer Einführung in autoChirp für Twitter werden Daten, Themen und Bilder für die Timeline zum Universitätsjubiläum ausgewählt. Ziel des Seminars ist es, gemeinsam eine Twitter-Timeline zu entwickeln, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Universität im Jubiläumsjahr genutzt werden kann. Darüber hinaus lernen die Student*innen, soziale Medien im akademischen Kontext anzuwenden, vertiefen dabei ihre Kompetenzen, Wissenschaftsgeschichte in die Öffentlichkeit zu vermitteln und erweitern ihr Wissen über die Geschichte der Universität Bremen.

Lernort Online-Archiv

Im Mai 2019 startete das Online-Archiv der Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten als International Tracing Service (ITS) im hessischen Arolsen eingerichtet, um die Schicksale von Verfolgten des NS-Regimes zu klären, hat sich die Einrichtung zu einem Dokumentations-, Informations- und Forschungszentrum zur Geschichte von NS-Verfolgung, NS-Zwangsarbeit und der Shoah entwickelt und gehört seit 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Heute werden aus den Dokumenten alle Inhalte erfasst, die für Suche, Dokumentation, Forschung und Bildung interessant sein könnten – bei rund 30 Millionen Originaldokumenten eine gigantische Aufgabe. Anhand von Listenmaterial aus Konzentrationslagern werden im Seminar Schicksale von NS-Verfolgten recherchiert und Vermittlungstools entwickelt, die einer breiten Öffentlichkeit Möglichkeiten des aktiven Gedenkens bieten. Ziel des Seminars ist es, Wissen über NS-Verfolgung in die heutige Gesellschaft zu bringen und einen Beitrag zu den aktuellen Debatten um Erinnerung und Rassismus zu leisten.

Aktualisiert von: Anna Leinen