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Golfstaaten reformieren Berufsbildungssysteme mit der Unterstützung von Bremer Uni-Forschern

Oman und Bahrain kooperieren eng mit dem Institut Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen / Auch die anderen Golfstaaten entscheiden sich für den deutschen, arbeitsprozessorientierten Ansatz bei der beruflichen Ausbildung

Nr. 175 / 31. Mai 2013 SC

Sie möchten ihre Berufsausbildungssysteme nach deutschem Vorbild ausbauen und setzen dabei auf die Zusammenarbeit mit dem Institut Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen, eine der größten universitären Forschungseinrichtungen für Berufsbildung in Europa. Den Vorstoß machte 2005 der Oman, im vergangenen Jahr kam Bahrain dazu, und nun folgte die Anfrage der Vereinigten Arabischen Emirate (UAE). Alle diese Staaten gehören dem Golfkooperationsrat (Gulf Cooperation Council, GCC) an. Die Regierungen dieser Länder sehen die Reform ihrer Berufsbildungssysteme als eine vorrangige Aufgabe an.

Die im internationalen Vergleich mit rund 8 Prozent geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland, die Flexibilität unserer Wirtschaft, die gute Qualität der hiesigen Arbeit und Produkte – einer der wesentlichen Gründe dafür liegt im Berufsausbildungssystem. Die Kombination der theoretischen Ausbildung und der praktischen Lehre im Betrieb sowie die Orientierung an den Geschäfts- und Arbeitsprozessen haben sich bewährt, und so bauen immer mehr Länder auf eine derartige Qualifikation ihres Nachwuchses.

Inzwischen ist das deutsche System ein Exportschlager. Länder wie Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, Dänemark, die Niederlande, Österreich, die Schweiz und China wenden es an, und künftig auch die Golfstaaten. Angesichts der abnehmenden Erdölreserven und der Aufbaupläne für die Industrie ist die Berufsbildung dort ein hoch gehandeltes, politisches Thema. Unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und mit Hilfe des ITB sollen nun unter anderem Standards für die Berufsausbildung (Berufsprofile, Curricula) sowie Bewertungs- und Qualitätssicherungssysteme (Assessment, Tests) entwickelt werden. Ob Berufsbilder, Lehrpläne oder Prüfungen, sie müssen den jeweiligen Bedürfnissen und Arbeitsmärkten vor Ort angepasst und entsprechende Einrichtungen aus- oder aufgebaut werden.

Anders als „englisch“: Ganzheitlich ausbilden und dabei an Arbeitsprozessen orientieren

Weltweit dominieren bei den Berufsbildungssystemen zwei verschiedene Ansätze: Das angelsächsische Konzept des „Competency Based Training“ (kompetenzbasierte Qualifizierung), wie es unter anderem in den Australien praktiziert wird, ist modular aufgebaut. In relativ kurzer Zeit werden in kleinen Einheiten, den Modulen, Personen für die Wahrnehmung relevanter Aufgaben qualifiziert. Ändern sich die Anforderungen im Betrieb und sind andere Kompetenzen gefragt, lassen sie sich ergänzend über weitere Trainingseinheiten vermitteln.

Das deutsche System mit seiner mehrjährigen dualen Ausbildung in Schule und Betrieb verfolgt einen systemisch-ganzheitlichen, beruflichen Ansatz und orientiert sich dabei an den Arbeitsprozessen. Die Auszubildenden erhalten einen Überblick über komplexe Fachgebiete mit tiefen Einblicken in die Praxis und Übungsmöglichkeiten. Auf dieser Wissens- und Erfahrungsbasis sind sie später im Berufsleben flexibel einzusetzen und können sich schnell in neue Themen ihres Fachgebietes einarbeiten.

Unter der Führung von Prof.Dr. Georg Spöttl hat sich das ITB zu einer der international führenden Organisationen entwickelt, die den arbeitsprozessbasierten Ansatz (WPA – Work Process Analysis) zur Gestaltung von Berufsbildern und Curricula einsetzt und Partner in aller Welt bei der Einführung dieses Ansatzes wissenschaftlich unterstützt. „Berufsbildung in modernen Berufen muss die Auszubildenden auf hohe Komplexität, schnelle Veränderungen und hohe Qualitätsanforderungen am Arbeitsplatz vorbereiten“, sagt Spöttl, Leiter der ITB-Abteilung „Arbeitsprozesse und berufliche Bildung“. Das gelingt, indem in der Ausbildung die Arbeitsprozesse in das Zentrum gestellt werden.

Langjährig gewachsene ITB-Zusammenarbeit mit Oman sorgt für Initialzündung am Golf

Schon seit 2005 kooperiert das ITB erfolgreich mit dem Oman. Hier ist die Reform des Berufsbildungssystems, festgelegt in der "Vision 2020" der omanischen Regierung „für die Förderung des Landes zur Entwicklung der Humanressourcen“, bereits vorangeschritten und war für Bahrain ein Beispiel. Auf Anregungen der omanischen Regierung unterstützt der Golfkooperationsrat die Reform der Bildungssysteme seiner Mitgliedstaaten nach deutschem Vorbild sowie die Zusammenarbeit mit dem ITB und der GIZ.

Der Oman hat inzwischen eine Einrichtung aufgebaut, die von ihren Aufgaben im arabischen Sultanat her mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zu vergleichen ist und dort im Auftrag der Regierung künftig alle Berufsausbildungsfragen koordinieren soll. Es ist das nationale Zentrum für die Entwicklung der Berufsbildungsstandards und -prüfung (OSTC). Ein umfassender Katalog von Berufsbildern und zahlreiche Curricula sind inzwischen erstellt, und das Land schreitet voran bei der Umsetzung. Das ITB unterstützt auch den weiteren Aufbau dieser Einrichtung.

Dr.Mohamad Al-Najjar vom omanischen Arbeitsministerium, OSTC-Direktor und Leiter der Oman-Delegation: „Wir brauchen Facharbeiter in Industrie und Handwerk und wollen unsere Jugend selbst und bestmöglich ausbilden. Dafür brauchen wir ein anpassungsfähiges System mit klar definierten Qualifikationsstandards.“ Sein Mitstreiter Said Alhadhrami, Bildungsexperte der Regierung, sieht unter anderem das Einbinden der Wirtschaft als wichtige Aufgabe an. „Auch da schauen wir auf die reiche Erfahrung und die lange Geschichte des deutschen Systems. Es gewährleistet hohe Standards, eine hohe Ausbildungsqualität und Flexibilität. Es gilt als das beste in der Welt, und daran orientieren wir uns.“

Neuer Kooperationspartner Bahrain hat Vorbildfunktion für die ganze Golfregion

Obwohl von deutscher Technik, der Qualitätsarbeit und der Zusammenarbeit mit deutschen Experten begeistert, hatten einige der Golfstaaten lange Zeit auf das englische Qualifizierungsmodell gesetzt. Mit dem Blick auf die sich verändernden wirtschaftlichen Bedingungen in den eigenen Ländern, den Anforderungen des Weltmarktes sowie auf die Nachhaltigkeit folgte eine neue Definition der Ziele. Damit ist das deutsche Berufsbildungssystem zunehmend in den Fokus gerückt und gilt rund um den Golf inzwischen als die bessere Lösung. Wegen des Mangels an eigenen Spezialisten müssen die Golfstaaten noch einen Großteil der erforderlichen, fachlich qualifizierten Arbeiten von ausländischen Fachkräften ausführen lassen. Das soll sich künftig ändern.

„Wir sind um die Welt gereist und haben uns in Großbritannien, Estland, Kanada, Singapur, Australien und in Deutschland informiert“, sagt Tawfeeq Majeed Mohamed Ali Alrayash, Ausbildungsbeauftragter des bahrainischen Arbeitsministeriums. Gemeinsam mit hochrangigen Vertretern aus der Wirtschaft, von Verbänden sowie mit einem Führungsgremium des omanischen Arbeitsministers war er im März zu einem zweiwöchigen Info- und Studienbesuch in Deutschland und am ITB. „Das deutsche Berufsbildungssystem ist das beste der Welt“, sagt er. Munther Almudawi, Leiter der bahrainischen Wirtschaftsförderung ergänzt, es sichere nicht nur eine umfassende, hochwertige Ausbildung und den späteren flexiblen Einsatz der Arbeitskräfte. Überzeugt hätten auch die Möglichkeiten, über verschiedene Wege individuelle Karrieren zu gestalten sowie die Anpassungsfähigkeit des deutschen Systems.

Der Bahrain hat den Umbau seines Berufsbildungssystems in sein Programm „Vision 2030“ aufgenommen und wurde vom GCC beauftragt, ein „Role Model“ zu entwickeln, also innerhalb der Golfstaaten eine Vorbildfunktion zu übernehmen. Mit einem Akademikeranteil von rund 80 Prozent ist der Ausbildungsstandard in Bahrain sehr hoch und lässt in diesem Bereich kaum Entwicklungsmöglichkeiten nach oben. Wie in den anderen Golfstaaten fehlt es jedoch an qualifizierten Kräften auf der nachgelagerten Ebene. Die Arbeiterinnen und Arbeitern kommen zumeist aus Indien, Pakistan, Bangladesch und anderen Ländern Asiens.

Ziel der Bahrainis sei es nun, erklärt Almudawi, den eigenen Nachwuchs fortan bestmöglich zu qualifizieren, zu fördern und die potenziellen Mitarbeiter vermehrt im eigenen Land heranzubilden, um so Fachkräfte für die Zukunft zu sichern. Dabei solle das Berufsbildungssystem aber auch für ausländische Auszubildende offen sein. „Auch Frauen werden selbstverständlich gleichberechtigt integriert“, ergänzt die Lehrerin Amal Al Awadhi, eine der fünf Frauen in der 12-köpfigen bahrainischen Delegation. „Allerdings haben wir da die gleichen Probleme wie Sie in Deutschland“, ergänzt sie. „Obwohl Frauen auch bei uns frei sind in ihrer Berufswahl und jede Ausbildung absolvieren können, entscheiden sie sich leider noch zu selten für die technischen Berufe.“

Spöttl: „Viele Partner involviert, aber die Macht liegt eindeutig bei den Unternehmen.“


Die Verknüpfung von Arbeiten und Lernen hat in Deutschland eine Tradition, die im Mittelalter gründet und als Teil deutscher Kultur zu sehen ist. Das im letzten Jahrhundert in Deutschland gewachsene berufliche Ausbildungswesen gilt als hervorragend. Eines der Erfolgsrezepte, aber auch eines seiner Probleme: Es bindet zahlreiche Beteiligte ein, ohne deren Engagement es nicht funktionieren würde, die Industrie, die Gewerkschaften, die Kammern und Verbände und den Staat. „Wobei die Machposition eindeutig bei den Unternehmen liegt, denn sie sind diejenigen, die einen großen Teil der Ausbildung übernehmen, die die Ausbildungsstellen anbieten müssen, und die die Ausbildungsverträge unterschreiben“, sagt Spöttl. Entsprechend haben die ITB-Kooperationspartner am Golf die Wirtschaft frühzeitig mit eingebunden. Die Bahrain-Delegation zum Beispiel setzte sich aus allen Interessensgruppen zusammen, wobei die Industrievertreter den stärksten Part ausmachten. Auch die omanische Regierung integriert die Wirtschaft zunehmend in den Umbau seines Berufsbildungssystems.

Berater der omanischen Regierung: „Das ITB leistet Großartiges auf diesem Feld.“

Während immer mehr Staaten den Wert des deutschen Berufsausbildungssystems erkennen, wird es hierzulande immer wieder infrage gestellt. Es sei aufwendiger und teurer als das englische, heißt es zumeist. „Was bei solchen Diskussionen vernachlässigt wird, ist die Nachhaltigkeit unserer prozessorientierten Berufsbildung. Sie versetzt die Unternehmen unter anderem in die Lage, auch kurzfristig und hochkompetent auf Entwicklungen reagieren zu können“, sagt Spöttl dazu. „Unterm Strich profitiert die Industrie. Der Einsatz rechnet sich, denn es ist ein entscheidender Faktor für die Wertschöpfung.“

Das hätten die Golfstaaten erkannt und wären letztlich auch deswegen umgeschwenkt, meint Dr. Gert Loose, Berater des omanischen Arbeitsministers. „Seine Zukunft sieht der Oman nach seinen Erfahrungen mit dem angelsächsischen Modell im zwar aufwendigeren, aber zukunftsfähigeren deutschen Berufsbildungssystem. Das ITB leistet hier Großartiges“, meint Loose und bezieht sich dabei sowohl auf die Forschungen der Bremer Wissenschaftler zur arbeitsprozessorientierten Berufsbildung als auch auf deren internationale Engagements.

(Sabine Nollmann)

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Weitere Informationen und Ansprechpartner:
Universität Bremen, (ITB)
Prof.Dr. Georg Spöttl
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