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Sprachwissenschaftlerin Dr. Reyhan ?ahin wird mit dem Deutschen Studienpreis ausgezeichnet

Dissertation über Bedeutung des muslimischen Kopftuchs ist an der Universität Bremen entstanden

Nr. 381 / 26. November 2013 KG

Für ihre Dissertation „Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland“ hat Dr. Reyhan ?ahin den Deutschen Studienpreis 2013 erhalten. Er zählt zu den höchstdotierten wissenschaftlichen Nachwuchspreisen in der Bundesrepublik Deutschland und wird von der Körber-Stiftung vergeben. Die Ausschreibung richtet sich an Promovierte aller wissenschaftlichen Disziplinen, die mit magna oder summa cum laude promoviert haben. Die Jury wählt exzellente wissenschaftliche Arbeiten aus, die eine besondere gesellschaftliche Bedeutung haben. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Reyhan ?ahin, die ihre wissenschaftliche Arbeit 2012 an der Universität Bremen abgeschlossen hat, erhielt einen der sechs zweiten Preise, die die Stiftung in diesem Jahr vergibt. Er wurde ihr gestern Abend in Berlin vom Schirmherrn des Deutschen Studienpreises, Bundestagspräsident Norbert Lammert, überreicht.

Zum Inhalt der Dissertation:

Dr. Reyhan ?ahin hat in ihrer Forschungsarbeit die erste empirische Studie zum kleidungssemiotischen Bedeutungsgehalt des aus muslimischen Motiven getragenen Kopftuchs bei jungen Frauen in Deutschland erhoben. Das Thema hat in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit sowohl medial als auch juristisch eine hohe Bedeutung, wissenschaftlich untersucht wurde es zuvor aber nicht. Für ihre Arbeit hat sie 30 Kopftuch tragende Musliminnen in Norddeutschland beobachtet, begleitet, interviewt, fotografiert und anonymisiert abgebildet. In der empirischen Studie werden die Frauen in all ihren Bekleidungs- und Lebensfacetten deskriptiv dargestellt. Die Eltern der Probandinnen stammen mehrheitlich aus der Türkei, Tunesien, Marokko, Palästina, Pakistan, Afghanistan und Indonesien. Ebenso wurden Konvertitinnen befragt. Unterschieden werden in der Arbeit auch die Motive von studierten und nicht studierten Kopftuchträgerinnen. Bindeweise des Kopftuchs, Kleidungsstil, Gesamterscheinung, Accessoires und vor allem der Zusammenhang von Bekleidung und religiöser Auffassung Kopftuch tragender Frauen finden in der Analyse Berücksichtigung. Überraschendes Ergebnis der theoretisch-kleidungssemiotisch fundierten Untersuchung ist die Herausarbeitung der Bedeutung des Kopftuchs als Emanzipationszeichen. Die Mehrheit der Frauen entfernt sich mit zunehmendem Alter von den traditionell muslimischen Auffassungen ihrer Eltern und legt den Islam nach Selbstreflexion neu für sich aus. Als stigmatisiertes Zeichen innerhalb Deutschlands kann das Kopftuch in Kombination mit hochmodischer und weiblich-attraktiver Bekleidung zum muslimisch-weiblichen Rebellionszeichen werden. Vor allem drückt es in dieser Funktion das Verständnis von Sexualität junger Musliminnen in Deutschland aus, das auf zwischengeschlechtlichen Gleichberechtigungsprinzipien basiert. Für die Kombination des Kopftuchs mit westlich-modischer Bekleidung hat Reyhan Sahin den Begriff des „vestimentären Mixing“ entwickelt und analysiert es als spezifischen Ausdruck der bilingual aufgewachsenen Postmigrantinnen und ihrer hybriden Individualität. Eine Unterwerfungsgeste an muslimisch-patriarchalische Strukturen konnte die Autorin nur bei einer kleinen Minderheit ihrer Probandinnen feststellen. „Mit meinen Forschungsarbeiten möchte ich einen wichtigen Beitrag sowohl für die Wissenschaft als auch für die Völkerverständigung in Deutschland leisten“, sagt Reyhan ?ahin.

Zur Person:

Die 32-Jährige ist in Bremen geboren und hat Allgemeine Sprachwissenschaften, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Universität Bremen studiert. Sie schloss ihr Studium 2005 im Fach Linguistik ab. Ihre Magisterarbeit mit dem Thema „Jugendsprache anhand der Darstellung der Jugendkultur Hip-Hop“ wurde in einer Anthologie im Brockmeyer-Universitätsverlag veröffentlicht. Danach promovierte sie im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften und stellte ihre Arbeit im Februar 2012 fertig. Ihr Doktorvater war Professor Wolfgang Wildgen. Die Arbeit wird Anfang nächsten Jahres als Buch im LIT-Verlag veröffentlicht werden. ?ahin ist seit Juni 2012 Post-Doc-Stipendiatin der Nachwuchsinitiative der Universität Hamburg und Mitglied des Research Center for Media and Communication (RCMC). Als nächstes Forschungsprojekt will sie die Selbstdarstellung und die Alltagspraktiken von jungen Musliminnen mit und ohne Kopftuch in Social Networks wie „facebook“ untersuchen.

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