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Team des SOCIUM bewertet neue Arzneimittel im Innovationsreport 2018

Mehr grüne Ampeln als in den Vorjahren vergab das Team um Versorgungsforscher Professor Gerd Glaeske und Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, im Innovationsreport 2018. Untersucht wurden 32 Arzneimittel, die 2015 auf den Markt kamen.

„In den vergangenen Jahren waren die Ergebnisse der Innovationsreporte eher deprimierend“, sagt Gesundheitswissenschaftler Professor Glaeske. „Dies hat sich nun erkennbar verändert.“ Der Experte führt das auch auf die Einführung des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) zurück, das eine Frühbewertung aller Arzneimittel verlangt, die zugelassen werden sollen. Die Bremer Studie ist eine Spätbewertung, in die Studienergebnisse, neue Erkenntnisse und Erfahrungsberichte zur Wirksamkeit von Therapien einfließen. Außerdem werden Verordnungsdaten von Versicherten der Techniker Krankenkasse, die Kooperationspartner ist, über zwei Jahre hinweg ausgewertet.

Rote, gelbe und grüne Ampeln

Die Ergebnisse der Einzelbeurteilungen werden durch Ampelfarben dargestellt. Eine grüne Ampel wird dann vergeben, wenn das neuartige Arzneimittel Vorteile bei Zusatznutzen und Wirtschaftlichkeit zeigt. Eine gelbe Ampel, wenn es zumindest Hinweise auf solche Vorteile gibt und eine rote Ampel, wenn sich keine der genannten Vorteile im Vergleich mit bereits verfügbaren Arzneimitteln zeigen.

Welche Arzneimittel wurden geprüft?

Der aktuelle Innovationsreport beleuchtet 32 neue Arzneimittel des Jahres 2015 auf dem deutschen Arzneimittelmarkt der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und unterzieht diese einer kritischen Bewertung. Seit Jahren liegt der Schwerpunkt der neu zugelassenen Arzneimittel auf der Behandlung von Krebserkrankungen, daneben auf Arzneimitteln zur Behandlung von chronischen Gelenkentzündungen (Rheuma), Multipler Sklerose und Schuppenflechte. Ein Drittel der analysierten Medikamente entfiel auf die Gruppe der Arzneimittel zur Behandlung seltener Krankheiten (so genannte Orphan-Arzneimittel), unter denen nach der europäischen Definition nicht mehr als fünf Menschen pro 10.000 Einwohnern leiden.

Ergebnisse des Reports:

Vier der 21 Nicht-Orphan-Arzneimittel erreichten eine grüne Ampel in der Gesamtbewertung. An drei der elf getesteten Arzneimittel für seltene Erkrankungen konnte ebenfalls eine grüne Ampel vergeben werden. Die steigende Vermarktung von Orphan-Arzneimitteln, die nur selten, aber zu sehr hohen Preisen verkauft werden können, ist auch im diesjährigen Innovationsreport zu erkennen. Für insgesamt sechs Arzneimittel wurden „Rote-Hand-Briefe“ verschickt. Sie weisen auf Nebenwirkungen hin, die erst nach der Zulassung bekanntgeworden sind. Für acht Arzneimittel wurden „Blaue-Hand-Briefe“ mit weitergehenden Informationen für Ärzte und Patienten verfasst. „Obwohl diese Maßnahmen zur Verbesserung der Therapiesicherheit nötig waren, wurden die Arzneimittel in Leitlinien empfohlen“, so Glaeske.

Sonderkapitel Alzheimerdemenz

Das Sonderkapitel des Innovationsreportes 2018 beschäftigt sich mit dem Krankheitsbild der Alzheimerdemenz und der aktuellen Arzneimittelbehandlung bei dieser altersbedingten neurologischen Erkrankung. Weltweit sind davon derzeit 15 Millionen Menschen vor allem in Gesellschaften längeren Lebens wie in den europäischen Ländern, in Japan, China, Kanada und den USA betroffen. Bis 2030, so die Prognose im Report, dürfte die Anzahl auf 75 Millionen Menschen ansteigen. Der Medikamentenmarkt würde dann jährlich um 17,5 Prozent wachsen. Entgegen diesem Trend beenden aber Pharmahersteller ihr Forschungsengagement nach jahrelangen Aktivitäten in diesem Bereich, weil die Rückschläge der vergangenen Jahre gezeigt hätten, wie wenig klar sich ein wissenschaftlich erfolgreicher Weg in der Arzneimitteltherapie finden ließe.

Menschenwürdiges Leben fördern

Derzeit, und dies zeigen die Auswertungen im Sonderkapitel des Innovationsreports 2018, werden den Menschen mit Alzheimerdemenz mehr beruhigende Psychopharmaka als Antidementiva verordnet. Dabei ist vor allem bei der Anwendung von Antipsychotika bei Menschen mit Demenz das erhöhte Risiko eines vorzeitigen Todes seit vielen Jahren bekannt. Solche Arzneimittel, zu denen auch noch Tranquilizer und Schlafmittel hinzukommen, stellen zwar die Menschen ruhig und bedeuten daher weniger Pflegeaufwand („sauber, satt und ruhig“), sie sind aber keine Mittel, die ein menschenwürdiges Leben für Alzheimerpatienten fördern. Hier sind andere Maßnahmen notwendig, wie eine aktivierende Pflege, mit der die Alltagsfähigkeiten dieser Patientinnen und Patienten möglichst lange erhalten bleiben sollen. „Eine Arzneimitteltherapie soll nutzen und nicht schaden – dies scheint aber bei der viel zu häufigen Anwendung von Neuroleptika für Menschen mit Alzheimerdemenz vergessen zu werden“, so die Kritik von Professor Gerd Glaeske.

Weitere Informationen:

http://www.socium.uni-bremen.de/

www.uni-bremen.de

Fragen beantwortet:

Prof. Dr. Gerd Glaeske
Co-Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege & Alterssicherung
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Universität Bremen
Tel.: +49 421 218 - 58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de
buero-glaeske@uni-bremen.de

 

Porträt eines Mannes
Gerd Glaeske, Professor am Zentrum fuer Sozialpolitik der Universitaet Bremen. Berlin, 18.09.2012. Copyright: Raphael Huenerfauth/ photothek.net [Tel. +493028097440 - www.photothek.net - Jegliche Verwendung nur gegen Honorar und Beleg. Urheber-/Agenturvermerk wird nach Paragraph13 UrhG ausdruecklich verlangt! Es gelten ausschliesslich unsere AGB.]