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Tierversuche in Forschung und Lehre

An der Universität Bremen werden Tiere zur Erforschung der systemischen Grundlagen von neuropsychiatrischen Erkrankungen, zur Diabetesforschung und zur Grundlagenforschung in der Hirnforschung genutzt. Hierbei handelt es sich um Mäuse, Ratten, Frösche und um Rhesusaffen (Makaken).

In der Öffentlichkeit werden Tierversuche kontrovers diskutiert und es kursieren oft Falschinformationen. Um dem entgegenzuwirken entsteht zurzeit diese Seite zu Tierversuchen an der Universität Bremen. Sie sollen Einblick geben in die Ziele, die Motivation und die Arbeit mit Tieren an dieser Wissenschaftseinrichtung. Aus aktuellem Anlass erhalten Sie hier zunächst Informationen zu den Tierversuchen in der Hirnforschung mit Rhesusaffen (Makaken). Alle weiteren Informationen folgen in den nächsten Wochen.

Universität Bremen ist Mitglied der Initiative „Transparente Tierversuche“ der DFG

Die Ständige Senatskommission für tierexperimentelle Forschung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat im Sommer 2021 die Initiative "Transparente Tierversuche“ begründet – gemeinsam mit der Initiative "Tierversuche verstehen" . Ziel ist die Förderung von Transparenz und offener Diskussion zur Forschung mit Tieren. Die Universität Bremen ist mit zahlreichen anderen deutschen Universitäten und nichtuniversitären Forschungseinrichtungen Mitglied dieser Initiative.

„Die Universität Bremen sucht nach Erkenntnisgewinn und Wissensvermittlung zum Nutzen aller Lebewesen und zum Schutz unseres Planeten. Dies ist auch auf absehbare Zeit nicht ohne Forschung und Lehre mit Tieren möglich. Denn nicht für alle Methoden gibt es Alternativen. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich dabei dem 3R-Prinzip – Replace (Vermeiden), Reduce (Verringern) und Refine (Verbessern) –  und hohen Standards für die Unterbringung der Tiere und die Durchführung experimenteller Prozeduren verpflichten.“

Professorin Jutta Günther, Konrektorin für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und Transfer

Informationen zur Hirnforschung an der Universität Bremen

An der Universität Bremen gibt es Grundlagenforschung mit Makaken im Bereich der Hirnforschung. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen dadurch verstehen, wie das Gehirn funktioniert.

Denn bislang kann die Wissenschaft nur sehr unzulänglich erklären, wie im Gehirn Wahrnehmung, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis entstehen. Dieses Wissen ist jedoch die Voraussetzung, um die vielfältigen, schweren Hirnerkrankungen, wie zum Beispiel die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Epilepsie, Demenz oder die zahlreichen psychiatrischen Erkrankungen in Zukunft besser behandeln zu können. Das Gehirn ist das komplexeste Organ und seine Funktionsweise bislang wenig verstanden.

Für viele wichtige Fragestellungen, wie zum Beispiel neuronale Mechanismen von Aufmerksamkeit, Verhaltensweisen und Gedächtnis, gibt es bislang  keine alternativen Forschungsmethoden zu Tierversuchen. Unsere Wissenschaftler:innen gehen dabei sehr verantwortungsvoll vor und unterliegen anspruchsvollen gesetzlichen Auflagen, die sie sorgfältig erfüllen.

Das Bild zeigt Makaken in ihrem Gehege am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen.
Das Bild zeigt Makaken in ihrem Gehege am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Forschende, Tierpfleger:innen und Tierärzt:innen achten auf eine artgerechte Haltung der Tiere, die in Gruppen leben. Die Mitarbeitenden sorgen bei den Makaken regelmäßig mit wechselnden Spielgeräten und einer Veränderung der Gehege für Abwechslung.

Regelmäßige Begutachtung

Alle durchgeführten Untersuchungen wurden bezüglich ihrer wissenschaftlichen Bedeutung und der zur Anwendung gebrachten Methoden und Verfahren durch die zuständige Behörde sowie die für Tierversuche zuständige Ethikkommission begutachtet und bewilligt und entsprechen in vollem Umfang den durch die EU Richtlinie 2010/63, dem Deutschen Tierschutzgesetz sowie der Deutschen Tierschutz-Versuchsverordnung spezifizierten Anforderungen. Die Tiere befinden sich in artgerechter Haltungen und werden täglich durch fachkundiges Personal bezüglich Gesundheit und Wohlbefinden in Augenschein genommen.

FAQs zur Hirnforschung an der Universität Bremen

An der Universität Bremen wird Grundlagenforschung mit Rhesusaffen (Macaca mulatta) im Bereich der Hirnforschung durchgeführt. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen dadurch die  physiologischen Grundlagen von Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen, perzeptuellen Entscheidungen und Wahrnehmung besser verstehen lernen. Das Wissen um die Physiologie von Verarbeitungsprozessen im gesunden Gehirn ist Voraussetzung dafür, die vielfältigen Formen von Erkrankungen und Beeinträchtigungen des Gehirns in Zukunft besser behandeln zu können. Das Gehirn besteht aus ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen, die in sehr komplexer Weise miteinander verschaltet sind. Derzeit ist wenig darüber bekannt, wie sich diese Zellen von Augenblick zu Augenblick zu unterschiedlichen funktionellen Gruppen verschalten, um die vielfältigen kognitiven Leistungen zu erbringen, die unseren Aktionen zu Grunde liegen.

Professor Andreas Kreiter und sein Team haben in den vergangenen Jahren wichtige Beiträge in Bezug auf die Beantwortung vieler hiermit zusammenhängender Fragen leisten können und ihre Forschungsergebnisse kontinuierlich in internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschriften publiziert. Hierzu gehören neben wichtigen Ergebnissen zum flexiblen Austausch von Information zwischen Nervenzellen in großen Nervenzellverbänden (z. B.https://doi.org/10.3389/fncir.2018.00071 und https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0689-20.2020) auch Arbeiten zur Nutzbarmachung neuer Messtechniken in medizinischen Zusammenhängen (z. B.https://rdcu.be/cl4g6, siehe auch Pressemitteilung Juni 2021: https://www.uni-bremen.de/universitaet/hochschulkommunikation-und-marketing/pressemitteilungen/detailansicht/hirnforschung-studie-zeigt-vorteile-neuer-multielektrodenmatte).

Es ist das Ziel der im Institut durchgeführten Untersuchungen, dass die erworbenen Grundlagenerkenntnisse auch direkt in die angewandte Forschung einfließen können, wo immer dies bereits heute erreichbar ist.

Grundsätzlich gilt: Im deutschen Tierschutzgesetz ist festgelegt, dass Tierversuche nur durchgeführt werden dürfen, wenn keine Alternativmethoden genutzt werden können. Die zuständige Behörde genehmigt einen Tierversuchsantrag nur dann, wenn Forschende den Nachweis erbringen können, dass das Forschungsvorhaben nicht ohne Tierversuche auskommt und der zu erwartende Nutzen des Experiments das mögliche Leiden des Tieres ethisch rechtfertigt. Einen besonderen Schutz durch das Gesetz genießen Primaten, für die spezielle, hohe Auflagen gelten und an denen nur dann Forschung durchgeführt werden darf, wenn dies mit Nicht-Primaten nicht möglich ist. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen dabei sehr verantwortungsvoll vor und unterliegen anspruchsvollen gesetzlichen Auflagen, die sie sorgfältig erfüllen.

Für die an der Universität Bremen mit Rhesusaffen durchgeführten Studien gibt es keine alternativen Forschungsmethoden zu Tierversuchen:

Eine häufige Behauptung ist, man könne die Physiologie des Gehirns im Computer nachbilden, um anschließend Forschung mit Hilfe von Simulationen zu betreiben. Nachbilden kann man jedoch nur, was man zuvor erforscht hat und bereits kennt. Um die physiologischen Prozesse des Gehirns nachzubilden, wäre eine vollständige Kenntnis der oben dargelegten Vorgänge erforderlich. Das ist derzeit genauso unmöglich wie beispielsweise das Universum dadurch zu erforschen, dass man es im Computer nachzubilden versucht. Die schiere Menge der Vorgänge im Universum, die man noch nie beobachten konnte und die Vielzahl der noch nicht verstandenen Vorgänge macht dies unmöglich. Gleiches gilt für die Erforschung des Gehirns, dass ein ähnlich komplexes und unerforschtes System darstellt.

Allerdings besteht ein wissenschaftlicher Ansatz darin, einzelne, eng definierte Prozesse zunächst experimentell zu erforschen, diese mathematisch zu erfassen und anschließend in einem Computer-Modell zu simulieren, mit dem weitere, bislang unerforschte Vorgänge modelliert werden. Die so erzielten Ergebnisse besitzen jedoch immer nur Gültigkeit im Rahmen der Beobachtungen und Annahmen, die in das Modell eingeflossen sind und müssen ihrerseits experimentell auf Gültigkeit im realen Gehirn überprüft werden. Solche Strategien werden in den Neurowissenschaften und auch am Institut von Prof. Kreiter und seiner Mitarbeiter:innen vielfältig verfolgt. Ein aktuelles Beispiel ist ein gerade von Fach-Gutachter:innen überprüfter und zur Publikation akzeptierter Artikel, der in Kürze erscheinen wird (Ernst, Bohnenkamp, Chao, Galashan, Wegener, "Dynamic divisive normalization circuits explain and predict change detection in monkey area MT", PLoS Computational Biology, in print). (Stand: November 2021)

Ein anderes herangezogenes Beispiel sind die Leistungen von sogenannten Deep Learning Networks, einem Zweig der KI-Forschung. Derartige Netzwerke können beeindruckende Leistungen im Bereich der Mustererkennung vollbringen. Diese Netzwerke sind durch Befunde aus den Neurowissenschaften inspiriert, jedoch bilden sie das Gehirn nicht nach. Dies wird zum Beispiel daran deutlich, dass die computergestützte Mustererkennung sehr rechen- und zeitaufwändig ist und erst nach Stunden Ergebnisse liefert, die das menschliche Gehirn innerhalb eines Wimpernschlags errechnet.

Für die am Institut untersuchten Fragestellungen gibt es keine technischen Ersatzmöglichkeiten und auch ist deren Untersuchung nicht in anderen Wirbeltieren möglich.

Die Gehirne von Wirbeltieren haben alle einen grundsätzlich ähnlichen Aufbau und verfügen über die gleichen Arten von Zellen, wie sie auch der Mensch besitzt. Das menschliche Gehirn ist weder in seinem Aufbau noch in seiner grundsätzlichen Arbeitsweise einmalig. Jedoch ist der Mensch zu kognitiven Leistungen imstande, die sich in dieser Form nicht bei allen Wirbeltieren finden lassen. Primaten hingegen sind ebenso wie Menschen primär visuelle Wesen, deren visuelle Wahrnehmung und Handlungsplanung auf zumindest ähnlichen, oft identischen, Prinzipien beruht wie beim Menschen. Daher können am Affengehirn kognitive Prozesse untersucht werden, die Aufschluss über ähnliche Prozesse im menschlichen Gehirn geben. Die Übertragbarkeit der Befunde ist vielfach bewiesen: Spiegelneuronen wurden zuerst im Affen entdeckt, bevor man sie aufbauend auf dieses Wissen auch im Menschen nachweisen konnte, zellphysiologische Grundlagen der Parkinson-Erkrankung wurden erstmals im Affen beschrieben ebenso wie die zeitlichen Muster, die mit bestimmten Wahrnehmungsprozessen einhergehen und bei Erkrankungen des Gehirns verändert sein können. Der oft populistisch verwendete Vorwurf der Nicht-Übertragbarkeit auf den Menschen zeugt im hohen Maße vom Nicht-Wissen über den Aufbau und die Funktion von Gehirnen. Er impliziert zudem den problematischen, anthropozentrischen Gedanken der Einmaligkeit des menschlichen Gehirns in Aufbau und Funktionsweise, für den es keinerlei wissenschaftlichen Nachweis gibt.

Unter dem Verweis auf den fehlenden Bezug zur Behandlung bzw. Therapie konkreter neurologischer Erkrankungen wird in der Öffentlichkeit oft behauptet, dass die am Institut für Hirnforschung durchgeführte Forschung nutzlos sei. Dabei wird ignoriert, dass es das Wesen von Grundlagenforschung ist und sein muss, Fragen zur Funktionsweise eines Organs oder eines physiologischen Prozesses abseits von konkreten anwendungsbezogenen Fragen zu adressieren. Mehrere Jahrzehnte Grundlagenforschung waren zum Beispiel erforderlich, um die komplexe Physiologie der Erregungsausbreitung am menschlichen Herzen zu verstehen, die es heute ermöglicht, eine Vielzahl von Herzerkrankungen zu behandeln und die einer Vielzahl von Menschen das Leben gerettet hat. Anwendungsbezogene Fragen können meist überhaupt erst adressiert werden, wenn die Grundlagenerkenntnisse soweit fortgeschritten sind, dass sie einen konkreten anwendungsbezogenen Ansatz ermöglichen. Der menschliche Körper ist extrem komplex und die heutige und die zukünftige Medizin hängt unmittelbar davon ab, die einer Krankheit zu Grunde liegenden Prozesse im Detail zu verstehen. Dieses Wissen zu liefern ist die Aufgabe der Grundlagenforschung.

Die Forschung an Primaten darf dabei den gültigen Gesetzen nach nur durchgeführt werden, wenn es hierzu für die Untersuchung einer bestimmten Fragestellung keine Alternative gibt – weder in Form eines tierversuchsfreien Ansatzes noch in Form eines Ansatzes, der zum Beispiel mit Mäusen oder anderen Nicht-Primaten durchgeführt werden könnte. Alle am Institut geplanten Versuchsvorhaben werden dabei nicht nur durch die für Tierversuche zuständige Genehmigungsbehörde geprüft, sondern insbesondere auch durch unabhängige Wissenschaftler:innen im Zuge der Vergabe von Forschungsmitteln und bei Einreichen von Manuskripten zur Veröffentlichung inhaltlich begutachtet. Die Arbeiten im Bremer Institut für Hirnforschung haben dabei zu einer Vielzahl von Publikationen in hochrangigen internationalen Fachzeitschriften geführt und werden vielfach in anderen, internationalen Forschungsarbeiten zitiert. Einen Überblick über einen Teil der Fragestellungen, die am Institut bearbeitet werden, gibt eine kürzlich erschienene Review (Kreiter AK, Current Opinion in Physiology, 2020, https://doi.org/10.1016/j.cophys.2020.08.008).

Im Tierhaus des Instituts werden derzeit 19 Makaken gehalten. Die Tierhaltung verfügt über großzügige Innen- und Außenbereiche und alle Tiere befinden werden täglich durch fachkundiges Personal bezüglich Gesundheit und Wohlbefinden in Augenschein genommen. Die Räumlichkeiten sind umfangreich mit sogenanntem Environmental Enrichment (Bereicherung des Lebensumfeldes durch artspezifisches Beschäftigungsmaterial oder Gruppenhaltung) ausgestattet. Hierzu gehören vielfältige Kletter- und Sprungmöglichkeiten, verschiedenartiges Spielmaterial, Bereiche zum Ausweichen und Verstecken ebenso wie verschiedene Fütterungstools. Die verantwortlichen Personen verfügen über langjährige Sachkunde, die gegenüber den zuständigen Kontroll- und Genehmigungsbehörden in Form entsprechender Dokumente und Zertifikate nachgewiesen ist. Die Haltungen und Labore an der Universität Bremen werden regelmäßig von externen Tierärzt:innen und der zuständigen Behörde kontrolliert. Der Kontrolle unterliegen alle mit den gesetzlichen Bestimmungen zusammenhängenden Faktoren, beispielsweise der Nachweis der Durchführung von Reinigungs- und Hygieneprozeduren, die Kontrolle der Tierhaltung inklusiver aller Haltungsaspekte (Luftaustausch, Temperatur, Licht, Geräuschlevel, Beschäftigungsmöglichkeiten etc.), die behördliche Inaugenscheinnahme der Tiere, der Nachweis der Tierversorgung und -gesundheit, die konkret durchgeführten experimentellen Prozeduren etc.

Alle experimentellen Methoden, die im Rahmen des Verhaltenstrainings und der Versuche durchgeführt und angewendet werden, sind schmerzfrei und beruhen strikt auf dem Prinzip der positiven Verstärkung (Positive Reinforcement). Die Tiere werden in vielen kleinen Schritten zunächst darauf trainiert, aus ihrem Gehege über einen von dort zugänglichen Käfig weiter in einen sogenannten Primatenstuhl zu steigen. Der Primatenstuhl ist ein fahrbarer Untersatz aus transparentem Plexiglas, in dem die Tiere aufrecht sitzen können und in dem ihr Körper ausreichend Platz zur Bewegung hat. Die Tiere stecken den Kopf durch eine Öffnung auf der Oberseite des Stuhles. Dieses erlernen sie, indem sie in einem mehrwöchigen Training langsam den Stuhl kennenlernen und für das zu erlernende Verhalten mit Obst oder Leckereien belohnt werden. Das Stuhltraining ist abgeschlossen, wenn die Tiere sich aus eigenen Stücken aufrecht in den Stuhl setzen und das Verkleinern der oberen Öffnung akzeptieren, ohne Anzeichen von Stress oder anderweitig auffälligem Verhalten zu zeigen.

Den Tieren werden anschließend – wieder in mehreren kleinen Schritten – die Räumlichkeiten sowie die Labore gezeigt und es wird ihnen ausreichend Zeit gegeben, sich umzuschauen und mit den Räumlichkeiten vertraut zu werden. Genauso wird mit dem Labor verfahren, in dem die späteren Messungen durchgeführt werden.

Zur Durchführung dieser Messungen ist es erforderlich, dass der Kopf des Tieres still ist. Aus diesem Grund wird er während der Versuche mit Hilfe eines Kopfhalters fixiert, der zuvor einmalig am Beginn der Untersuchungen unter Anästhesie implantiert wurde. Die Tiere werden auch an diese Prozedur langsam und behutsam gewöhnt. Für den Erfolg des Trainings ist es erforderlich, dass das Tier dem Trainer oder der Trainerin vollumfänglich vertraut und das Training schmerz- und stressfrei erfolgt. Die mit dem Training betrauten Mitarbeiter:innen des Instituts verfügen über langjährige und umfangreiche Sachkunde und wissen ihrerseits das Verhalten des Tieres genau zu interpretieren. Das Ziel dieses Trainings besteht darin, dass das Tier mit allen Details dieser Prozedur sowie auch mit der folgenden Messprozedur vertraut ist und keine Zeichen von Stress zeigt.

Da am Institut kognitive Prozesse des Gehirns untersucht werden, erlernen die Tiere Aufgaben, die z.B. Aufmerksamkeits- und Gedächtnisleistungen verlangen. Dies kann z.B. eine Aufgabe sein, innerhalb derer das Tier durch das Drücken eines Hebels die Aufgabe startet und seine Augen auf einen in der Mitte eines Bildschirms dargebotenen Fixationspunkt richtet. Anschließend werden Hinweisreize gezeigt, die dem Tier z.B. anzeigen, auf welchen Bereich des Bildschirms oder auf welche Art von Objekt es seine Aufmerksamkeit ausrichten soll. Im Anschluss erscheinen auf dem Bildschirm meist mehrere Objekte, von denen das Tier nur jenes beachtet, dass am zuvor angezeigten Ort oder welches zur zuvor angezeigten Objektklasse gehört. Dabei wendet es seine Augen nicht vom Fixationspunkt ab. Sobald das selektierte Objekt z.B. seine Farbe oder Orientierung ändert oder eine bestimmte Form annimmt, lässt das Tier den gedrückten Hebel los, um anzuzeigen, dass es diese Änderung registriert hat. Änderungen an anderen Objekten sollen ignoriert werden.

Diese Art von Versuchsdesign erlaubt es, neuronale Antworten sowohl für mit Aufmerksamkeit belegte als auch für ignorierte Objekte aufzunehmen, um so die mit Aufmerksamkeit einhergehenden Veränderungen in bestimmten Hirngebieten zu verstehen. Damit die Tiere solche Aufgaben erlernen können, müssen diese Aufgaben in viele kleine, aufeinanderfolgende Schritte unterteilt werden. Das Trainieren dieser Aufgaben beginnt mit einfachstem, natürlicherweise spontan auftretendem Verhalten wie dem Berühren einer Taste, das die Tiere im zeitlichen Abstand weniger Sekunden wiederholen können und wofür sie mit Flüssigkeit belohnt werden. Im Verlauf der folgenden Wochen wird die Aufgabe Schritt für Schritt modifiziert, zum Beispiel dahingehend, dass die Taste nicht nur berührt, sondern auch heruntergedrückt werden muss, oder immer dann heruntergedrückt werden muss, wenn auf einem Monitor ein grüner Punkt aufleuchtet, etc. Auf diese Weise können die Tiere über einen Zeitraum von vielen Monaten auch sehr komplexe Verhaltensaufgaben erlernen. Die Tiere bearbeiten die jeweilige Aufgabe an jedem Trainingstag so lange, wie sie möchten. Dabei lernen sie aufgrund ihres artspezifischen Verhaltensrepertoires rasch, während des Trainings so viel Flüssigkeit aufzunehmen, dass sie bis zum nächsten Mal gut versorgt sind.

Für die Durchführung der Untersuchungen ist es erforderlich, einen Kopfhalter und eine Vorrichtung für die eigentliche Messung der Nervenzellsignale (Ableitzylinder) nutzen zu können. Die dafür erforderlichen Operationen erfolgen unter Vollnarkose. Die Operation umfasst die Verankerung einiger kleiner medizinischer Schrauben (aus der Humanchirurgie), um die herum eine Basis aus medizinischem Acrylzement geformt wird, in die der Kopfhalter und zum Beispiel ein Ableitzylinder eingearbeitet werden. Um später feine Mikroelektroden einfahren zu können, wird innerhalb des Ableitzylinders, ebenfalls unter Vollnarkose, ein kleines Loch in den Schädel gebohrt. Die kleine Öffnung im Knochen wird mit Hilfe des Ableitzylinders stets steril verschlossen und bereitet dem Tier keine Schmerzen. Leichte Schmerzen können lediglich direkt nach der Operation auftreten und diesen wird durch vorsorgliche Gabe von Schmerzmitteln entgegengewirkt.

Die eigentlichen Untersuchungen erfolgen mit Hilfe von Mikroelektroden, die an ihrer breitesten Stelle ca. 1/10 Millimeter und an ihrer Spitze weniger als 1/100 Millimeter dick sind. Die Elektrodenspitze wird nah an eine Nervenzelle herangefahren. Die Wissenschaftler:innen können diese Platzierung vornehmen, indem sie die durch die Elektrode abgeleiteten Signale der Nervenzellen auf einem Bildschirm sichtbar und auf einem Lautsprecher hörbar machen. So können sie genau ermitteln, wann sich die Spitze der Elektrode in unmittelbarer Nähe eines Zellkörpers befindet. Sie nutzen dabei ihre Kenntnis über die verschiedenen, spezialisierten Gebiete des Gehirns, um Messungen in genau definierten Zielgebieten durchzuführen. Hierdurch kann zum Beispiel die Rolle dieses Zielgebietes bei Aufmerksamkeitsprozessen untersucht werden, oder welche exakten Veränderungen Aufmerksamkeit in den Aktivitätsmustern dieser Zellen verursacht. Für manche Fragen werden auch mehrere Elektroden gleichzeitig verwendet, um zum Beispiel die Kommunikation zwischen den abgeleiteten Nervenzellen zu studieren.

Da das Gehirn über keine entsprechenden Sinneszellen verfügt verursachen die Elektroden keine Schmerzen und sind für das Tier nicht wahrnehmbar. Dies weiß man auch von den Berichten von Patient:innen, bei denen ganz ähnliche Messungen neuronaler Signale im Zuge einer Operation zur Behandlung einer Parkinson- oder Epilepsieerkrankung durchgeführt werden.  Da es sich außerdem um sehr, sehr dünne Elektroden handelt, wird das Nervenzellgewebe auch nicht zerstört.

Im Laufe des Rechtsstreits um die Versuche mit den Makaken vor mehreren Jahren (Urteil des BGH im Jahr 2014) wurden mehrere Fachgutachten erstellt, die im Detail untersucht haben, ob und in welchem Maße die im Institut von Professor Andreas Kreiter durchgeführten Untersuchungen Leiden bei den Tieren hervorrufen. Das Ergebnis dieser Gutachten war übereinstimmend, dass die angewendeten Methoden die Tiere allenfalls mäßig belasten. Diese Einschätzung hat sich auch das Bundesverwaltungsgericht in seinem Urteil zu eigen gemacht. Eine aktuelle Untersuchung der über einen Zeitraum von mehr als 15 Jahren routinemäßig vorgenommenen veterinärmedizinischen Einschätzung der Versuchstiere sowie der von ihnen verfügbaren Blutproben, an der auch die betreuenden Tierärzte beteiligt wurden, bestätigt dies nachdrücklich (siehe: Wegener et al, eNeuro 2021 (https://doi.org/10.1523/ENEURO.0284-21.2021).

Im Zuge der Beantragung von Tierversuchen müssen die angewendeten Methoden und Verfahren hinsichtlich ihrer Belastung für das Tier eingeschätzt werden. Diese Einschätzung erfolgt nach objektiven Kriterien, die von Expertenkommissionen und Tierärzt:innen festgelegt wurden und zum Regelwerk der Verordnungen und Richtlinien gehören, die für die Bewertung von Tierversuchen zu Grunde gelegt werden. Entsprechend aller vorliegenden Gutachten und Regelwerke sind die an der Universität Bremen durchgeführten Versuche auf keinen Fall schwer belastend für die Tiere. Aus Gründen der Transparenz und Versachlichung der zum Teil höchst populistischen Diskussion um die hier beschriebenen Untersuchungen an Rhesusaffen wurden jüngst die veterinärmedizinischen Daten zu Blutwerten und Aufzeichnungen zu Verhalten und Erscheinungsbild der Tiere, die von unabhängigen Dritten vorgenommen wurden, ausgewertet und publiziert. Die Ergebnisse belegen eindeutig, dass die Tiere in sehr gutem gesundheitlichem Zustand sind und keine Anzeichen von erhöhtem Stress oder negativ veränderten Blutwerten aufweisen (Wegener et al., eNeuro, 2021).

Immer wieder wird der Vorwurf laut, dass die Makaken nicht genug Flüssigkeit bekommen. Ein Flüssigkeitsentzug im Sinne einer Versorgung unterhalb des physiologischen Bedarfs findet nicht statt. Richtig ist vielmehr, dass die Tiere einen erheblichen Teil ihres Flüssigkeitsbedarfs während der Durchführung von Verhaltensaufgaben erhalten, die Teil der wissenschaftlichen Untersuchungen im Institut sind. Dabei dient die Flüssigkeit als Feedback-Signal, das den Tieren Information darüber gibt, ob ihre Strategie, die Aufgabe zu lösen, richtig war. Je nach Vorliebe bekommen die Tiere hierbei entweder Wasser oder Fruchtsaft. Das Tier bestimmt den Umfang der Flüssigkeitsmenge, die es sich im Rahmen der Verhaltensaufgabe zuführt, selbst. Die Tiere können während der Durchführung der Verhaltensaufgabe Pausen machen, die Aufgabe wird erst beendet, wenn das jeweilige Tier eindeutig zu erkennen gibt, dass es kein weiteres Interesse mehr hat.

Es ist nicht das Interesse der Wissenschaftler:innen, dass die Tiere stark dursten. Vielmehr würde starker Durst bei den Tieren Stress induzieren und dazu führen, dass sie bei den Versuchen entweder gar nicht mitmachen oder viele Fehler machen würden. Dies wäre nachvollziehbarerweise nicht im Interesse eines Forschungsvorhabens. Wenn die Tiere nicht an einer Untersuchung teilnehmen (beispielsweise am Wochenende oder während zum Teil mehrmonatiger Pausen zwischen zwei Blöcken von Untersuchungen) werden ihnen großzügige Mengen verschiedener Sorten von Obst und Flüssigkeit zur Verfügung gestellt.

Die Makaken leben über viele (meist 10 bis 15) Jahrein der Haltung der Forscher:innen. Die Aufgaben, die sie für die Bearbeitung der Forschungsfragen erlernen (Aufmerksamkeits- und Gedächtnisaufgaben, die auch für menschliche Probanden eine Herausforderung darstellen), benötigen viele Monate des behutsamen Trainings, bevor eine Aufgabe so gut gelernt wurde, dass die damit verbundene Forschungsfrage konkret untersucht werden kann, sodass das Wohlergehen der Tiere für die Forschenden von zentraler Bedeutung ist. Wenn ein Tier ein hohes Alter (im Allgemeinen 15 bis 20 Jahre) erreicht hat, wird es eingeschläfert, um abschließende Untersuchungen an Hirngewebe vornehmen zu können. Diese abschließenden Untersuchungen sind für die Forschenden aus einer ganzen Reihe von Gründen wichtig und liefern unter anderem medizinische Hinweise, die es erlauben würden, ein gesundheitliches Problem in der angewendeten Methodik zu identifizieren und auszuschließen. Sie liefern außerdem wichtige Daten für andere wissenschaftliche Fragestellungen, was dazu beiträgt, die Gesamtzahl der wissenschaftlich genutzten Rhesusaffen zu reduzieren.

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