Zum Inhalt springen

Wintersemester 2016/17: Johnny Parry, "An Anthology of All Things"

Blumen nach dem Konzert für Johnny Parry (links) und Donna Lennard (rechts)
Partitur mit handschriftlichen Eintragungen der Dirigentin

Classic meets Singer-Songwriter

Johnny Parry hat für "An Anthology of All Things" 500 Textbausteine ("donations") im Rahmen eines Community-Projekts in seiner Heimatstadt Bedford von den Menschen, die dort leben, eingesammelt. Er hat zum Beispiel gefragt: “How do you address to your love?”, oder, an Kinder gerichtet: “What are your heroes?”, oder, gewandt an alte Menschen: “What comes to your mind when you think of the year 1942?” Mit viel Takt und einer Prise Humor schuf Parry aus den Antworten einen organischen und berührenden Text. Ein Video des 6. SatzesRomantic statementsin einer Aufnahme mit dem Bedford Community Choir aus dem Jahr 2012 vermittelt einen anschaulichen Eindruck.

Ursprünglich hatte Parry das Werk 2012 für Solosopran, Chor und kleines Kammerorchester komponiert und auf CD aufgenommen; die Kritikerin für klassische Musik der britischen Tageszeitung „The Guardian“, Imogen Tilden, hat dieses Album als eines der 10 besten Alben des Jahres 2014 klassifiziert. Eigens für Orchester & Chor der Universität Bremen hat Parry 2016 von dem Werk eine Fassung für Solosopran, Chor und großes sinfonisches Orchester erstellt. Diese Bearbeitung war nur möglich mit Hilfe einer großzügigen Spende der Karin und Uwe Hollweg Stiftung, der wir für dafür herzlich danken!

Parry schätzt den britischen klassischen Komponisten Ralph Vaughan Williams sehr; es war deshalb nahe liegend, dass das Orchester das Konzert in Bremen mit den beiden letzten Sätzen aus dessen „Pastoral Symphony“ eröffnet hat. Und das hat nicht nur musikalische, sondern auch inhaltliche Gründe: Vaughan Williams hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Komponist, Volksliedsammler und Autor die Beschäftigung mit englischer Volksmusik eingeleitet und mit dieser Besinnung auf die Wurzeln der englischen Musik die Basis für die Entstehung einer unverkennbar englischen Klangfarbe geschaffen. Er hat damit Vergleichbares für England getan wie Béla Bartók für Ungarn und Jean Sibelius für Finnland. Darüber hinaus war Vaughan Williams in seinem gesamten musikalischen Wirken bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein als Komponist, Organisator von Musik und Dirigent stets offen für die Musik des englischen alltäglichen Lebens, und auch das verbindet ihn mit Parry.

Was "An Anthology of All Things" einzigartig macht

Konzert in der Corn-Exchange/Bedford

Bei vielen Kompositionen und Aufführungen klassischer Musik besteht heute ein großer Abstand zwischen den Menschen, die die Musik erfinden, und denjenigen, die sie aufführen oder anhören. Bei "An Anthology of All Things" wird diese Kluft überbrückt: Bei der Uraufführung in Bedford 2012 saßen im Publikum und sangen im Chor sehr viele Menschen, deren Textzeilen von der Bühne erklangen; sie reproduzierten also nicht nur ein vorgefertigtes Werk, sondern sie hatten auch einen winzigen Teil des erklingenden Werks selbst produziert. Noch beim Besuch des Bedford Community Arts Choir in Bremen fünf Jahre nach der Uraufführung 2017 waren im Chor achtzehn Mitglieder, die in jeder Probe und allen Aufführungen ihren persönlichen Textzeilen wiederbegegneten. Das besondere Engagement dieser Chormitglieder war spürbar und übertrug sich auf den gesamten Chor.

Gemeinsame Konzerte in Bremen, Oxford und Bedford

Der Bedford Community Arts Choir kam zuerst Ende Januar mit 30 Mitgliedern als Gast von Orchester & Chor für ein verlängertes Wochenende nach Bremen. Die Ensembles probten nun zusammen in Anwesenheit des Komponisten Johnny Parry das, was sie vorher zu Hause getrennt geübt und vorbereitet hatten, und führten es beim gemeinsamen Konzert in der Glocke auf. 

Am darauffolgenden verlängerten Wochenende machten sich 100 Mitglieder von Orchester & Chor der Universität Bremen größtenteils im großen Doppeldecker-Bus auf den Weg nach England und gaben dort, wieder gemeinsam mit dem Bedford Community Arts Choir, ein Konzert in Oxford und ein Konzert in Bedford. Besonders das Konzert in Bedford war sehr beeindruckend für alle Beteiligten. Schon beim Stadtrundgang durch Bedford hatten die Bremer Gäste die Inschriften auf den Bänken am Ufer des Flusses Great Ouse besichtigt, die die Textvorlage für den Satz "Park Benches" bilden. Beim Konzert traten dann in der ersten Hälfte Singer-Songwriter aus Bedford und Bremen mit ihren selbstkomponierten Songs auf; die meisten davon waren auch Mitglieder in einem der Chöre. Damit wurde der Bezug zum originalen Singer-Songwriter-Genre noch einmal ganz direkt hergestellt. In der zweiten Konzerthälfte wurde dann "An Anthology of All Things" am Ort ihrer Uraufführung aufgeführt - für alle Beteiligten ein fast rauschhaftes Erlebnis.

Chor- und Orchestermitglieder in Bedford am Ufer der Great Ouse bei einer Bank, die eine Inschrift trägt, die im 5. Satz der "Anthology" als Text dient.
Chormitglied aus Bedford
Das Seminar beim Diskutieren des Plakatentwurfs.

Seminar, Einführungsvortrag und Programmheft

Die Konzerte am Ende des Wintersemesters 2016/7 wurden durch ein Seminar begleitet, das das Programmheft verfasst hat. Das Heft kann als PDF-Datei angesehen und heruntergeladen werden. Das Seminar hat außerdem am 21. Januar 2017 um 11 Uhr einen öffentlichen Einführungsvortrag zum Konzert im Haus der Wissenschaft/Sandstr. gehalten. Studierende aus dem Seminar haben die Konzerte in Bremen und Oxford moderiert.

Werk- und Satztitel, Ausführende und Konzertdaten

Classic meets Singer-Songwriter

Ralph Vaughan Williams: 3. Sinfonie - „A Pastoral Symphony“ (komp. 1922)

3. und 4. Satz (von vier Sätzen): Moderato und Lento

Johnny Parry: „An Anthology of All Things“ (komp. 2012)

Deutsche Erstaufführung und  gleichzeitig Uraufführung der Fassung für Chor und großes Orchester

I. Things I Like About Myself
II. Song for Someone
III. Childhood Heroes
IV. 1942
V. Park Benches
VI. Romantic Statements
VII. Enduring Memories from A Film
VIII. Pilgrimage

Ausführende

Sopran: Donna Lennard (London)
Moderation: Carolin Janssen (Teilnehmerin am Seminar)
Bedford Community Arts Choir (Einstudierung: Andrea Tweedale)
Orchester & Chor der Universität Bremen
Gesamtleitung: Susanne Gläß

Konzertmeister: Sören Schulze
Korrepetition Chorproben: Stefanie Adler
Stimmbildung Chor: Nils Roese
Coaching Holzblasinstrumente: Susanne Milkus (Bremer Philharmoniker)
Coaching Blechblasinstrumente: Ines Köhler (Bremer Philharmoniker)

Konzerte

Sonntag, 29. Januar 2017, 20 Uhr, Glocke/großer Saal, Bremen
Sonnabend, 4. Februar 2017, 20 Uhr, Wesley Memorial Church, Oxford/GB
Sonntag, 5. Februar 2017, 19 Uhr, Corn-Exchange, Bedford/GB

Konzert in der Glocke in Bremen
Konzert in der Wesley Memorial Church in Oxford/GB
Konzert in der Corn-Exchange in Bedford/GB