Zeit und Form im Spätmittelalter

Das spätmittelalterliche propositionale christliche Zeitwissen, grundlegend abgeleitet von der Bibel als Offenbarungsbuch und in Elitenkreisen philosophisch-theologisch über Jahrhunderte weiterentwickelt und diskutiert, schuf die traditionellen christlich-hegemonialen Rahmenbedingungen zeitlicher Erfahrungs- und Bewertungskontexte in weiten Teilen der Gesellschaften des 15. Jahrhunderts. Das in Sprache gebrachte metaphysische Wissen von Zeit manifestierte sich immer auch vielfältig in unterschiedlich perzipierbaren Formen, etwa über Artefakte, Musik, Architektur oder Kunst. Diese konkreten Formgebungen christlicher Zeitkonzepte, -vorstellungen, -strukturen und  -ordnungen spielten für ihre Kommunikation und ihr Verständnis eine tragende Rolle. Sie verhalfen dazu, die an sich unsichtbare und daher auf „Präsentation und Repräsentation angewiesene Zeit“ (Gamper/Hühn 2014, 12), in ihrer wenig intuitiven christlichen Abstraktion, auch abseits von Text sichtbar und verständlich zu machen. Die Übersetzung des sprachlich gefassten christlichen Zeitwissens ins materiell Förmliche, ins Räumliche also, steht im Fokus der geplanten Studie.

Mit besonders eindrücklicher ästhetischer Darstellungskraft gelang diese Übersetzung mit Hilfe von Flügelaltären. Nördlich der Alpen häufig im Triptychonformat, machten sie ihre Dreidimensionalität und Veränderbarkeit zu facettenreichen und feinnuancierten Objekten der zeitlichen Formgebung und damit zum probaten Mittel der Sichtbar- und Erfahrbarmachung christlicher Zeit (vgl. Rimmele 2018). Sie waren „Zeitmaschinen“ (Kiening/Stercken 2018, 5) am heiligsten Ort des Kircheninneren, als zentral sichtbare „Verkörperungen des Ungreifbaren“ (West-Pavlov 2013, 27). Über die künstlerisch-reflektierte Semantisierung ihrer spezifischen Eigenschaften als Bildträger (vgl. Rimmele 2010, 2016, 2018; Jacobs 2012, 2018, 2022) verschmolzen Bild und Objekt zu einer wahrnehmbaren Zeitgestalt, sodass mit ihrer Hilfe, als Werke im Vollzug, christliche Zeit in ihrer Vieldimensionalität öffentlich inszeniert, repräsentiert und in eine (be-)greifbare Form gebracht werden konnte. 

Wie vielfältig, reflektiert und elaboriert diese christliche Zeit über konkrete Flügelaltäre künstlerisch materialisiert wurde, innerhalb welcher historischen Kontexte die Werke ihre vielen ästhetischen Zugänge öffneten und damit dazu beitrugen, Zeit in Form zu bringen, bildet das Erkenntnisinteresse der geplanten Forschung. Diese besonderen Zeitgestalten unterlagen dabei selbstverständlich ihrer eigenen Zeitlichkeit – auch ihre Entwicklung im Verlauf des 15. Jahrhunderts soll daher aufgedeckt und historisch kontextualisiert werden.

Literatur

Gamper, Michael; Hühn, Helmut (Hrsg.): Zeit der Darstellung. Ästhetische Eigenzeiten in Kunst, Literatur und Wissenschaft, Hannover 2014.

Jacobs, Lynn F.: Opening the Doors: the early Netherlandish triptych reinterpreted, University Park, Pa. 2012.

Jacobs, Lynn F.: The Painted Triptychs of Fifteenth-Century Germany: Case Studies of Blurred Boundaries (Visual and Material Culture, 1300-1700), Amsterdam 2022. 

Jacobs, Lynn F.: Thresholds and Boundaries: liminality in Netherlandish art (1385-1530), London u.a. 2018. 

Kiening, Christian; Stercken, Martina (Hrsg.): Temporality and mediality in late medieval and early modern culture, Turnhout 2018.

Rimmele, Marius: Das Triptychon als Metapher, Körper und Ort: Semantisierungen eines Bildträgers, Paderborn u.a. 2010.

Rimmele, Marius: The Triptych and its Time Folds: Artistic Explorations around 1500, in: Kiening, Christian; Stercken, Martina (Hrsg.): Temporality and mediality in late medieval and early modern culture, Turnhout 2018, S. 41-74.  

Rimmele, Marius; Ganz, David (Hrsg.): Klappeffekte: faltbare Bildträger der Vormoderne, Berlin 2016.

West-Pavlov, Russel: Temporalities, 2013.