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(AKAD03) INSEL.Welten

Narrative eurozentrischer Denk- und Handlungsräume - Teil 2

“No Island is (only) an island.”
(Carlo Ginsburg, 2000)

Die Insel als Topos, als Metapher und vielschichtige Denkfigur begleitet die Menschheitsgeschichte von alters her. Doch, was macht ihren bis heute anhaltenden Zauber, ihre ungebrochene Verführungskraft aus, die sie auf die menschliche Einbil-dungskraft ausübt? Und, weiter gefragt: Welche ökonomisch-politisch-militärische Bedeutung wird ihr im globalen Wettstreit von den „Mächtigen“ zugeschrieben?

Zur Erinnerung: Der erste Teil der Veranstaltung (SoSe 2020) führte – ausgehend von einer historischen Betrachtung – in unterschiedliche Inselnarrative, ihre Bedeutungen, Projektionen und Wunschbilder in und für die Gegenwart ein. Es zeigt sich, dass die Insel, während sie in Antike und Mittelalter den Menschen noch zu Imaginationen eines sagenhaft-mythischen Traumlandes, zu Narrativen – hier verstanden als sinnstiftende Erzählungen - verhilft, sie im Zeitalter der Entdeckungen mit kolonialen Landnahmen und missionarischen Landgängen zu einem - entworfenen wie auch realen - „Erfahrungsraum“ wird: In Literatur, Kunst und Kartografie weitet und festigt sie gleichermaßen den globalen Selbstentwurf europäischer Denk- und Handlungsräume, legitimiert den westlichen Überlegenheits- und Zivilisationsanspruch. 

Erstaunlicherweise bleiben Inselbilder auch in Zeiten übergriffiger westlicher Entdeckung und Vermessung der Welt ambivalent: die Insel als Paradies, als Zufluchtsort, als Ort der angenehmen Abgeschiedenheit und Entspannung oder aber die Insel als Ort des Grauens, der Verbannung, der Vernichtung, der Apokalypse…

An diesen Überlegungen soll im zweiten Teil der Veranstaltung (WiSe 2020/21) weitergearbeitet werden. Dabei wenden wir uns gezielt aktuellen und/oder gegenwartsbezogenen Themen und Fragestellungen von modernen „INSEL.Welten“ zu.

Im Kampf der Narrative befinden sich Inseln bis heute im Fokus geopolitischer Interessen, nicht nur wichtiger Handelswege, knapper werdender Ressourcen und territorialer Integrität wegen, sondern gerade auch aus Gründen ihrer Verwick-lungen in politisch-militärische Auseinandersetzungen werden sie mit Interventionen überzogen.

Was allerdings nicht aus dem Blick geraten sollte: Inseln bildeten und bilden als physisch-reale „Trittsteine“ oder „Insel-brücken“ in den Meeren und Ozeanen einerseits überhaupt erst die Voraussetzung einer fortschreitenden Expansion der westlichen Welt, sie wurden und werden aber andererseits immer zugleich als Transiträume zu produktiven Orten (inter-)kultureller Begegnungen und dialogischer Austausch- und Verständigungsprozesse: Also, nicht nur Isolation, Abgrenzung und Bewahrung kultureller Eigenheiten, sondern auch Möglichkeiten für Weltoffenheit und Innovation sind unverbrüchlich mit der Insel verbunden. Konfrontiert mit weltweiten Migrationsbewegungen und Flüchtlingsströmen zeigt sich jedoch z.B. im Spannungsfeld von Seenotrettung und Grenzkontrollen im Mittelmeer auf den sagenumwobenen Inseln Lampedusa, Lesbos und Kos das ‚wahre‘ Gesicht Europas und der westlichen Welt…

Die junge Forschungsrichtung „Island Studies“ versucht, mit einer interdisziplinären und multiperspektivischen Herangehensweise tradierte Ordnungskategorien der eurozentrischen Moderne (wie kontinental / insular, Land / Meer, Zentrum / Peripherie, Autarkie / Vernetzung…) aufzubrechen und damit eine eurozentrierte Sicht zu vermeiden; sie bestärkt gerade auch indigen-originäre Inselperspektiven im Kampf um Unabhängigkeit und existentielle Überlebensstrategien. In diesem Kontext werden Inseln nicht mehr isoliert und vereinzelt betrachtet, sondern differenzierter als „archepelagisch“, in ihren weitverzweigten und vielschichtigen Beziehungsgeflechten, Umweltbedingungen und Globalisierungswirkungen und -dynamiken wahrgenommen und analysiert.

Das Seminar veranschaulicht – medial gestützt und in kritischer Auseinandersetzung – Widersprüche und Ambivalenzen in Narrativen eurozentrischer Denk- und Handlungsräume (in Bereichen von Kunst, Literatur, Wissenschaft, Politik…) und gibt darüber hinaus Einblicke in aktuelle De-Konstruktionsdiskurse.

Literatur:

Für das Seminar wird eine Textsammlung in Form eines Readers zur Verfügung gestellt.

Dozentin:     Dr. Ursula Dreyer

Zeit:             Dienstag, 10:00 s.t. - 11:30 Uhr

Hinweis:       Die Teilnahme am Seminar setzt nicht die Mitarbeit im ersten Veranstaltungsteil (aus dem Sommersemester 2020) voraus.

Veranstaltungsart:   Online-Seminarreihe

Kontakt

Nicole Lehmkuhl
Maike Truschinski
Jaroslaw Wasik

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