Zum Hauptinhalt springen

(P) Saša Stanišićs Roman „Herkunft“

Stanišić beschreibt seinen Roman als „ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.“ Im Fall des Autors besteht dieses „Danach“ aus einer Flucht und den daraus entstehenden verschiedenen „Heimaten“, Sprachen und Erinnerungen. Seine erste Heimat Višegrad verkörpert für ihn die Großmutter, deren Lebensgeschichte er sammeln möchte, bevor diese sie in ihrer Demenz endgültig vergisst. So wird der Roman zu einer Sammlung der vielschichtigen Familiengeschichte, die aus vielen Anekdoten besteht, zahlreiche Fragen aufwirft und schlussendlich doch zu einer Klärung der eigenen „Herkunft“ führt.

Der historisch-politische Hintergrund von Stanišićs Roman ist der Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens. Der autofiktionale Erzähler erinnert sich daran, wie er als kleiner Junge die ersten Anzeichen der ethnischen Spannungen wahrgenommen hat. Diese führen schnell in einen Krieg, der nur die Flucht aus der ursprünglichen Heimat bedeuten kann. Über Serbien, Ungarn und Kroatien fliehen zunächst Mutter und Sohn nach Deutschland. Ein halbes Jahr später folgt der Vater, nach dessen Schlaflosigkeit und Narbe am Oberschenkel sich der Sohn nicht zu fragen traut. Ob die Zurückgebliebenen noch leben, wird sich erst nach und nach erschließen, da der Kontakt in die kriegserschütterte Region schwierig bis unmöglich ist.

Der Roman widmet sich auch den Schwierigkeiten des Ankommens nach der Flucht, den Unsicherheiten des Spracherwerbs, der eigenen Wertigkeit als Geflüchteter. Die Frage nach der „Herkunft“ beinhaltet Fragen nach der eigenen, gefühlten Zugehörigkeit, den Verletzungen und Brüchen, den Hoffnungen und Träumen.

Stanišić wurde am 7. März 1987 in Višegrad, d.h. im damaligen Jugoslawien und heutigen Bosnien-Herzegowina, geboren. Seine Mutter war eine bosnische Politikprofessorin, sein Vater ein serbischer Betriebswirt. Als serbische Truppen 1992 Stanišićs Heimatstadt besetzten, floh die Familie zu einem als Gastarbeiter tätigen Onkel nach Heidelberg. Die Mutter fand Arbeit in einer Wäscherei, der Vater auf dem Bau. Während Stanišić nach dem Besuch der Förderklasse der Internationalen Gesamtschule in Heidelberg Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studierte, wanderten seine Eltern in die USA aus. Ab 2001 veröffentlichte Stanišić Gedichte, Essays und Kurzgeschichten. 2004 nahm er ein Zweitstudium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig auf. Mit seinem 2006 vorgelegten autobiographischen Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ wurde Stanišić bekannt. 2013 erhielt der Autor die deutsche Staatsbürgerschaft. Als weitere Werke folgten der zweite Roman „Vor dem Fest“ (2014) und der Erzählband „Fallensteller“ (2016). 2019 erschien die autofiktionale Erzählung „Herkunft“, für die Stanišić den Deutschen Buchpreis erhielt.

Der Roman liegt als Taschenbuch vor.


Dozentin:    Dr. Ina Düking

Termine: 6 x montags und donnerstags:

  • Montag,    08.03.2021,
  • Montag,    15.03.2021,
  • Donnerstag,    18.03.2021,
  • Montag,    22.03.2021,
  • Donnerstag,    25.03.2021,
  • Montag,    29.03.2021

Zeit:        14:00 (s.t.) bis 15:30 Uhr

Entgelt:    36.- Euro

Veranstaltungsart:    Online-Seminarreihe

Sie möchten sich anmelden?

[Zur Online-Anmeldung]